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05|09|10
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„Armut kann jeden treffen!“

Beate Weber-Kehr über die wachsende Bedeutung der Tafelarbeit

Vor nunmehr 13 Jahren ließ Beate Weber-Kehr ihren bislang  ausgeübten Beruf als Sozialarbeiterin im Jugendamt hinter sich und wurde „Tafelmensch“, wie sie selbst sagt. Das Ziel der 50-jährigen Powerfrau, die Tafelidee in der Kleinstadt Bad Blankenhain zu etablieren, hat die zweifache Mutter ohne Zweifel erreicht – nicht zuletzt auf Grund ihrer langjährigen Erfahrung im Umgang mit bedürftigen Menschen. Als große Herausforderung sieht Beate Weber-Kehr allerdings  nach wie vor die große Verantwortung, die ihre Rolle als Vorstandsvorsitzende des Bad Blankenhainer Tafel e. V. mit sich bringt. „Aber die Arbeit hinterlässt auch Spuren...“, resümiert die Wahl-Weimarerin, die erst vor wenigen Tagen vom diesjährigen Bundestafeltreffen in Berlin zurückkehrte.

 Sind Sie mit den Ergebnissen des  Bundestafeltreffens zufrieden?
Wir haben erlebt, dass es zum Beispiel eine breite Diskussion zu den bevorstehenden Sparmaßnahmen der Regierung und der schon vorhandenen Armutsentwicklung in Deutschland gibt. Armut trifft schon lange nicht mehr nur die dafür klassischen Personenkreise, sondern alle Schichten der Bevölkerung können schnell in diesen Strudel geraten – sei es durch Firmenpleiten, Krankheit, Scheidung... Wir haben große Unterstützung unseres ehrenamtlichen Engagements durch Firmen erlebt, die ihre Dienstleistungen oder Produkte kostenfrei oder ermäßigt den Tafeln zur Verfügung stellen. Der Bundesverband und die Geschäftsstelle sind zu wahren Dienstleistern für alle Tafeln geworden – in Internet und Intranet können die Tafelhelfer zahlreiche Hilfestellungen für ihre administrativen Arbeiten erhalten oder Tipps und Hinweise nutzen. Diese Chancen gab es nicht, als wir vor 13 Jahren unsere Tafel aufgebaut haben.

Welchen Stellenwert hat die  Arbeit in Ihrem Leben?
Die Tafelarbeit ist ein wichtiger Lebensinhalt geworden. So erlebe ich mit Freude, dass sich auch viele ehrenamtliche und andere Mitarbeiter durch die Tätigkeit in Fördermaßnahmen bei uns weiterentwickelt haben.

Hat sich Ihr persönlicher„Werte-Maßstab“ verändert?
Eine gute Frage: Ich erlebe täglich schwere Schicksale, Menschen, die keine Chance mehr erhalten, ihr Leben selbstbestimmt und mit den Früchten der eigenen Arbeit zu bewältigen. Ihr Wille und die Stärke, die in ihnen steckt, weicht manchmal einer Resignation. Wenige bleiben starke Kämpfer, nehmen Unbequemlichkeiten auf sich und starten an anderer Stelle neu durch. Kranke und Alleinerziehende, Familien mit mehreren Kindern sind die „Verlierer“ – ihnen bleiben Entbehrungen, der Kampf ums würdige Überleben und den Kindern eine sorgenfreie Zukunft zu sichern. Andererseits sind Wohlstand und Reichtum bei Wenigen geblieben oder gestiegen, das solidarische Handeln – insbesondere bei Abgeordneten oder Politikern insgesamt – ist oft nur eine Worthülse.

Haben Sie häufig mit Vorurteilen zu kämpfen?
Ja, es gibt schon verschiedene Auffassungen zu unserer Arbeit – das Leben am Limit, wie es durch Transferleistungen organisiert ist, ist unglaublich schwer. Jeder, der nur wenig Geld zur Verfügung hat, muss ein guter Manager seiner Finanzen sein. Außerplanmäßige Ausgaben reißen existenzbedrohende Lücken, Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ist nicht mehr möglich. Psychische Probleme folgen auf den Fuß. Wer mag beurteilen, wann jemand selbstverschuldet in Not geraten ist oder eine Kettenreaktion alles hervorgerufen hat. Wir helfen – unabhängig von Schuldzuweisungen – und geben den Menschen mit den  überschüssigen Lebensmitteln ein Zeichen, dass doch noch jemand für sie da ist, ihnen die Hand reicht und ihnen ein Forum gibt, wo sie sich angenommen fühlen. Die Achtung vor den Lebensmitteln, die ohne uns in der  Verwertung gelandet wären, ist ein großes Anliegen der Tafeln. Alle Widersacher lade ich dann gern ein, sich mit den betroffenen Menschen auszutauschen und die Tafelarbeit live zu erleben. Leider gibt es wenige, die genauer hinter die Kulissen schauen wollen.

Was ärgert Sie in Hinblick auf die Tafel?
Manchmal sind der tägliche Ablauf und die wiederkehrenden kleinen Organisationsprobleme aufreibend. Aber auch da haben wir bisher immer eine Lösung gefunden und uns durch diese Problembewältigung stetig weiterentwickelt. 
Tatsächlich schwierig ist die finanzielle Unterstützung der Tafelarbeit. Wir arbeiten auf Spendenbasis, das heißt, wir haben keine steten Einkommen, die die laufenden Kosten abdecken. Die wirtschaftliche Situation der hiesigen Firmen erlaubt keine Großspenden, wie es in den Alt- Bundesländern oftmals der Fall ist. Die Arbeit auf dieser Seite des Landes ist um vieles schwieriger und nicht vergleichbar. Hier gibt es zum Beispiel auch keine Dichte von Lebensmittelherstellern, die ihre Waren zur Verfügung stellen könnten. Diese bleiben vornehmlich in den Ballungszentren und den dort ansässigen Tafeln.

Was wünschen Sie sich von der Politik als auch der Bevölkerung?
Brandaktuell erleben wir über das beschlossene Sparpaket der Bundesregierung den Trend der letzten Jahre hautnah: Sparen am großen Haushaltsposten des Landes, den Sozialausgaben! Es wird von den Menschen, die schon das Wenigste haben, die Rettung des Landes abgefordert. Paritätische Verteilung der Sparmaßnahmen als Zeichen des solidarischen Ansatzes wäre der richtige Weg. Wir Tafelmenschen wünschen uns von der Bevölkerung ein bürgerliches Engagement für die Schwächeren ohne Schuldzuweisung, denn wie ich schon erwähnte, ist Armut keine Domäne von Fehlverhalten; es kann jeden treffen. Von den Politikern sollten alle Anstrengungen unternommen werden, allen Menschen die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen und ihnen ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen. Die Tafeln sind auf diesem Weg nur ein Mosaikstein, eine einfache praktische Hilfe mit Dingen, die in der Gesellschaft vorhanden sind, produziert wurden und keine Verwendung finden. Bevor sich die Verwertungsindustrie über Gewinnmaximierung freut, bringen wir die Dinge dahin, wofür sie bestimmt sind. Wir wünschen uns von der Politik mehr Unterstützung ganz praktischer Art: finanzielle Hilfe bei der Bewältigung der anfallenden Betriebskosten, Würdigung der Arbeit im Ehrenamt und „Türöffner“ zu sein bei potentiellen Unterstützern und Sponsoren.    
D. Eichler