Klimawandel bewegt Generationen: „Wir sind laut, weil Ihr uns die Zukunft klaut!“

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Der 20. September ist „Weltklimatag“. Dieses Jahr fiel er auf einen Freitag, der obendrein in Thüringen eine Premiere war: Der 20. September ist nämlich auch Internationaler Kindertag und seit diesem Jahr gesetzlicher Feiertag im Freistaat. Gut möglich, dass vor allem das Letztere dazu führte, dass bei der vierten „Fridays for future“-Demo in Gotha nicht nur Schülerinnen, Schüler, Studierende und Auszubildende, sondern auch jede Menge ältere Semester dabei waren.

Es war fünf vor Zwölf, als vorm Portal des Roten Rathauses ein Brautpaar stand – und drum herum rund 200 Jugendliche, Frauen und Männer im gestandenen und im höheren Alter. Sie waren aber nicht Hochzeitsgäste. Vielmehr läutete dann das Carillon am benachbarten Gebäude eine eher rebellische Aktion ein. Dazu hatten Selina Franke und ihr Organisationsteam aufgerufen. Das Team mit der 16-Jährigen vom Arnoldi-Gymnasium an der Spitze koordiniert seit Mai den Residenzstadt-Ableger der weltweit stattfindenden Demos „Friday for Future“.

Und nicht nur in Gotha trafen sich Klimaaktivisten. Beim weltweiten Aktionstag gingen In Australien 300.000 auf die Straße, gab es allein in Deutschland in rund 570 Städten Kundgebungen, Demonstrationen, Acts, Konzerte.

In Thüringen fanden sich nach Angaben der Nachrichtenagentur dpa über 7.000 Menschen bei den Klimaprotesten ein. In Erfurt und Jena versammelten sich nach Einschätzung der Polizei jeweils etwa 2.500 Demonstranten. Es kamen – wie in Gotha – nicht nur Schüler und Jugendliche, sondern auch viele Familien und ältere Menschen. Weitere Demos gab es in Altenburg, Suhl, Weimar, Nordhausen, Gera, Mühlhausen und Greiz.

Neben dem Protestzug in Gotha soll nach Angaben des mdr auch in Waltershausen eine Kundgebung mit 40-50 Leuten stattgefunden haben.

All dies begann vor einem Jahr, als die 16-jährige Schwedin Greta Thunberg einen Schulstreik unter dem Motto „Fridays for Future“ und vorm schwedischen Parlament initiierte. Thunberg ist seither die Ikone dieser seit den 1968er-Zeiten wohl größten Umweltbewegung. Sie hat rasanten Zulauf und Unterstützung von Künstlern wie Michael „Bully“ Herbig, Volker Pispers, Konstantin Wecker und Nora Tschirner, mehr als 23.000 Wissenschaftlern und Politikern wie u. a. Ex-US-Präsident Obama findet. Sie alle sind sich sicher: „Wir haben nur eine Erde!“, wie einer der vielen Sprüche auf den Plakaten und Transparenten lautete, die am vorigen Freitag in Gotha zu sehen waren.

Im Demozug war übrigens auch Clemens Festag, der Schulleiter des Arnoldi-Gymnasiums: „Ich finde das Anliegen sehr wichtig und es ist toll, dass sich die Jugendlichen dafür engagieren und Ältere mitreißen.“ Angesprochen auf den immer wieder vorgetragenen Vorwurf der Schulschwänzerei stellte er klar, dass die Demos freitags nach zwei, also nach üblichem Schulschluss stattfänden. „…und wenn sie ausnahmsweise mal eine siebte Stunde verpassen, holen sie das nach. Darum sehe ich das alles sehr entspannt.“

Begonnen hatten die Proteste in Gotha am 18. Mai. Da fanden sich rund 300 Engagierte; gewiss ein guter Anreiz, weiter zu machen. Aufmerksamkeit von Anfang an war der rebellischen Truppe allemal sicher: Die erste Demo führte der Gothaer Graffiti-Künstler Felix Margraf an, auch bekannt als „Fünfzwo“. Er hatte nicht nur das Logo für die Gothaer Klimaretter entworfen. Als Affe und „Agent Monkey“ rollte er eine XXL-Plastikkugel vor sich und dem Demozug her. Symbolisch zum Thema der Proteste war die zuvor mit Verpackungsabfällen aus umliegenden Geschäften und Läden gefüllt worden. Passend dazu auch das Motto des Mai-Marsches: „Plastik überrollt uns!“

Eine ganze Aktionswoche gab es dann im Juli. Dazu gehörte eine der größten Fahrraddemos, die die Stadt bis dato sah. Angeregt hatte sie die „Fridays for Future“-Initiatoren Selina Franke, Lina Staab und Franz Deubner. Die Gothaer Ortsgruppe des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs (ADFC) war ebenfalls involviert: „Mehr Platz fürs Rad“ war schließlich ein Motto des Tages. Teilnehmer der Aktion bemängelten fehlende Fahrradstellplätze in der Innenstadt, zu wenig Radspuren auf Straßen, generell zu wenige Radwege für eine alternative Fortbewegung, die dem Klima keinen Schaden zufüge.

Doch die Gothaer Klimaaktivisten rebellieren nicht nur lautstark und sagen eindeutig ihre Meinung. Sie packen auch an. Gleich bei ihrer ersten Müllsammelaktion „Clean Up Gotha“ im Mai hatten sie binnen zweier Stunden in der Innenstadt einen ganzen Anhänger mit Abfall gefüllt. Ein zweites „Clean Up Gotha“ fand im Juni statt, bei dem der Bahnhof und sein Umfeld beräumt wurden.

Überregionale Aufmerksamkeit erlangten die Proteste in Gotha im Sommer: Da hatten die Jugendlichen Sprüche und Bilder auf den Hauptmarkt gemalt. Daraufhin wurde von der Stadtverwaltung die Berufsfeuerwehr angefordert, die die Kreidezeichnungen mit viel Wasser wegspülte.

Inzwischen flankieren weitere Initiativen die „Fridays for Future“-Bewegten in der Residenzstadt. Im September startete das Projekt „Wildwuchs Gemeinschaftsgarten Gotha”. Initiiert hat das Lina Staab (16). Für den Aufbau zweier Hochbeete brauchte es zunächst ein passendes Grundstück. Weil man sich gleich ans Gartenamt Gotha gewandt hatte, fand sich das in der Enckestraße zwischen Tankstelle und Europa-Kreuzung. Die ersten Samen wurden gelegt, zarte Pflänzchen gesetzt.

Wie sagte bei der Freitagsdemo Simone Stephan aus Winterstein? „Ein jeder kann etwas für das Klima tun, ein jeder braucht nur einen kleinen Beitrag zu leisten.“ Welch wahre Worte.

The Londoner - Gotha

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