In seiner außergewöhnlichen WM-Chronik „Tore, Tränen und Triumphe – Die größten Geschichten der Fußballweltmeisterschaften seit 1930“ (Droemer, 26,00 Euro, bereits erschienen) entwirft Autor Andreas Matlé (65, „Deutsche Dinge – Eine Geschichte in 75 Objekten“) ein differenziertes Bild des weltweit größten Einzelsporttourniers. Sein Blick richtet sich nicht auf dröge Statistiken, sondern vielmehr auf spannende, heitere und tragische Episoden, die den Fußball zum Spiegel der Gesellschaft machen. Ein Gespräch.
Herr Matlé, ist die Entstehung dieses Buches einer persönlichen Leidenschaft geschuldet?
Die Leidenschaft war früher da, ja. Mittlerweile ist sie teilweise dieser ganzen Kommerzialisierung und Entseelung des Sports gewichen, was im Buch auch ein bisschen rüberkommt. Ein Grundinteresse ist aber immer da. Die Entstehungsgeschichte dahinter ist, dass ich für Droemer das Buch „Deutsche Dinge – Eine Geschichte in 75 Objekten“ geschrieben habe. Das ist ganz gut gelaufen. Es gab eine zweite Auflage und der Verlag war mit allem zufrieden, auch mit unserer Zusammenarbeit. Meine ursprüngliche Idee war, dass man eine Schnapszahl wie 55, 66 oder 77 nimmt und über die größten Bundesliga-Ereignisse schreibt. Nach drei Wochen kam die Rückmeldung, dass das wunderbar sei und sie das gerne international hätten. Ich dachte mir: Warum nicht? International gibt es natürlich noch mehr Geschichten.
Sie haben eine Vielzahl an Fakten, Anekdoten und Hintergrundgeschichten zusammengetragen. Welche Quellen waren für Sie die ergiebigsten?
Ich hatte zwei Standardwerke, die aber primär auf Statistiken und Mannschaftsaufstellungen eingegangen sind. Dazu gibt es bereits sehr viel Literatur. Wenn ich heute wissen will, wer 1958 im Halbfinale in welcher Spielminute eingewechselt wurde, kann ich das außerdem bei Wikipedia nachschauen. Das war nicht der Ansatz. Neben diesen Standardwerken habe ich mir ganz klassisch über Wikipedia die Grundinformationen gesichert, bin dann aber in die Nischen hineingegangen. Das war das Entscheidende: Irgendwie eine kleine Information am Rande zu finden, der man dann nachgeht. So kommt man auf viele Geschichten, die nicht auf der Hand liegen, die aber sehr viel aussagen. Die zweite Sache – auch wenn sie nicht immer gelingt – ist, dass man den Vergleich mit der Gesellschaft sucht. Es werden viele Themen aufgegriffen, die auch in der nicht-Fußball-Gesellschaft relevant sind. Politik, Rassismus, die Emanzipation der Frauen, Alkoholismus und Kommerzialisierung. Diese Themen gibt es nicht nur im Fußball, sie existieren auch parallel in der Gesellschaft. Auch wenn diese These nicht neu ist: Fußball ist immer ein Spiegelbild der Gesellschaft. Das sollte sich auch in diesem Buch niederschlagen.
Welche neuen Erkenntnisse haben Sie besonders überrascht oder erheitert?
Da fallen mir zwei Dinge ein. Ich fange mal mit dem Kuriosen an. Das war ein Qualifikationsspiel im Jahre 1994 zwischen Barbados und Grenada. Aufgrund der damaligen Golden-Goal-Regel kam es zu einem völlig absurden Spielverlauf. Zumal es in der Karibik noch die Sonderregel gab, dass ein Golden Goal in der Tabelle doppelt zählt, wenn es um ein Entscheidungsspiel geht. Das hat dazu geführt, dass es zu bestimmten Zeitpunkten in diesem Spiel im Interesse beider Mannschaften war, ein Eigentor zu schießen, um die Verlängerung zu verhindern, oder das gegnerische Tor zu verteidigen, weil die Gegner ein Eigentor schießen wollten.
Und die andere Geschichte?
Die ist eher tragisch. Zwischen 1938 und 1950 fand keine Weltmeisterschaft statt. Ich wollte aber auch über diese Zeit etwas schreiben, da Fußball immer weitergespielt wurde. Völlig absurderweise gab es in Deutschland im Sommer 1944, als die Russen schon zur Offensive angesetzt hatten und die Alliierten in der Normandie geladen waren, ein Endspiel um die deutsche Meisterschaft. Man hat erst im Herbst 1944 den Spielbetrieb eingestellt, obwohl in Italien, England und anderen Ländern schon lange kein Fußball mehr gespielt wurde. Ich habe also geschaut, was damals los war. So bin ich auf das sogenannte Todesspiel im Jahre 1942 gestoßen.
Worum ging es dabei?
Das war ein Spiel zwischen Fußballspielern aus dem besetzten Kiew und Angehörigen der deutschen Wehrmacht. Die Kiewer haben das Spiel gewonnen und es hieß, dass die SS alle ukrainischen Spieler erschossen habe, weil sie sich getraut hatten, die Deutschen zu besiegen. Diese Geschichte hat man auch abgenommen, da die Deutschen ja bereits schreckliche Dinge angerichtet hatten. Warum also nicht auch so etwas. Für die Sowjets war das ein gelungenes Stück Propaganda. Die Legende wurde nach dem Krieg auch in der DDR weitergeführt, in zahlreichen Büchern und Filmen. Selbst im BRD-Fernsehen gab es einen Bericht darüber. Nachdem die Archive geöffnet wurden, kam heraus, dass überhaupt nichts daran wahr war. Es kamen drei ukrainische Spieler um, aber im Verlauf von Kampfhandlungen danach. Diese Geschichte war mir völlig und ich glaube auch nicht, dass sie viele Menschen kennen.
Wir lernen in Ihrem Buch, dass Hooligans keine Erscheinung der Neuzeit sind.
Ich habe eine Quelle gefunden, laut der die „Times“ schon in den 1890er Jahren im Zusammenhang mit Fußball von Hooliganismus gesprochen hat. Das ist also kein neues Phänomen. In den 70er Jahren ist es eskaliert, danach hat man es eingedämmt. Die Gewalt steckt schon immer im Menschen und drückt sich auf ganz verschiedene Arten und Weisen aus. Natürlich ist es interessant, dass Gewalt – gerade außerhalb des Spielfeldes – im Fußball eine Rolle spielt. Nach meinem Wissen findet man das in keiner anderen Sportart. Man sieht es nicht beim Handball, man sieht es nicht beim Eishockey. Auch beim American Football sieht man keine Fans, die sich prügeln. Obwohl der Sport auch relativ hart ist. Das ist spezifisch im Fußball. Es wäre mal eine Überlegung wert, das zu untersuchen. Es würde mich wundern, wenn es nicht schon kluge Abhandlungen gäbe.
Sie thematisieren die stetig steigende Kommerzialisierung des Fußballs. Kann es hier Ihrer Meinung nach auch zu einer Rückentwicklung kommen?
Wenn man sich die Geschichte anschaut, lief alles immer auf einen vermeintlichen Höhepunkt zu. Dann hat man es übertrieben und alles ist zusammengebrochen, so dass man es wieder von vorn aufbauen musste. In diesem Fall ist es eine Gefahr oder zumindest eine Möglichkeit, dass die Vereine sich immer mehr überschulden und daran zusammenbrechen. Es gab bereits Berichte über spanische und italienische Vereine, die völlig überschuldet sind. Wenn dann das Rad mal nicht weiterläuft und kein Geld mehr reinkommt, kann das sehr schnell zusammenbrechen. Auf der anderen Seite stellt sich die Frage, wie lange die Fans das noch mitmachen. Es gibt Berechnungen, dass man120 Euro bezahlen muss, wenn man wirklich alle Spiele sehen will. Irgendwann könnte das an Grenzen stoßen. Aber da das ganze System auf diesen Geldern aufgebaut ist, stellt sich dann die Frage: Was passiert in diesem Fall? Man sieht schon, was für Preise bei der Weltmeisterschaft in den USA verlangt werden. Das hat mit Volkssport überhaupt nichts mehr zu tun.
Sie sehen die kommende WM eher kritisch. Welche Bedenken treiben Sie um?
Die sind allgemein bekannt. Man weiß am Ende nicht, welche Menschen reindürfen, welche abgewiesen und welche vielleicht verhaftet werden. Man weiß nie, was Donald Trump wirklich macht und was nur Gerede ist. Wenn er auf einmal sagt, es sei an einem Ort unsicher, verlegt er dann auch Spiele? Könnte passieren. Was ist mit der iranischen Mannschaft? Kommen sie, kommen sie nicht? Was passiert mit ihnen dort? Es gibt so viele Unwägbarkeiten. Bei den bisherigen Weltmeisterschaften sprang immer ein gewisses Gemeinschaftsgefühl über. Meine erste WM, die ich als Kind miterlebt habe, war 1970 im fernen Mexiko. Dieser Spirit ist da definitiv übergesprungen. Ob das in Amerika herüberschwingt, wo die eigene Bevölkerung der Sache eher kritisch gegenübersteht? Was dem Ganzen auch abträglich sein wird, ist die Tatsache, dass die übernächste WM auf drei Kontinenten stattfinden wird. Man spricht doch immer über Nachhaltigkeit. Warum soll man da dann nach Südamerika fliegen? Und die WM danach wird wieder in Saudi-Arabien ausgetragen, was eine weitere Weihnachts- und Wüsten-WM bedeutet. Wir alle wissen, warum das gemacht wird: Um auch noch den letzten Euro herauszuholen.
Ist Manuel Neuer der richtige Mann für das deutsche Tor?
Das kann ich nicht sagen. Ich finde nur die Art und Weise nicht besonders toll, wie das kommuniziert wurde. Oliver Baumann ist offenbar in dem Bewusstsein gesetzt worden, dass er die Nummer 1 im Tor sein wird. Dass er das durch eine öffentliche Diskussion mitbekommen hat… Es stände einem Bundestrainier schon gut, den Mann mal anzurufen und zu sagen: Wir haben andere Ideen, so ist es nun mal. Ich hoffe, du bist nach wie vor bei uns. Man mag überhaupt nicht daran denken, aber es heißt auch, dass Neuer noch eine Verletzung hat. Wenn er sich im ersten Spiel verletzt, ist die Stimmung in dieser ganzen Mannschaft schon wieder ruiniert. Wir wissen, was die Medien daraus machen werden.
Wie kommentieren Sie den Aufstieg des 1. FC Elversberg in die 1.Liga?
Puh, da bin ich überrascht. Es ist schön, dass es solche Außenseiter schaffen können. Aber ich befürchte, dass so eine Mannschaft nicht die Puste haben wird, um das zu überstehen. Die Leistungsträger werden wahrscheinlich weggekauft. Sie haben gerade mal 13.000 Zuschauer, es gibt keine internationalen Gelder und sie selbst werden wahrscheinlich auch nicht viel Geld haben. Ich fürchte, dass all der Enthusiasmus, der bei dieser Mannschaft offenbar da ist, da sie das sonst überhaupt nicht geschafft hätten, gegen die Praxis und Realität nicht ankommt. Es ist bereits fast 30 Jahre her, dass der 1. FC Kaiserslautern aufgestiegen ist und sofort Meister wurde. Das hat es vorher wie nachher nicht gegeben. Wenn Mannschaften wie Hoffenheim oder Frankfurt einmal international spielen, sieht man in der nächsten Saison, dass auf einmal irgendwie die Luft aus ist. Sie sind offenbar überfordert und die Personaldecke ist zu dünn. Bayern oder Dortmund schicken die zweite Mannschaft hinein, sind aber immer noch besser als alle anderen. Und selbst bei den Bayern ist es bewundernswert, dass die überhaupt mithalten können. Die englischen Mannschaften bekommen Gelder aus dem Fernsehen. Das ist unglaublich. Und dann sind noch irgendwelche Scheichs oder Investoren im Spiel, die zusätzlich Geld reinpumpen. Davon ist die Bundesliga völlig fern. Eine interessante Frage: Was wäre denn, wenn man das alles reduziert? Beim American Football gibt es zum Beispiel ein System, nachdem die Tabellenletzten im nächsten Jahr als erste ihre neuen Spieler auswählen dürfen. Das würde etwas mehr Gerechtigkeit ins Spiel bringen.
Wer ist Ihr WM-Favorit?
Gott sei Dank kann die KI das noch nicht berechnen. Im Buch gibt es ein schönes Beispiel von 1962. Die Sowjetunion hatte damals das Elektronengehirn vorgestellt, welches ausgerechnet hat, dass sie Weltmeister wird. Sie sind dann bereits im Viertelfinale ausgeschieden. Am Ende lebt der Fußball davon, dass es Überraschungen gibt. Vom Gefühl her würde ich Spanien sagen.
Die Fragen stellte André Wesche.
Dieser Beitrag erschien ursprünglich im Oscar am Freitag-Magazin, Ausgabe 5 (2026)





















