Uta Briesewitz, geboren und aufgewachsen in Leverkusen, hat sich als eine der gefragtesten Hollywood-Regisseurinnen etabliert. „Stranger Things“, „Orange Is The New Black“ oder jüngst „The Pitt“: Wenn eine Serie für Furore sorgt, ist im Abspann oft der Name der 59-jährigen zu lesen. Nun gibt Briesewitz ihr Kinospielfilm-Debüt. Der Thriller „American Sweatshop“ (Kinostart: 30. April) spielt im Milieu der sogenannten Content-Moderatoren, deren Aufgabe es ist, sittlich verdächtige Internetvideos zu sichten und im Zweifelsfall zu löschen. André Wesche sprach für uns mit ihr.
Frau Briesewitz, Sie sind ein stark visuell geprägter Mensch, Sie haben zuerst gemalt und wurden dann Kamerafrau. Warum widmen Sie Ihr Spielfilmregiedebüt ausgerechnet den schlimmsten Bildern, die Menschen produzieren und konsumieren können?
Genau aus diesem Grund: Aus meiner Liebe zu Bildern und wie man mit ihnen lebt, wie sie die Seele beeinflussen, bereichern und verschönern. Das ist aber sehr fragil. Wenn man sich brutalen Bildern aussetzt, zahlt man auch einen Preis dafür. Deswegen hat mich „American Sweatshop” so interessiert. Ich habe das immer als ein Petrischalen-Experiment gesehen. Man steckt viele Menschen in einen Raum und zeigt ihnen acht Stunden pro Tag das Schlimmste, was das Internet zu bieten hat. Was kommt dabei heraus? Sie ziehen sich normalerweise sozial zurück, werden einsamer und depressiv, entwickeln PTSD oder werden manchmal sogar suizidal. Das hat mich sehr aufgerüttelt. Das ist das Extrem. Aber was passiert mit uns, die wir hin und wieder, aber doch irgendwie ständig, in unserem Gebrauch von Social Media schlimme Sachen sehen? Zahlen wir da auch einen Preis? Werden in unseren Gehirnen auch neue Verbindungen gebildet und tragen wir langfristig gesehen auch diese Schäden davon? Vielleicht passiert es nicht so schnell wie bei Leuten, die in einer solchen Firma arbeiten. Aber was passiert mit uns?
Mussten Sie sich selbst solchen Clips aussetzen, um mitreden zu können?
Das habe ich ganz bewusst nicht gemacht. Es hat mir gereicht, Berichte von Augenzeugen zu lesen. Ich habe all die Magazinberichte gelesen, auf denen das Drehbuch beruht. Es ist wie in unserem Film. Manchmal ist der Titel genug. Unsere eigene Fantasie füllt dann die Lücken mit den dunkelsten Bildern. Wenn du einen Titel liest wie „Fetus in a blender“, kann ich mir das vorstellen, will es aber nicht sehen.
Wie haben Sie auf der emotionalen Ebene mit Hauptdarstellerin Lili Reinhart gearbeitet?
Es ist immer interessant, wenn man mit Schauspielern arbeitet, die eine dunkle Rolle spielen. Sie leben diese Rolle dann auch. Lili macht kein Geheimnis daraus, dass sie auch an Depressionen leidet und psychische Gesundheitsprobleme hat. Am Set war sie immer sehr fokussiert und wusste genau, wo sie innerhalb der Geschichte ist, was ihre Performance anbelangt. Manche Schauspieler wollen aufgefangen werden und andere Schauspieler wollen eine Distanz halten, damit sie fokussiert bleiben können. Ich glaube, dass Lili eher in die zweite Kategorie gehört. Sie hat sich von allen anderen distanziert, damit sie in dieser sehr bedrückenden Welt weiterleben kann. Dann will man auch keine spaßigen Momente am Set haben, sondern dem Schauspieler den Platz geben, in dieser Welt zu leben. Das war natürlich eine große Verpflichtung und sehr schwierig.
Christiane Paul spielt die Chefin der Content-Moderation Agentur. Wie ist sie zu dem Projekt gekommen?
Sie wurde von meiner tollen Produzentin Anita Elsani vorgeschlagen. Wo wir konnten, wollten wir in erster Linie deutsche Schauspieler einsetzen. Wir haben auch nur mit einer deutschen Crew gedreht. Die Rolle der Joy Jones konnten wir mit einer Deutschen besetzen, bei der man auch noch einen deutschen Akzent hört. Das hat für uns Sinn ergeben. Sie könnte ausgewandert oder als Studentin nach Florida gegangen und dann dortgeblieben sein. Christiane Paul ist natürlich eine tolle Schauspielerin. Wir haben ihr das Drehbuch geschickt, ihr hat es gefallen und wir haben uns sehr gefreut, dass sie zugesagt hat.
Sie lassen den Horror weitestgehend im Kopf des Zuschauers stattfinden, trotzdem mussten Sie den Film, in dem eine Frau gefoltert wird, tatsächlich drehen. War das so deprimierend, wie man es sich vorstellt?
Ja, sehr gute Frage. Das war kein leichter Film für uns alle und ich bin auch sehr vorsichtig gewesen. Ich habe allen Schauspielern die Handlungsmacht gegeben, Stopp zu sagen, wenn sie sich unwohl fühlten, einen Moment für sich brauchten oder sie irgendwo nicht angefasst werden wollten. Wir haben mit dem Schauspieler, der den Täter spielt, ganz offen darüber gesprochen. Für ihn war das ja auch hart. Wir haben es relativ schnell gedreht, weil ich genau wusste, welche Bilder ich zeigen wollte. Ich wollte diesen ganzen Prozess nicht sexualisieren, indem ich zum Beispiel einen nackten Busen, einen BH oder einen Schlüpfer zeige. Der Zuschauer kann die
Lücken selbst füllen. Ich kann mich aber daran erinnern, dass meine Regieassistentin am Ende zu mir gesagt hat, es sei so hart gewesen, dass sie nicht hinschauen konnte und sich wegdrehen musste.
Fragen: André Wesche
Dieser Beitrag erschien ursprünglich im Oscar am Freitag-Magazin, Ausgabe 4 (2026)




















