Von DDR-Werbung und Stasi: Ausstellung „Vom Zeigen und Beobachten“ in gotha

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v.l.n.r.: Karsten Wiecha, Thomas Wolf, und Jens Klein bei der Ausstellungseröffnung im Kunstforum. (Foto: Dr. Bernd Seydel)
Fliesenstudio Arnold

Die Ausstellung „Vom Zeigen und Beobachten“ im Kunstforum Hannah Höch in Gotha bietet ganz neue Einblicke – ein Beitrag von Dr. Bernd Seydel.

Kataloge und Bücher über DDR-Werbung hinlegen und Fotos aus dem Stasi-Fundus zeigen – das hätte ziemlich langweilig werden können. Doch was Kurator Thomas Wolf, selbst ein ausgebildeter Fotograf, im Kunstforum „Hannah Höch” in Gotha geschaffen hat, ist klug, vielschichtig, visuell auf- und anregend und im höchsten Maße empfehlenswert. Die Ausstellung „Vom Zeigen und Beobachten“ ist noch bis zum 3. Mai zu besichtigen.

Karsten Wiecha (Foto links) aus Gotha fing 1989 an, Fotobücher von ostdeutschen Fotografinnen und Fotografen zu sammeln. Aus seinen rund 3300 Einzeltiteln hat Thomas Wolf jene ausgewählt, die die Rolle der Fotografie in der DDR-W.erbung thematisieren. Wie DDR-Werbung zu sein hat, wird im Buch „Werbefotografie“ beschrieben, erschienen 1983 im Fotokinoverlag Leipzig, dem wichtigsten DDR‑Verlag für Fotografie. Dort heißt es: „Unsere Werbung vollzieht sich unter den Bedingungen der sozialistischen Gesellschaftsordnung … So stimuliert die Werbung im Konsumgüterbinnenhandel der DDR als Teil der Kundenberatung vor allem jene Bedürfnisse, welche die Entwicklung der sozialistischen Persönlichkeit fördern.“ Der gesellschaftliche Auftrag war also eindeutig.

Die ideologischen Vorgaben waren damit klar – aber die Fotografen waren besser. Natürlich griffen sie Tendenzen der westlichen Werbung auf, die offiziell als „Verbrauchermanipulation“ diffamiert wurde. Oder sie nutzten die Gestaltungsideen des Bauhauses und der modernen Schriftgestaltung. Sie spielten mit Farben und spannenden Formen. Das war weit mehr, als es die ideologische Vorgabe erwartete.

Zu sehen ist das im Kunstforum nicht nur in den ausgelegten Büchern, sondern in Reproduktionen an den Wänden. Diese Abbildungen sind wie Fingerzeige. Sie führen den Besucher um die ideologische Ecke und sagen: Schau mal, da lohnt es sich, genau hinzuschauen. Dass sich auch ein paar Überraschungen entdecken lassen, dürfte nicht verwundern. Wie kommt es, dass ein DDR-Fotokalender Bilder von Paris und Ägypten zeigt – also Orte, die aufgrund der Reisebeschränkungen nie hätten besucht werden können?

Geht man ein Stockwerk höher, taucht man ein in die Bildwelten von Jens Klein (Foto rechts). Mit viel Ausdauer hat er die Archive der Staatssicherheit gesichtet und nach für ihn interessanten Fotos durchsucht. Ohne moralischen Zeigefinger zeigt er Fakten – Fakten der Dauerbeobachtung der Bevölkerung, des Misstrauens des DDR-Staates und sein Versuch, schon die allerersten Zeichen von Eigenständigkeit oder gar Widerstand zu entdecken. Jens Kleins künstlerischer Anteil ist aber nicht nur die Auswahl. Er gruppiert und ordnet die Fundstücke. Er gibt ihnen ein einheitliches Gesicht und schafft damit eine visuelle Geschlossenheit. Das wird am deutlichsten an der großen Arbeit „Sunset“. Sie zeigt Orte, an denen Menschen versuchten, die innerdeutsche Grenze Richtung Westen zu überwinden.
In der Serie „Ballons“ wird die Konfrontation mit Westdeutschland, im Osten immer nur BRD genannt, am deutlichsten. Bis Ende der sechziger Jahre flogen Ballons von West nach Ost mit Zeitschriften und Flugblättern. Für die DDR war das feindliche Propaganda in sogenannten „Hetzballons“, für den Westen Informationsmaterial, um die DDR-Zensur zu unterlaufen.

Das Spannende dieser Ausstellung ist, dass Thomas Wolf ganz selbstverständlich mit diesen Widersprüchen umgeht. Er zeigt, er wählt aus, er ordnet an. Eigentlich fordert er: Liebe Besucherinnen und Besucher, schaut euch einfach um, seid neugierig, legt die ideologischen Scheuklappen welcher Ausrichtung auch immer ab. Dann werdet ihr aufs niveauvollste überrascht.

Kann es etwas Besseres bei einer Ausstellung geben?
Geöffnet ist das Kunstforum bis zum 3. Mai leider nur von Donnerstag bis Samstag von 14 bis 18 Uhr. Angesichts der Qualität dieser Ausstellung geht die dringliche Bitte an die Stadt, die Öffnungszeiten wenigstens an den Wochenenden und auch an den Feiertagen zu erweitern.

Dieser Beitrag erschien ursprünglich im Oscar am Freitag-Magazin, Ausgabe 3 (2026)

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