„Gotha steckt an!“

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Mit einem interessanten und detailgetreuen sowie unterhaltsamen Vortrag eröffnete am 4. September Gothas Oberbürgermeister Knut Kreuch die 6. Seniorenakademie der Residenzstadt, die als erste Einrichtung in Deutschland gilt, die ohne universitären Hintergrund durchgeführt wird. Der Urania Kultur- und Bildungsverein sowie der Seniorenbeirat der Stadt Gotha sind Träger der Veranstaltung.

Kreuch sprach zum Thema „Gothaer Akzente der Weltgeschichte“. Bereits im vergangenen Jahr hatte Kreuch spektakulär 100 Entwicklungen aus Gotha vorgestellt, die weltweite Bedeutung besitzen. In diesem Jahr waren es Gothaer Persönlichkeiten und deren Leistungen sowie in Gotha entwickelte Produkte, die im Mittelpunkt seiner Forschungen standen. Kreuch konnte dabei vom 13. bis ins 21. Jahrhundert viele Details der Gothaer Geschichte aufdecken und neu beleuchten.

Im ersten Teil seines 90-minütigen Vortrages ging der Oberbürgermeister darauf ein, was Menschen in aller Welt mit dem Namen Gotha verbinden. In Deutschland denkt man wohl zuerst an die Stadt, die den Namen Gotha trägt, in Frankreich nennt sich die Haut Volait „le gotha“, und im Italienischen sind alle Spitzenprodukte mit dem Namen „il Gotha“ versehen. Aber auch eine Stadt in Florida, eine Landschaft in Äthiopien und in Myanmar tragen den Namen Gotha. Der US-amerikanische Bundesstaat South Carolina trug früher den Namen Saxe-Gotha“. Die bedeutendste Antiquitätenmesse in Italien ist die „Gotha“, zahlreiche Zeitschriften des Landes sind die „Gotha“.
Flugzeuge, ein Airbus, ein ICE, ein U-Boot, Straßenbahnen, aber auch Fahrtgastschiffe des Norddeutschen Loyd, eine Lokomotive von Borsig tragen den Namen Gotha. Die Lokomotive ziert übrigens eine Briefmarke in Vietnam.
Die „Gotha“ ist der Name für einen gesungenen Vers in buddhistischen Sutren, ein 1929 benannter Asteroid am Himmel heißt Gotha. Aber auch in Schweden kennt man den „Göta-Kanal“ mit dem Göta-Kanal-Museum in Motala im schwedischen Landesteil Götaland.

Der Name Gotha ist somit gut in der Welt vertreten und nicht jede Stadt gleicher Größe in Deutschland weiß sich solch blühender Bekanntheit zu schätzen, denn seit 1932 gibt es auch duftende Grüße, so die Rose Gotha, es kam ein Kaktus „Glocke von Gotha“ dazu und eine Taglilie im Jahre 2012.

Im zweiten Teil des Vortrages widmete sich Knut Kreuch Gothaer Alleinstellungsmerkmalen. So befindet sich in Gotha aus dem 13. Jahrhundert der Gothaer Codex der Sächsischen Weltchronik, die prachtvollste Überlieferung des Buches weltweit. In der Universitäts- und Forschungsbibliothek fanden Forscher aus Cornwall ca. 1960 die älteste Überlieferung ihres Schutzpatrons St. Patrick. 1526 wurde in Gotha das erste protestantische Schutzbündnis der Welt gegründet, der Vorläufer der NATO.

1543 war es der Gothaer Baumeister Nicolaus Gromann, der in Torgau den ersten protestantischen Kirchenneubau der Welt errichtete. Kreuch stellte heraus, dass die 1660/61 am Hauptmarkt zu Gotha angebrachten steinernen Feuerschutzmarken mit ihren Psalmensprüchen, die die Gothaer gern übersehen, europaweit einmalig sind. Viele Zuhörer waren überrascht, dass es der Gothaer Diplomat Melchior Baron von Grimm (1723-1807) war, der seinen Salon in Paris öffnete, damit Mozart vorspielen durfte und damit dessen Entdeckung begann. In Gotha selbst hingegen inspirierte der Genieapostel Christoph Kaufmann den Dichter Friedrich Christian Klinger zu seinem Werk  „Sturm und Drang“, das einer ganzen literarischen Epoche von Weltrang den Namen gab. Die „Bravo“ des 18. Jahrhunderts, die erste Jugendzeitschrift Deutschlands, kam 1784 in Gotha heraus, die gebürtige Gothaerin Emilie von Berlepsch legte 1791 ihre Schrift „Über einige zur Ehe notwendige Grundsätze“  vor und ist damit die Wegbereiterin der frühen Frauenbewegung. Der Text zum schönsten Wiegenlied Deutschlands „Schlafe mein Prinzchen“ stammt von Friedrich Wilhelm Gotter aus Gotha.

Viele Lehrbücher, ob das erste zum Naturschutz von Matthäus Bechstein, die erste Napoleon Biografie, die erste astronomische Zeitschrift, Goethes „Metamorphosen“, die Biografie des Prinzgemahls Albert, die Biografie von George Washington, erlebten ihre deutschen Erstausgaben in Gotha.

In der Stadt tagten die fortschrittlichsten Deutschen beim Gothaer Nachparlament 1849. Hier war der 1. Kongress deutscher Volkswirte 1858, fanden die Vereinigung des Bundes freireligiöser Gemeinden 1859 und des ersten nationalen Sozialverbandes 1880 statt.

Der Vater des Konzertflügels Carl Bechstein (1826-1900) ist ebenso ein Gothaer wie der Begründer der Heizungs- und Lüftungstechnik Rudolf Henneberg (1845-1909). Spektakulär ist sicherlich, dass Alfred Wegener bereits 1912, vor genau 100 Jahren, in „Petermanns Geografische Mitteilungen“ in Gotha seine Kontinentaltheorie vom Zusammenhang der Kontinente veröffentlichte. Das spektakuläre Werk war bis 1950 umstritten, erst dann wurden Wegeners Forschungen anerkannt.

Wer wusste schon, dass Kurt Jannott (1888-1968) 1936 in Gotha die KFZ-Haftpflichtversicherung gründete, dass der Gothaer Peter Bause der Schauspieler ist, der die meisten 1-Personen Stücke vorführen kann. Es waren  der 1928 geborene Horst Jannott (1928-1993), der 1969 mit der Münchner Rückversicherung die größte Versicherung der Welt schuf, der 1975 geborene Carsten Jung, der beste Tänzer der Welt, seit 2012 mit dem „Tanz Oscar“ prämiert, und Mario Hochberg, der Gewichtheber mit internationalem Erfolg.

Kritisch merkte der Oberbürgermeister aber auch an, dass in der Gallettistraße in Gotha mehrere Häuser in Lehmstampfbauweise stehen, die 1951 als erste zweigeschossige Wohnbauten in Lehmstampfbauweise deutschlandweit errichtet wurden und heute dringende Hilfe benötigen.

Mit mehr als einhundert neuen Hinweisen und Fakten zur Gothaer Geschichte konnte Knut Kreuch nach 90 Minuten sein Resümee ziehen: „Gotha steckt an, denn in der Geschichte und Zukunft Gothas steckt ganz viel drin.“