Eine Broschüre sowie eine Dauerausstellung im Landratsamt informieren ab heute über die bisherigen Kreisdirektoren, Landräte und Ratsvorsitzenden seit 1922. Anlässlich des Kreisjubiläums hat das Kreisarchiv umfangreiche Nachforschungen zu den bisherigen Amtsinhabern angestellt. Das Konzentrat der aufwendigen Recherchen ist in einer Galerie zu bewundern und ausführlicher in einer begleitenden Broschüre dargestellt.
„Es ging uns darum, die große historische Tiefe unseres Landkreises auch anhand der Persönlichkeiten aufzuzeigen, die die Region über 90 Jahre geprägt haben. Ich betone ausdrücklich, dass mit der Galerie der Amtsinhaber keine Aufwertung von Personen der Zeitgeschichte beabsichtigt ist. Vielmehr muss man die Porträts vor dem Hintergrund ihrer jeweiligen Epoche einordnen“, sagt Landrat Konrad Gießmann. „Die einzige Wertung, die wir vorgenommen haben, ist die Darstellung des Amtsinhabers der NS-Zeit. Wir haben uns für eine Verfremdung entschieden, da wir in einer Behörde eines freien demokratischen Rechtsstaats nicht den Landrat der schwärzesten zwölf Jahre deutscher Geschichte unkommentiert in einer Reihe mit Vorgängern und Nachfolgern präsentieren können und wollen.“
Allmächtige Juristen und Affären, die es bis in den SPIEGEL brachten
Die Zusammenstellung der Ausstellung bezieht sich auf jene 16 Kreisdirektoren, Landräte und Ratsvorsitzende, die nicht nur übergangsweise in Verantwortung standen. Dabei sind interessante historische Details zutage getreten. Beispielsweise entpuppte sich der Kreisdirektor und spätere Landrat Louis Leutheusser (1924-1933) als Großvater von Bundesjustizministerin Dr. Sabine Leutheusser-Schnarrenberger. Sein Nachfolger Dr. Ernst Guyet (1933-1945) war als vormaliger Abteilungsleiter des Thüringer Innenministeriums kurzzeitig mit der Frage der geplanten, aber nicht hierzulande zustande gekommenen Einbürgerung Hitlers konfrontiert worden, um dessen Wählbarkeit für das Reichspräsidentenamt sicherzustellen. Hans Echarti beispielsweise, der sich zur Stunde Null 1945 von den Alliierten in die Pflicht nehmen ließ, war zugleich der mächtigste und ohnmächtigste Landrat der Kreisgeschichte: Zwar wurden ihm sämtliche zivilen Behörden im Kreisgebiet unterstellt, jedoch durfte er keinerlei Entscheidung ohne Mitbestimmung der US-amerikanischen Militärregierung treffen. Die erste und bislang einzige Landrätin Elisabeth März (1950-1951) brachte es sogar bis in das Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL. Das Hamburger Blatt berichtete in seiner Ausgabe 45/1951 über die Absetzung März´ durch die SED-Landesregierung. Das Blatt zitiert aus Papieren, man habe sie „wiederholt vor neuen Liebesaffären gewarnt“ und könne nicht mehr mit ansehen, dass sie „[…] die neue demokratische Ordnung ohne Unterlass vor der Öffentlichkeit kompromittiert.“
Dank für die Unterstützung der Recherchen gebührt der Stiftung Schloss Friedenstein Gotha, dem Thüringer Hauptstaatsarchiv in Weimar, dem Bundesarchiv sowie Familie Roos aus der Nesse-Apfelstädt-Gemeinde und Bundesministerin Dr. Sabine Leutheusser-Schnarrenberger für das Bereitstellen des Fotomaterials. Die vom Gothaer msb-Verlag erstellte Broschüre ist kostenlos im Landratsamt erhältlich.






















