Gräfenhain. Gut 18.500 Kilometer Luftlinie trennen Neuseelands Hauptstadt Wellington und das beschauliche Gräfenhain. Paul Rosoman scheut diese Strecke nicht; im Gegenteil: Der Organist schaut aller zwei Jahre hier vorbei, um an der Thielemannorgel ein Gastspiel zu geben wie jüngst am 9. Juni 19. von 45 Konzerten seiner Europatournee 2013.
Mr. Rosoman, Sie kommen direkt aus London mit dem Flugzeug, fahren zweieinhalb Stunden mit dem Mietwagen. Warum nehmen Sie diesen Aufwand auf sich?
Rosoman: Diese Orgel ist unbeschreiblich; mein absolutes Lieblingsinstrument unter allen, die ich je gespielt habe. Ich könnte für immer hier sitzen und spielen. Seine unveränderte Ursprünglichkeit in Kombination mit dieser Kirche macht es so einzigartig. Jedes Mal, wenn ich diese Kirche betrete, fühlt es sich an, als würde ich nach Hause kommen.
Und das, obwohl es nicht einfach sein soll, diese Orgel zu beherrschen?
Rosoman: Gerade das macht sie zu etwas Besonderem. Hier gibt es keine Standardbreiten bei den Tasten; die Manuale sind auf dem Spieltisch vertauscht, meine Finger eigentlich zu breit für die schmalen Tasten. Unregelmäßig sind auch die Pedale, und für die Register bräuchte man eigentlich einen Assistenten. All das macht das Orgelspielen zur Herausforderung; man spürt regelrecht, wie das Instrument arbeitet.
Sie treten in Schottland, England, Polen und den Niederlanden auf, zwischendurch in Gräfenhain. Darf man das als Wertschätzung der Orgel und ihres Erbauers werten?
Rosoman: Thielemann war ein begnadeter Orgelbauer, der – gemessen an der Qualität dieses Instruments – berühmt sein müsste wie Silbermann. Ist er aber leider nicht. Das ist wie mit Bach, den ich zwar sehr schätze, aber: Er war eben auch nicht der einzige Komponist seiner Zeit.
Orgelkonzerte wenden sich an eine recht spezielle Zielgruppe. Ist es ein Problem, nur für 50 Gäste zu spielen?
Rosoman: Überhaupt nicht. Mir ist es gleich, ob zehn oder hundert Zuhörer kommen. Ich möchte, dass die Anwesenden beim Zuhören den gleichen Genuss verspüren wie ich beim Spielen. In London hatte ich vor wenigen Tagen sogar nur neun Zuhörer; ein sehr nahes Konzert, die Gäste standen neben mir am Spieltisch.
Mr Rosoman, wann kann man Sie wieder an der Thielemannorgel erleben?
Rosoman: Ich denke, in zwei Jahren bin ich wieder hier. Ich kann die Orgel ja leider nicht mit nach Hause nehmen.
Vielen Dank für das Gespräch!
Paul Rosoman ist Konzertorganist, Komponist und Chef einer Künstler- und Konzertagentur, die sich auf Orgeln und Organisten spezialisiert hat. Er studierte Musik und Orgel an der Victoria Universität Wellington, lebte für 20 Jahre in Großbritannien und ist heute musikalischer Direktor der Heiligen Lukas Kirche in Wellington (NZ).






















