Ein Bild sagt mehr

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Warum fotografiert man? Eine oft gehörte Antwort lautet: „Um Augenblicke in Bildern festzuhalten, um sich später daran zu erinnern.“ Familienfeiern oder Urlaubsreisen etwa werden so konserviert. Das eigene Kind beispielsweise, das gerade im Garten spielt, ist dabei sowohl Bezugspunkt als auch Ursache eines Fotos. Denn es gibt in diesem Moment ein lohnenswertes Motiv ab und veranlasst dazu, den Apparat hervorzuholen.

Neben dieser wohl häufigsten Verwendung, können fotografierte Bilder aber noch andere Nutzen erfüllen. Ein jetzt beendetes Forschungsprojekt der Friedrich-Schiller-Universität Jena hat diese erstmals systematisch zusammengetragen und untersucht, wann und wie sie zum ersten Mal in der Fototheorie auftauchen. Unterstützt wurden sie dabei in den vergangenen drei Jahren von der Fritz-Thyssen-Stiftung mit 72.000 Euro. „Insgesamt haben wir vier verschiedene Arten des Verhältnisses zwischen Verursachung und Bezugnahme herausgefiltert“, sagt Prof. Dr. Lambert Wiesing (Foto) vom Institut für Philosophie der Universität Jena. Der Lehrstuhlinhaber für Bildtheorie und Phänomenologie betreute dieses Projekt, in dessen Rahmen hauptsächlich seine Kollegin Silke Müller an ihrer Promotion arbeitete.

Neben dieser wohl häufigsten Verwendung im Sinne eines Abdruckes – bei der zwischen dem Objekt, das fotografiert worden ist, und dem Objekt, das auf dem fotografischen Bild erscheint, ein Ähnlichkeitsverhältnis unterstellt wird – werden Fotos oft auch als Anzeichen gebraucht. Wissenschaftler etwa halten dadurch Daten fest und vollziehen Messungen. Das Ähnlichkeitskriterium spielt hier keine Rolle mehr. Vielmehr kann der Betrachter mit bestimmten Fähigkeiten Informationen aus dem Foto herauslesen. So kann eine Röntgenaufnahme beispielsweise nur dann seine Funktion ausüben, wenn ein Betrachter das Lesen von Röntgenaufnahmen beherrscht.

Fotos können außerdem im Sinne einer abstrakten Komposition verwendet werden, was bedeutet, dass man sich diesen Bildern ausschließlich der auf ihnen sichtbaren Dinge wegen zuwendet, ohne einen Bezug zur außerbildlichen Realität herstellen zu wollen. In der Werbung werde dieser Nutzen häufig aufgegriffen, sagt der Jenaer Bildtheorie-Experte. Eine Kuh auf einer sattgrünen Alm auf einer fotografischen Aufnahme, die für ein Milchprodukt wirbt, habe hier eher die Aufgabe eines schmückenden Beiwerks, als dass sich mit dieser Aufnahme auf eine konkrete Kuh bezogen werden solle.

Als vierte Verwendungsmöglichkeit stellen die Jenaer Wissenschaftler die Verwendung im Sinne eines ikonografischen Dokumentes vor. „Fotografien geben oftmals Raum zur Interpretation, vor allem – aber bei weitem nicht ausschließlich – in der Kunst“, erklärt Wiesing. „Dafür lassen sich viele Eigenschaften heranziehen.“ So könne man aus Fotos einen gewissen Zeitgeist herauslesen. Auf alten Familienfotos, etwa vom Anfang des 20. Jahrhunderts, sähe man die abgebildeten Personen selten lachen – ein Fakt, der viel Raum zur Interpretation lässt. Zum einen drücke diese Strenge familiäre Hierarchien aus. Zum anderen zeigt es, dass solche Aufnahmen zu dieser Zeit eine ganz andere Wertigkeit hatten als heute. „Allein schon die technische Frage, ob ein Bild in Farbe oder schwarz-weiß wiedergegeben wird, kann ikonografische Aussagen nach sich ziehen“, erläutert Wiesing. „Heute stehen uns schließlich beide Möglichkeiten zur Verfügung.“

Im fototheoriehistorischen Teil des Forschungsprojektes ermittelten die Jenaer Wissenschaftler außerdem, wann wer zum ersten Mal die jeweilige Anwendungsmöglichkeit erwähnte und damit definierte. Dazu arbeiteten sie sich durch viele Schriftquellen aus diesem Gebiet. „Die Verwendung des Fotos als Abdruck etwa wurde schon sehr früh von einem Pionier der Fotografie festgestellt – Joseph Nicéphore Niépce, dem Erfinder der weltweit ersten fotografischen Technik: der Heliografie“, informiert Lambert Wiesing. „Das passierte bereits Anfang des 19. Jahrhunderts.“

Dass Fotos auch ikonografische Dokumente sind, führte der berühmte Kulturwissenschaftler Aby Warburg etwa hundert Jahre später aus.

H&H Makler