Vor nicht einmal vier Monaten war Mary Kate Cleary vom Londoner Art Loss Register auf Schloss Friedenstein zu Gast, um der Stiftung Schloss Friedenstein Gotha zwei venezianische Majolikaschälchen aus der Mitte des 16. Jahrhunderts zurückzugeben. Die beiden Schälchen, die zu den Verlusten der Friedensteinischen Sammlungen nach 1945 zählten, waren dem Londoner Auktionshaus Christie’s im vergangenen Jahr angeboten worden.
Eine Anfrage beim Art Loss Register ergab, dass beide Stücke auf der umfangreichen Verlustliste der Gothaer Kunstsammlungen vermerkt sind. Da nach britischem Recht – anders, als in der Bundesrepublik Deutschland – Kunstraub nicht verjährt, erklärte sich der Einlieferer schnell bereit, die Schälchen entschädigungslos zurückzugeben, die seit einigen Monaten wieder in der Schwarzen Galerie des Schlossmuseums ausgestellt sind.
Nun gibt es erneut Anlass zur Freude auf dem Friedenstein. Ein „Gnadenpfennig“ aus dem 17. Jahrhundert, der ebenfalls nach 1945 für die Gothaer Sammlungen verloren gegangen war, kehrt durch die erfolgreichen Bemühungen des Art Loss Registers am kommenden Freitag nach Gotha zurück. Es handelt sich um ein goldenes Medaillenkleinod mit annähernd vollplastischen Porträtbüsten Herzog Ernsts I. von Sachsen-Gotha und seiner Gemahlin Elisabeth Sophie (Vorderseite und Rückseite) in emaillierter Fassung. Es wurde vom Gothaer Goldschmied Wendel Elias Freund um 1652 im Auftrag Ernsts des Frommen angefertigt. Gnadenpfennige wurden vor dem Aufkommen der Verdienstorden von Fürsten an verdiente Menschen oder als ein Zeichen ihrer Gunst verliehen.
Wie man weiß wurde der Gothaer Gnadenpfennig 1949 von einer New Yorker Galerie versteigert. In den folgenden 20 Jahren wechselte er mehrfach den Besitzer und ging durch Auktionen in New York und in der Schweiz. Zuletzt befand er sich im Besitz eines Privatsammlers und wurde im Frühjahr 2011 von der Londoner Kunsthandlung S. J. Philips Ltd. dem Museum of Fine Arts in Boston zum Kauf angeboten. Provenienzforschungen dortiger Museumsmitarbeiter führten im April 2011 auch zur Kontaktaufnahme mit der Stiftung Schloss Friedenstein Gotha.
Die Bostoner Kunsthistoriker vermuteten, dass der Gnadenpfennig möglicherweise bereits im 19. Jahrhundert vom damaligen Herzoglichen Museum in Gotha „offiziell“ verkauft worden war und dann in eine französische Sammlung gelangt sei. Dies konnte von der Stiftung Schloss Friedenstein jedoch anhand historischer Inventare eindeutig widerlegt werden. In seiner „Geschichte der Münzstätte Gotha“ hatte Dr. Wolfgang Steguweit zudem den Gnadenpfennig bereits 1987 als „Verlust 1945“ dokumentiert.
Nachdem das Museum of Fine Arts Boston auch das Art Loss Register in London mit entsprechenden Recherchen beauftragt hatte, wurde die ehemalige Gothaer Sammlungszugehörigkeit des kostbaren Kleinods nochmals bestätigt. Im August 2011 traf das Art Loss Register mit der Londoner Kunsthandlung S.J. Phillips eine Vereinbarung, dass diese auf ihren Besitzanspruch verzichtet und der Gnadenpfennig nach Gotha zurückgegeben werden kann.
Die offizielle Übergabe des „Gnadenpfennigs“ an den rechtmäßigen Besitzer, die Stiftung Schloss Friedenstein Gotha, wird am kommenden Freitag, 16. September 2011, um 11 Uhr im Tapetenzimmer auf Schloss Friedenstein stattfinden. Stiftungsdirektor Dr. Martin Eberle wird erneut Mary Kate Cleary (Manager of Historic Claims and Research) vom Art Loss Register begrüßen.




















