Achtsam morden – Ein Gespräch mit Hauptdarsteller Tom Schilling
Mit seiner unkonventionellen Kriminalromanreihe „Achtsam morden“ hat sich der deutsche Autor und Jurist Karsten Dusse eine große Fangemeinde erschlossen. Fünf Bücher rund um den Rechtsanwalt Björn Diemel, der regelmäßig einen Achtsamkeitscoach aufsucht und nebenher unliebsame Klienten aus dem Clanmilieu beseitigt, sind bislang erschienen. Nun wurde das Erfolgsformat als Serie verfilmt. Auf Netflix steht „Achtsam morden“ ab 31.Oktober zum Streamen bereit. In die Hauptrolle schlüpfte Schauspieler Tom Schilling (42, „Eine Million Minuten“), den wir zum Gespräch trafen.
Herr Schilling, war Ihnen der große Erfolg der Buchreihe bekannt?
Nein, ganz im Gegenteil. Viele Trends und Mainstream-Hits gehen völlig an mir vorbei. Ich habe die Erfahrung gesammelt, dass ich meistens nicht jedweden Hype nachvollziehen kann. Gerade was die Literatur betrifft, bin ich ein bisschen auf der abseitigen Seite zu Hause. Deshalb kannte ich das Buch nicht. Ich habe ihm aber eine Chance gegeben, nachdem ich die Pilotfolge gelesen habe. Und ich wusste schon nach den ersten fünf Seiten der Buchvorlage, dass das voll mein Ding ist.
Was für ein Bild haben Sie sich von Ihrer Figur Björn Diemel geschaffen?
Das, was ich gespielt habe. So habe ich ihn mir vorgestellt. Hätte ich ihn mir anders vorgestellt, hätte ich ihn anders gespielt. Dann hätte die Figur eine ganz andere Art und Weise. Björn hätte andere Manierismen, würde andere Dinge machen, hätte andere Sachen an und würde sich anders verhalten.
Wie lautet Ihre eigene Definition von Achtsamkeit?
Achtsamkeit ist für mich voll und ganz im Moment zu sein.
Fürchtet man bei Projekten wie diesem immer auch die Reaktion der eingefleischten Fans?
Ja, auf jeden Fall. Vor allem, wenn man selbst Fan ist. Ich spüre natürlich eine große Erwartungshaltung und Druck. Ich möchte dem auch gerecht werden, denn das Tollste wäre, wenn dem Autor auch gefällt, wie wir es verfilmt haben. Ich weiß aber aus Erfahrung – das muss man zu unserer Entschuldigung sagen – dass keinem ernstzunehmenden Autor eine Verfilmung seines Stoffes gefällt. Das habe ich noch nie gehört. Mit Verlaub, nur zweitklassige Autoren finden ihre eigenen Verfilmungen gut. Bei allem, was ich bisher von großen Romanen mitbekommen habe, fand noch niemand die Verfilmung so gut wie das eigene Buch. Es heißt vielmehr: „Ich will damit nichts zu tun haben! Was ist das für ein Scheiß?“ So Michael Ende-mäßig. Vor der Community fürchtet man sich natürlich. Es wird aber hoffentlich einen großen Prozentsatz geben, der es gelungen und ganz toll findet. Sicherlich wird es auch ein paar Leute geben, die sagen, dass es ihnen gar nicht gefällt. Das ist aber auch okay. Man macht sich ein bisschen nackig und angreifbar. Man muss Entscheidungen treffen und eine Vision haben, zu der man steht. Ich mache mir aber überhaupt keine Illusionen, dass das in beide Richtungen gehen wird. Eine Sache kann ich sagen. Wir alle waren Fans der Vorlage: Netflix, die Produktion, die anderen Schauspielerinnen und Schauspieler und ich, haben viel gerungen und all unser Herzblut reingesteckt, um zu versuchen, dem Roman so gut wie möglich gerecht zu werden.
Tut Björn genau das, was viele Menschen gern tun würden, wenn sie keine Angst vor Strafe hätten?
Natürlich! Das macht die Figur so unfassbar amüsant und spannend. Deswegen ist es so ein Vergnügen, ihm durch diese Geschichte zu folgen. Er erlaubt sich all die Sachen, die wir uns verbieten. Er ist quasi der Rächer der Entrechteten, ein Mann, der zur Selbstjustiz schreitet. Björn ist der Mann, der Tabus bricht, unbequeme Wahrheiten formuliert und vor Leuten, die es seiner Meinung nach anders verdient haben, auch unverschämt ist. Bis hin zu der Konsequenz, dass er jemanden umbringt. Jeder hat schon irgendwann einmal Mordgelüste verspürt, oder? Insofern ist er für uns als Zuschauer und Leser ein Ventil.
Verfügen Sie über kriminelle Energie? Haben Sie schon mal etwas geklaut?
Gibt es jemanden, der noch nie geklaut hat?
Würden Sie vermutlich im Gefängnis überleben?
Ich hätte es ultraschwer. Wenn das Schicksal es gnädig mit mir meinte, hätte ich vielleicht das Glück, an einen netten Zellengenossen zu geraten, der sich mir gegenüber verantwortlich fühlt und mich beschützt oder sogar ein Mentor ist. Aber es ist keine schöne Vorstellung. Allein nur mit Männern zusammen zu sein, würde mich schon echt nervös machen.
Vermissen Sie in Ihrem Beruf auch manchmal die Achtsamkeit?
Ja, auf jeden Fall. Am Set geht es ganz oft alles andere als achtsam zu. Sehr oft ist es wuselig und unkonzentriert. Grundsätzlich ist in der Filmindustrie viel Luft nach oben, was die Achtsamkeit angeht.
Können Sie sehr gut abschalten und im Hier und Jetzt leben?
Ich funktioniere besser in der Arbeit. Dort fühle ich mich gebraucht und wichtig. Dort habe ich das Gefühl, meinem Leben Sinn zu verleihen.
Glauben Sie, dass hierzulande genug gegen die Clankriminalität getan wird?
Das kann ich nicht beurteilen. Ich kann mir vorstellen, dass die Polizei oder Justiz der Meinung ist, dass sie mehr Ressourcen bräuchten, um besser dagegen vorgehen zu können. Auf jeden Fall herrscht diese Empfindung bei vielen Leuten. Sie haben das Gefühl, dass man dort mehr tun könnte. Das nehme ich mal an und glaube, dass diese Empfindung manchmal auch sicherlich ihre Wahrheit hat. Aber dafür haben wir Björn Diemel, der die Sache in die Hand nimmt.
Björn richtet sich immer wieder direkt an die Zuschauer. Kompensieren Sie als der Musiker, der Sie auch sind, einen gewissen Mangel an Direktkontakt zum Publikum?
Nein. Ich habe durchaus das Gefühl, dass ich in eine Interaktion mit dem Publikum gehe, weil ich natürlich mitbekomme, wie die Filme angenommen, besprochen und empfunden werden. Ich bekomme auch Rückmeldungen von Fremden, die mir sagen, sie hätten den Film gesehen und fänden ihn toll – oder eben nicht so gut. Das ist genug an Rückmeldungen. Ich kann mir schon vorstellen, Theater zu spielen. An der Schauspielschule in New York habe ich das mit viel Freude getan. Mir machen auch beim Film die Szenen am meisten Spaß, die eine unglaublich lange Strecke haben. Wenn man mal ein paar Takes spielt, die nicht nur eine halbe Minute gehen, sondern tarantinoeske Szenen, in denen unglaubliche Twists und Turns passieren und sich Machtgefälle verschieben. Das sind die tollen Szenen, wo man vollkommen selbstvergessen und sehr achtsam ist, weil man im Moment lebt. In der Musik ist das ähnlich. Irgendwann gibt es diesen herrlichen Zustand der absoluten Selbstvergessenheit.
Björn verhandelt sehr geschickt mit seinen drei Anwaltschefs. Sind Sie in Verhandlungen mit Produzenten ähnlich begabt?
Über Finanzielles spreche ich nicht mit Produzenten. Dafür haben die Schauspieler meistens eine Agentur. Manche haben keine, die machen es entweder selbst oder haben Anwälte, die sich über solche Dinge unterhalten. Aber in der Sache bin ich sehr klar. Ich finde das auch wichtig. Auch hier haben wir viele Gespräche mit der Produktion und Netflix geführt. Wir alle sind riesige Fans dieser Buchreihe und insbesondere des ersten Romans. Wir haben uns darüber unterhalten, was denn den Roman ausmacht und was sein Alleinstellungsmerkmal ist. Was ist es, dass das Publikum so sehr an dieser Erzählung oder an der Hauptfigur schätzt? Man ist nicht immer einer Meinung. In solchen Momenten fällt es mir nicht schwer, klar zu formulieren, was meine Haltung, mein Empfinden und mein Bauchgefühl sind. Das heißt aber nicht, dass ich mich nicht von gegensätzlichen Haltungen überzeugen lasse.
Sind Sie selbst ein Serienjunkie?
Ich würde mich nicht als Serienjunkie bezeichnen. Ich freue mich über gute, neue Serien und darüber, in eine andere Welt eintauchen zu können. Ich bin aber kein Binge-Watcher. Wenn ich richtig Fan bin, habe ich Spaß an der Vorfreude auf eine neue Episode. Ich habe „Ripley“ auf Netflix super gerne gesehen. Steven Zaillians vorherige Show, „The Night Of – Die Wahrheit einer Nacht“, fand ich auch toll. Aber ich bin auch Fan der Serien „House of Cards“, und „Breaking Bad“, die beide Überschneidungspunkte mit „Achtsam morden” haben.
Die Fragen stellte André Wesche.

















