Oscars Gastkommentar: Tüchtig. Tüchtig im Üktübür! – Zücht ünd Pflücht fürs Vüterlünd?

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Männer! – Hergehört! Gehorsamst strrrammg’stannnn’n! Bald dürft, ja -sollt ihr auch wieder marschieren, biwakieren, am Ende gar füsilieren?

Im Endkampfe, zum mehr oder minder guten Schlusse und Schusse – wessen Ende das auch immer bedeuten mag. Soll, kann und muss heißen: Die Wehrpflicht kommt! Kommt zurück, heim ins Reich des Guten, dem sich gern auch Thüringen samt Militanzstadt Gotha zugehörig fühlen mag. Nun, in einem jüngst veröffentlichten Umfrageergebnis waren fast sechs von zehn befragten Thüringern für flotte Rückkehr zur Wehrpflicht zu haben. „Fast” sechse!

Nun, wenn sogar das Volk befragt wird, sollten doch auch die Volksvertreter ihren Senf dazugeben dürfen. Der stellvertretende Vorsitzende der CDU-Fraktion im Thüringer Landtage sagte dazu kurz und bundeswehrbündig: „Grundsätzlich begrüße ich die Rückkehr zum Wehrdienst.” Ich sah das Grinsebacken-Foto jenes Rückkehrwilligen im Tageblatte auf Seite eins und dachte so tief in mir drinne im nachdenklichen Sinne: „Wird nicht leicht, mein lieber Pappkamerad, wenn’s über die Sturmbahn geht! Eskaladierwand, bäuchlings unterm Stacheldrahte, dann in Sprüngen vorwärts – und das alles ohne Matschhose auch dann, wenn die liebe Sonne mal nicht scheinen tuen tut!”

Schützenschnur? Romantisches Beisammensein mit rülpsenden und furzenden Kameraden auf Stube? Frühsport im Morgengrauen? Vom Grauen des Appellplatzes und dem Gedanken an die wertvolle, nur einmal zu erlebende Jugendzeit in einem ohnehin eher kurzen und doch recht begrenzten Menschenleben ganz zu schweigen…– Und trotzdem verzeichnet „der Bund” (westdeutsches Deutsch) oder „die Asche” respektive „Fahne” (wie die Knochenmühle in unserer Gegend hieß) schon jetzt über 15 Prozent mehr jung’sche Einjährig-Freiwillige als noch vor Jahresfrist. Nun denn: Vreiwillige for!

Was nur kann so ein verträumter Lebensbeginner erwarten vom paradierenden Firlefanz mit Litzen und Lametta, Dienstgraden und Aufstiegschancen, Pulverdampf, von eingezwängtem Geschlechtstriebe, Kameradschaftsabend, von Schikane und Selbsterziehung? Was mag da der Jung-Patriot erhoffen?

„… dafür lernt er endlich, wie man in die Pfütze fällt,/wie man Männchen macht und Händchen an die Mütze hält…”, sang Pazifist Reinhard Mey kurz nach der Wiedervereinigung, als viele, aber eben nicht genug Neu-Gesamtdeutsche sich noch eine neutrale Bundesrepublik ohne Armee und NATOd-Erfahrung vorstellen konnten. Ein neues, neutrales Land?

Leute wie ich und meinesgleichen, in deren Leben es nun unumkehrbar Winter wird, mögen es altersbedingt an Optimismus und Zukunftsvisionen fehlen lassen. Möglich, dass morgen früh gegen 7 Uhr, wenn die germanische Welt von der Maas bis an die Memel, ehedem auch von der Etsch bis an den Großen Belt, gemeinhin noch in Ordnung zu sein pflegt, der Staatsschutz an die Tür klopft. Vermutlich wird dann bei mir anzufragen sein, was dieser Satz zu bedeuten habe: „Es wird Krieg geben!” – Nicht gleich morgen, auch nicht in zwei oder drei Jahren. Aber die sprichwörtlichen Einschläge werden sich nähern.

Diese blöde, tödliche Ballerei wird schon deshalb auf uns alle zukommen oder von uns ausgehen, weil es zunehmend Knallköppe gibt, die sich Funkenflug nicht nur zu Silvester wünschen und womöglich auch monetär was davon haben oder prognostisch haben werden. Denn: Heiter werden alle Mienen/bei dem schönen Wort „Verdienen”!

Liebe Leserschaft, wussten Sie, was vom Militär für gewaltige Geldmengen in Bewegung gebracht werden, könnten Sie nachts nicht mehr ruhig schlafen. Es sind auch und vor allem Ihre Moneten, geschätzte Oscar-Gemeinde!

Unsere Knete und Penunze! Unser von fleißigen Händen hier wie überall erarbeitete Schotter, Kies und Zaster! Ich darf nicht drüber nachdenken – schon käme der Brechreiz… Und dann wäre der Magen wieder genauso leer wie im Frühjahr ’45, als kaum jemand genug zu fressen hatte und an eine Freudenfeier zum Gothaer Stadtjubiläum (immerhin damals schon 1170 Jahre urkundliche Ersterwähnung!) nicht zu denken war.

Stattdessen jede Menge frischer Gräber, die fürderhin zu pflegen waren, wenngleich diesmal (zumindest in Ostdeutschland) keine, überhaupt keine neuen Kriegerdenkmale aufgerichtet wurden. Gerade mal 20 Jahre zuvor – also inzwischen vor genau 100 Jahren – war so ein Gedenkstein auf dem Gothaer Galberge enthüllt worden. Für die „gefallenen Helden und Kameraden” des Reserveinfanterieregimentes Nr. 233.

Vermutlich waren hier Gothas verführte, getäuschte, in mitleidlosem Dauerfeuer geopferte Soldaten gemeint? Sehr junge, beglückend junge und himmelstürmend junge Opfer des Ersten Weltkrieges? Vorgeblich sollte es ja für Deutschland sein. Für Kaiser und Vaterland. Und natürlich Gott, der auch demnächst wieder mit von der Partie bzw. Party sein dürfte.

Nun gut – die Toten bleiben ja jung, wie dies ihrerzeit (wenn auch wohl in anderem Kontext) die Schriftstellerin Anna Seghers vermutete. Unterhalb der zwischenzeitlich nach Frau Seghers benamsten Schule finden wir den bisher nicht umbenannten Bertha-von-Suttner-Platz. Was wohl hätte die erste Friedensnobelpreisträgerin in Erwartung unserer künftigen Kriegstüchtigkeit zu sagen? Uns zu sagen?

Dir und mir? – Uns? Uns allen?

Heidi Eckenkieker

Dieser Beitrag stammt aus dem Oscar am Freitag, Ausgabe 9 (2025)

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