Seit es Menschen gibt, führte ein Mangel an Kommunikation in Beziehungen jedweder Art zu Konflikten. Aber auch wenn man miteinander redet, können schnell die Fetzen fliegen, wenn jede Partei auf ihrer vorgefassten Meinung beharrt, keine oder eine fehlgeleitete Empathie für das Gegenüber aufbringt und taub für solide Argumente ist. Auch das war schon immer so, wurde aber durch den Siegeszug der „sozialen“ Medien auf absurde Weise verstärkt. Schließlich bestätigen die Fakten und Meinungen derer, mit denen man sich eine Bubble teilt, dass die eigene Sicht der Dinge die einzig richtige ist.
Das seit 2019 erfolgreiche Theaterstück „Extrawurst“ führt exemplarisch vor, wie sich an einer winzigen Meinungsverschiedenheit eine hitzige Debatte entzünden kann, die vom Hundertsten ins Tausendste führt und verbrannte Erde hinterlässt. Nun hat der topaktuelle Stoff seinen Weg auf die große Leinwand gefunden.
In der Eingangssequenz sinniert Heribert Bräsemann (Hape Kerkeling), seines Zeichens Vorsitzender des Tennisclubs Lengenheide, über die zunehmende Rücksichtslosigkeit der Menschen im Alltag. Nur im Verein scheint die Welt noch in Ordnung zu sein, getreu dem Motto: „Im Frieden wie im Krieg behält die Einigkeit den Sieg“. Am heutigen Tage wird diese Eintracht allerdings einer harten Bewährungsprobe unterzogen. Dabei beginnt die Mitgliederversammlung eigentlich mit guten Nachrichten, sieht das Sportlerheim doch einer grundlegenden Sanierung entgegen. Bräsemanns guter Freund aus dem Stadtrat hat dafür den Kulturhaushalt angezapft, der Bauauftrag geht selbstredend an seinen Schwager, der auch schon mit den Arbeiten begonnen hat. Anschließend stellt Vereinsvize Matthias Scholz (Friedrich Mücke) noch eine Neuanschaffung in Aussicht, nämlich einen modernen Gasgrill für die immer gut besuchten Festivitäten des Clubs. Die Abstimmung über die Investition ist eigentlich eine Formsache, aber dann meldet sich Melanie Pfaff (Anja Knauer) zu Wort, die mit ihrem Mann Torsten (Christoph Maria Herbst) aus Berlin zugezogen ist. Plötzlich steht die Frage im Raum, ob man für Erol Oturan (Fahri Yardim), dem einzigen muslimischen Spieler, nicht einen separaten Grill anschaffen sollte, da sein Grillgut aus religiösen Gründen nicht mit Schweinefleisch in Berührung kommen darf. Erol selbst sieht hier kein Problem, was seine Doppelpartnerin aber nicht davon abhält, eine Grundsatzdiskussion anzuzetteln.
Der Erfolg des Bühnenstückes, den auch dessen filmische Adaption teilen dürfte, beruht auf dem großen Wiedererkennungswert. Im Falle des Autors Dietmar Jacobs kam die Grill- frage tatsächlich bei einer Elternversammlung zur Sprache (hier wurde sie allerdings in Kürze abgehandelt), während sein Co-Autor Moritz Netenjakob in eine türkische Familie eingeheiratet hat. Jeder Mensch mit einem sozialen Leben wird Situationen kennen, in denen es Gesprächspartner – meistens in bester Absicht – für nötig halten, sich für andere Gruppen und Kulturen einzusetzen, die bis dahin vielleicht nicht wussten, dass sie ein Problem haben. Dabei meint die oft angeprangerte kulturelle Aneignung doch genau dies: Das ungefragte Wortergreifen für Andere, die das womöglich gar nicht möchten.
In dieser temporeichen Komödie, die von feinem Wortwitz über beiläufige Gestik und Mimik bis zum Slapstick alle Register zieht, bleibt der ernste Kern trotzdem immer präsent. Die fünf Protagonisten werden frühzeitig von den anderen Mitgliedern absentiert und schaukeln sich an der Grillfrage hoch, bis der Vorwurf der Nazigesinnung ausgesprochen wird. Auf dem Weg dorthin treiben verdeckte Eifersüchteleien, soziale Inkompetenz und Machtgelüste Blüten. Letztere auch in Gestalt einer rabiaten Gaby Dohm, die partout ihren Film-Sohn als Vereinsvorsitzenden etablieren will. Die fünf Streithähne sind bestmöglich besetzt und laufen beim gegenseitigen Zuspiel der Bälle zur Hochform auf. Erwähnenswert: In einer hübschen Nebenrolle agiert Milan Peschel als Hausmeister, der immer irgendwie im Wege ist.
Der fleißige Regisseur Marcus H. Rosenmüller hat nach seinem famosen Kinodebüt „Wer früher stirbt ist länger tot“ so unterschiedliche Werke wie die Torwart-Biografie „Trautmann“ oder zuletzt „Pumuckl und das große Missverständnis“ inszeniert. Die Werke des Bayern verbindet ein Herz am richtigen Fleck und ein gerüttelt Maß an Humor. Ideale Voraussetzungen für seinen Dreh fand der Filmemacher in der Tennisanlage des Ruder-, Tennis- und Hockeyclubs Bayer Leverkusen. Anders als das Theaterstück macht die Adaption einige Schauplätze mehr auf. Und wo am Ende einer Live-Aufführung das Publikum häufig für oder gegen die Anschaffung eines alternativen Grills abstimmen durfte, zaubert Rosenmüller noch etwas Action aus dem Hut.
Während sich die Großen zoffen, sitzt ein Mädchen mit Kopfhörern im Raum und ist in der eigenen Welt völlig versunken. Vielleicht schafft es ja diese Generation, unsere verwahrloste Debattenkultur wieder mit echtem Leben zu erfüllen.
Genre: Komödie
Regie: Marcus H. Rosenmüller
Darsteller: Hape Kerkeling, Christoph Maria Herbst, Friedrich Mücke u. a.
Wertung: 4 von 5 Punkten
Dieser Beitrag erschien ursprünglich im Oscar am Freitag-Magazin, Ausgabe 1 (2026)





















