
Ein seltenes Jubiläum feiert das Gothaer Friseurunternehmen Amberg am 1. April: 130 Jahre wird das Familienunternehmen dann alt.
Gründervater August Amberg (1873 – 1937) stammt aus Römhild bei Meiningen. Die Wanderschaft führte ihn bis Hamburg. Von dort lenkte der gelernte Frisör seine Schritte 1895 nach Gotha, wahrscheinlich der Liebe wegen. Seine Frau Thekla, geborene Groß, stammt aus Gotha. August Amberg machte sich selbstständig und gründete am 1. April 1896 in der Pfortenwallgasse sein erstes Geschäft. Damals bediente er ausschließlich Männer, so war es üblich.
1936 ging mit Arthur Amberg (1903 – 1973) die zweite Generation an den Start – und führte das Haus durch Krieg und Besatzung in die DDR-Zeit hinein. „Ob Bombenangriff oder Stromausfall“, erzählte Arthurs Sohn Siegmar später einer Tageszeitung, „Wenn kein Strom da war, wurden die Haare mit der Hand geschnitten. Wir haben immer gearbeitet“
1973 übernahm Sohn Siegmar das Geschäft – im seit 1940 bestehenden eigenem Haus. Siegmar führte das Traditionsgeschäft durch die nicht immer einfachen DDR-Zeiten, agierte 25 Jahre als stellvertretender Obermeister der Berufsgruppe und wehrte sich erfolgreich gegen die Privatisierung – insbesondere in den 1970er Jahren war das keine einfache Sache.
Was viele heute als „normal“ empfinden, setzte Siegmar Amberg bereits damals durch: Rauchverbot und Bestellsystem. Sein Sohn, André Amberg, übernahm 2008 das Unternehmen in der vierten Generation – und schaut immer noch voller Achtung auf diese Zeit: „Das Bestellsystem war damals ungewöhnlich, brachte aber für Kunden wie Geschäft eine Win-Win-Situation. Man wusste immer, wer kommt – und niemand wartete mehr stundenlang auf den Termin.“
Erfolgsfaktor Nummer 2 damals: Siegmars Ehefrau Renate, die Ende der 1950er Jahre den Beruf bei den Großeltern von der Pike auf erlernte und im Geschäft als „Mithelfende Ehefrau“ agierte. Doch ob Rauchverbot oder Bestellsystem: Grundlage für einen erfolgreichen Geschäftsbetrieb war und ist das Beherrschen des Handwerks. Denn – so sagt es André Amberg – die Arbeit als Friseur „hat ungemein viele Facetten“ – und das wurde besonders in der Wendezeit deutlich. „Wir stellten damals ziemlich schnell auf westdeutsche Produkte um“, erzählt André Amberg – und erinnert an die Gerüche der neuen Friseurwelt („Wie das geduftet hat!“). Eine Fülle an Anekdoten können die Ambergs allein aus der Wendezeit erzählen – ob es der Erstbesuch im Wella-Studio in Darmstadt war, ein Schulungszentrum des damaligen Marktführers, oder die Art, wie man sich zu DDR-Zeiten „up to date“ hielt („Der Onkel schmuggelte Frisur-Poster über die Grenze.“).
2008 übernahm André Amberg das Geschäft, ohne dass der Vater auf eine Fortsetzung der Familientradition drängte („Er riet mir weder zu noch ab“). Für den Mann der vierten Generation war damals ein „Jahr in München entscheidend, welches mich nachhaltig geprägt hat“, erinnert sich der Friseurmeister André Amberg, In einem Satz: „Dieses Jahr zeigte mir, was alles möglich ist!“ Womit das Gespräch auf das Thema „Handwerk“ kommt – mit all seinen Möglichkeiten. Das Haar eines jeden Menschen hat eigene Formungskräfte – und fällt natürlich. Ein guter Friseur sieht das – und weiß es zu nutzen. „Ob aus Bauchgefühl oder als technischer Haarschneider, der Beruf bietet so viel an Kreativität und Gestaltungsspielraum!“ Das betrifft die unterschiedlichsten Schnittwerkzeuge („Nicht jede Schere ist gleich“) wie unterschiedlichste Schnitttechniken.
Und weil André Amberg weiß, was für ein Schatz die Familiengeschichte seines Unternehmens ist, setzt er in der Pfortenstraße auf zwei Geschäfte. Im Ursprungshaus wird der „Geschichte meiner Vorfahren und Gemeinsamkeit aller Erfahrungen“ Raum gegeben. Einige Meter weiter verwirklichte André Amberg ein Geschäft, „so wie ich es auch immer selbst machen wollte“. Das dürfte ein Erfolgskonzept sein: Neues zu wagen, ohne die Tradition zu vergessen. Und die Trends, die „früher“ per Poster über die Grenze kamen, kommen heute via TikTok und Instagram ins Haus.
Ein engagiertes Team, „für das ich sehr dankbar bin“, sorgt vor Ort dafür, dass die hausinternen Qualitätsmaßstäbe mit selbstgesetzten Standards umgesetzt werden. Doch es sind – gemessen an den Möglichkeiten – zu wenige, die sich für den Job bewerben. „Wir haben tatsächlich einen Fachkräftemangel, den wir vor einigen Jahren nicht für möglich hielten.“ Warum das so ist, kann Amberg sich kaum erklären: „Unser Beruf hat inzwischen eine schlechte Außenwahrnehmung – er ist nicht mehr so angesehen wie noch vor 15 Jahren.“
Dabei geht es hier um einen Beruf, der nicht nur den Kunden eine neue Frisur oder Haarfarbe bringt. Er ist – bei Amberg – mehr als ein purer Job, vielmehr ein Treffen mit Menschen, mit denen es teilweise „über Jahrzehnte eine persönliche Bindung gibt. „Du begleitest Menschen durch das Leben, bist auch ein Teil des Lebens deiner Kunden – und das ist neben den fachlichen Herausforderungen das Wertvolle an unserem Beruf“, erklärt es André Amberg. Das Friseurhandwerk sei mehr als eine Dienstleistung: „Es gibt Menschen, die schneiden Haare ab – wir aber schneiden die Haare!“
Bleibt die Frage, wie der Friseurmeister, dessen längste Berufspause bisher „aus Urlaubsgründen drei Wochen gedauert hat“, selber abschaltet. Mit Musik, laut und schnell! André Amberg arbeitet als DJ – eine andere Art für ihn, „kreativ zu sein“.
Die pure Freude ist das – wie der Job! Herzlichen Glückwunsch zum 130. Geburtstag!
Dieser Beitrag erschien ursprünglich im Oscar am Freitag-Magazin, Ausgabe 3 (2026)






















