Die Entwicklung unserer Sozialsysteme ist in diesen Tagen Lebensthema und Lebenswunde zugleich.
Beim Fußball im Abseits, der Wirtschaft droht die Auswechselbank und selbst ein unerfüllbarer Kinderwunsch realisiert sich legal nur noch im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Die Verdrängung der Wirklichkeit ist eine folgenreiche deutsche Neigung. Realität nicht zu akzeptieren, ist die neue Wahrheit. Ich glaube, dass es vielen Menschen wie mir geht: Man hat das Gefühl, wir fahren vor die Wand, aber keiner will bremsen.
Die Schwäche einer jeden Demokratie ist, dass ein Politiker, der seinem Volk unangenehme Wahrheiten sagt, die Aussicht auf eine Wiederwahl deutlich reduziert. Mit Blick auf die anstehenden Landtagswahlen beobachte ich: Wer die Wahrheit sagt, wird abgewählt. Wer gewählt werden will, verschweigt sie.
Dieser Blindflug kostet uns ein Vermögen. Die Demokratie stolpert nicht mehr, sie fällt vornüber. Die Politik trägt eine Doppel-D aus Dummheit und Dissonanz. Heute erleben wir Schulden, die sich als Sondervermögen verkleiden. Sparen tut die Regierung ausgerechnet an der Bildung. Der Staat leiht sich mit dem Sondervermögen Milliarden von den heutigen Kindern, an deren Schulen und Bildungschancen er gleichzeitig spart und nennt das „Investitionspolitik”. Die eigenen Gläubiger strategisch dumm zu halten, ist eine perfide Strategie. Ich hoffe, die heutige Jugend erkennt das und klebt sich nicht auf Straßen, um grüne Ziele zu unterstützen, sondern um ihren Schuldnern einzuheizen…
Der Gothaer Olaf Seibicke, Direktor des mit fünf Sternen und einem Michelin-Stern ausgezeichneten Hotel „Hohenhaus” in Herleshausen, schreibt seit Jahren für den „Oscar am Freitag” an dieser Stelle Kolumnen.
Dieser Beitrag erschien ursprünglich im Oscar am Freitag-Magazin, Ausgabe 7 (2026)




















