Solidarität und Einsatz bis an die Grenzen der Kräfte

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Es riecht nach Schlamm, Öl und modrigem Wasser, die Feuchtigkeit ist auf der Haut zu spüren, mit den Schuhen sinkt man hier und da zentimetertief ein. Die beschriebene Szene spielt nicht im Watt der Nordseeküste, sondern am Dienstag (4. Juni) im Zentrum der ostthüringischen Stadt Gößnitz.

Der 3.500-Seelen-Ort hat gerade die schlimmste Flutkatastrophe seiner Geschichte hinter sich; selbst die Hochwasser von 2002, 1961 und 1954 seien übertroffen worden, zitiert Bürgermeister Wolfgang Scholz Einwohner, die diese Ereignisse noch in Erinnerung hatten. Wie hoch die Pleiße am Sonntag und Montag tatsächlich stand, kann niemand genau sagen: „Das Pegelmaß endet bei 4,35 Metern, es war nicht mehr zu sehen“, kann Bürgermeister Scholz nur stakkatoartig zwischen ständigen Anrufen auf seinem Handy die Frage beantworten. Rund um den schmucken, vor wenigen Jahren sanierten Marktplatz zeigen die Hausfassaden, wie hoch das Wasser tags zuvor in der Stadt stand. Bis auf etwa 1,10 Meter Höhe sind die Mauern durchfeuchtet; auf den Gehwegen stehen inzwischen Container, in denen die Anwohner beginnen, ihre vernichteten Möbel und Habseligkeiten zu entsorgen.

Mittendrin stehen drei Feuerwehrfahrzeuge mit Gothaer Kennzeichen. Der Katastrophenschutzzug Nr. 2 ist seit Montagnacht hier im Einsatz, um den Ostthüringern beizustehen. Die Kameradinnen und Kameraden aus Neudietendorf, Gotha, Tabarz pumpen am Dienstagvormittag die Keller in der Bahnhofstraße aus. „Gestern zur selben Zeit war von der Straße nichts zu sehen, man wäre nur mit dem Boot durchgekommen“, beschreibt Kreisbrandmeister Silvio Werner die vorgefundene Situation.

Ihre erste Aufgabe: Ein übergelaufenes Stauwehr auspumpen und somit ermöglichen, dass das Wasser aus der Stadt wieder abfließen kann. Danach haben sich die Freiwilligen Straße um Straße vorgenommen. Die Anstrengungen der vergangenen Tage und Stunden stehen den Kameradinnen und Kameraden ins Gesicht geschrieben.

Am Wochenende noch mit dem Hochwasser in der eigenen Gemeinde beschäftigt, konnten etwa die Neudietendorfer Sonntagabend gerade einmal zwei Stunden zu Hause verbringen, ehe sie nach Gößnitz aufbrechen mussten. Die Stimmung in der Truppe ist dennoch gut; man scherzt gelegentlich mit den Anwohnern, deren Gemüt zwischen Verzweiflung und Dankbarkeit schwankt. „Eine dufte Truppe“, verdeutlicht Bürgermeister Scholz seine Anerkennung in der üblich knappen Form zwischen zwei Telefonaten.

Die Wertschätzung gilt selbstredend auch dem Katastrophenschutzzug 1 unter Leitung von Kreisbrandmeister Peter Arlt. Dessen Frauen und Männer aus den Wehren Tambach-Dietharz, Friedrichroda, Waltershausen, Langenhain und Warza sind seit Montagmorgen mit dem Auspumpen von Kellern einer großen Wohnanlage beschäftigt, die nach der Wende auf Überflutungswiesen der Pleiße errichtet worden war. Ein Kamerad wurde dabei leicht verletzt, ist aber zum Besuch von Kreisbrandinspektor Thomas Karstedt und dem Zweiten Beigeordneten Thomas Fröhlich bereits wohlauf zurückgekehrt.

Peter Arlt berichtet ebenfalls von großer Dankbarkeit in der Bevölkerung; die Zusammenarbeit mit anderen Feuerwehren habe reibungslos funktioniert, selbst wenn mittlerweile im Umkreis von 100 Kilometern keine einzige Tauchpumpe mehr aufzutreiben sei.

Am Nachmittag hat Arlts Truppe ihre Aufgabe beendet; die Frage: „Heimwärts oder zum nächsten Einsatzort?“ macht die Runde. Die Motivation ist ungebrochen, und anstelle eines Einrückens und nochmaliger Alarmierung ziehen es die Floriansjünger vor, lieber sofort dorthin zu wechseln, wo ihre Hilfe gebraucht wird. Lange müssen sie auf die Anforderung nicht warten: Nach Treben, rund 30 Kilometer stromabwärts, zieht der Krisenstab beide Gothaer Einsatzzüge aus Gößnitz kurze Zeit später ab.

Gartenhäuschen trieben auf der Elster

Ortswechsel: Berga an der Elster, Landkreis Greiz. Auch hier helfen am seit Montagnacht Katastrophenschutzeinheiten aus dem Landkreis Gotha, die Flutfolgen zu bewältigen. Als erste rückten am Sonntagabend 23 Frauen und Männer des Sanitätsbetreuungszuges ab, wenig später gefolgt von einem individuell zusammengestellten Katschutzzug mit Feuerwehreinheiten aus Georgenthal/Nauendorf, Wechmar, Molschleben, Hörselgau und Gräfentonna.

Die Sanitäter und Helfer des DRK richteten in einem Kulturhaus Notunterkünfte für rund 50 Menschen her. Wenngleich die Nachbarschaftshilfe gut funktioniert: Etwa 20 Betroffene finden im Kulturhaus Unterschlupf, ebenso Einsatzkräfte aus ganz Thüringen.

Neben der Unterbringung kümmern sich die DRK-Helfer um die Notwendigkeiten des Alltags, die unter Krisenbedingungen zu großen Herausforderungen anwachsen: Woher bekommt man Windeln der richtigen Größe für ein Neugeborenes, dessen Eltern evakuiert werden mussten, wenn der einzige Supermarkt im Ort Opfer von Flut und Plünderung geworden ist? Und wie organisiert man die Verpflegung von rund 20 Personen in einem Gehöft weit außerhalb des Ortes, die von dort nicht weggehen wollen?

Am Dienstagnachmittag ist das Wasser aus der Innenstadt verschwunden; dem Betrachter offenbart sich die Wucht, mit der die Fluten der Elster in dem beschaulichen Städtchen gewütet haben. Fußballtore aus Metall liegen deformiert und verdreht am Rande des überfluteten Sportplatzes, der nach wie vor zum Flussbett der reißenden Elster zählt.

„Gestern Nachmittag sind Gartenhäuschen durch den Ort getrieben“, berichtet ein Wechmarer Feuerwehrmann von bislang ungekannten Bildern. Vom Spitzenpegel 6,10 Metern berichtet Bürgermeister Stephan Büttner; ein Wert, der seit 1954 nicht mehr erreicht worden war. Am Supermarkt im Zentrum zeigt ein brauner Streifen in etwa einem Meter Höhe an, wo die Elster wenige Stunden zuvor gestanden hatte. Gegenüber leeren die Kameraden der Georgenthaler Feuerwehr Keller um Keller unter Cafés und Geschäften.

Knappe hundert Meter weiter sind die Molschleber mit dem Auspumpen der Grund- und Regelschule so weit, dass der Strom wieder angeschaltet werden kann. Im ganzen Ort werden plötzlich Sandsäcke bereitgelegt zum Abtransport. Wie es heißt, hole sie in Kürze die Bundeswehr, um andernorts die Fluten zu bändigen. Von Normalität, so viel wird an diesem Nachmittag klar, sind die Überschwemmungsgebiete in Ostthüringen in diesen Tagen noch weit entfernt.

Zu den Flut-Bildern geht es HIER: [nggallery id=163]