Keine Frau der überflüssigen Worte

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Nein, Joan Armatrading ist keine Frau der überflüssigen Worte. Wohl weil sie die Worte so liebt. Joan Armatrading ist die große, immer ein wenig hinter den amerikanischen Heroen wie Bob Dylan oder Patti Smith zurücktretende, aber doch nicht minder wichtige Songwriterin Großbritanniens.

Und wie diese ist sie eigentlich eine Lyrikerin, eine geradlinige, unermüdliche Sängerin im ganz antiquierten Sinne, die mit ihrer Gitarre und ihrer bisweilen sehr rockig-lauten Band auf der Welt herum kurvt, um sie zum Besseren zu verändern. Das klingt irgendwie schlicht? Aber ja, es funktioniert! Und es hat sie, die im gepriesenen Jahre 1968 in der Westend-Produktion des legendären Musicals Hair ihre Musikkarriere begann, bis heute die Zeiten überdauern lassen.

Mittlerweile hat sie 18 eigene Studioalben veröffentlicht, fast ein Dutzend Live- und Best-of-Platten, DVDs, Filmmusiken, Gastauftritte und nicht zu vergessen:  Hunderte Konzerte auf der ganzen Welt.

Und sie ist ihrem Stil treu geblieben, einem folklastigen, bisweilen recht rockigen Singer/Songwritertum, in dem sie mit energischer, dunkler Stimme sich auslässt über all die Dinge, die sie als Künstlerin interessieren, von persönlichen Beobachtungen über zwischenmenschliche Beziehungen bis hin zu größten politischen Zusammenhängen.

Nein, sie war nie die laute politische Stimme wie Patti Smith, sie war auch nie besonders der Poesie verschrieben wie der verrätselte Großlyriker Bob Dylan. Joan Armatrading galt lange als die eher scheue, warme Stimme des farbigen Großbritannien, der Einwanderer, der einfachen Leute. Selbst als Tochter karibischer Eltern auf St. Kitts geboren, verließ sie die damalige britische Kolonie im Alter von acht Jahren, um im eher weißen Birmingham zur Schule zu gehen.

Die Eltern nahmen sie mit 15 von der Schule, um die Familie zu unterstützen, mit 16 wurde sie das erste Mal gefeuert, weil sie in den Arbeitspausen Gitarre gespielt hatte. Ein Schicksal wie das Tausender Einwanderer. Doch Joan Armatrading war von eiserner Geduld und spielte sich mehrere Jahre hindurch von einem Club zum anderen, bis sich schließlich 1972 die Chance zur Aufnahme eines Debütalbums bot.

Die Platte wurde, trotz Auftritt in John Peels legendärer BBC-Radioshow, kein Erfolg. Erst 1976 gelang ihr mit dem dritten Album eine Art kleiner Durchbruch, der darauf enthaltene Titel „Love and Affection“ sollte ihr bis heute größter Hit werden und Armatrading zum ersten farbigen Weltstar Großbritanniens machen.

Doch auf Chart-Erfolgen hat sich Joan Armatrading noch nie ausgeruht. Seit 1976 erschien nahezu alle zwei Jahre ein neues Album, auf dem sie von ihrem unerschütterlichen Folk-Fundament aus die verschiedensten Genre erkundet, von Rock über Jazz, Blues, Soul bis hin zum Reggae.

2012 erschien mit „Starlight“ Album Nummer 18, mit feiner Ausrichtung gen Jazz und doch eigentlich vor allem eines: ganz und gar Joan Armatrading.

JenaKultur holte Sie nun gestern Abend zur Kulturarena nach Jena. Ein Abend auf den ich mich besonders freute und mit mir die etwa 1400 Besucher. Auch wenn Joan Armatrading hauptsächlich die Songs der neuen, mir noch unbekannten, Platte spielte,  konnte diese Frau sehr begeistern. Als dann kurz vor Schluss die Klassiker kamen, war auch ich mit dem Abend versöhnt. Wieder ein Abend in Jena der im Gedächtnis bleiben wird.

Text & Fotos: Holger John / VIADATA

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