Oberbürgermeister Knut Kreuch mit einem offenen Wort zu den Veränderungen im Stadtbild

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Gotha verändert sich und zwar gewaltig. Für viele Bürger kommen die Veränderungen im Stadtbild überraschend, für andere zu spät. Ist ein Bauwerk verschwunden, überwiegt die Trauer für das Haus, das 1950 noch ein schönes Gebäude war, aber meistens seit zwanzig Jahren dem Verfall entgegen preisgegeben war. Der Residenzstadtcharakter Gothas wird nicht nur von der wundervollen Silhouette des Schlosses Friedenstein geprägt, sondern insbesondere vom Charakter der Stadt, von den Palais und Gärten der Herzöge, den prächtigen Bürgerhäusern, den engen Gassen und den einladenden Plätzen.

In den letzten zwanzig Jahren hat die Stadt Gotha etwa 100 Millionen Euro investiert, um die Einmaligkeit der Stadt zu unterstreichen. Der restaurierte Buttermarkt und die zurzeit im Bau befindliche Augustinerstraße mit dem Kloster- und Myconiusplatz sind nur zwei Beispiele für die Veränderungen zu Gunsten der Bürger und des Stadtbildes. Doch es sind nicht nur die Stadt Gotha, die Baugesellschaft Gotha GmbH oder die Wohnungsbaugenossenschaft Gotha, auch viele Bürgerinnen und Bürger, haben mit Einzelinitiativen dazu beigetragen, dass man in Gothas denkmalgeschützter Bausubstanz wunderbar leben und arbeiten kann.

Das große Engagement der letzten zwanzig Jahre kann aber nicht darüber hinweg täuschen, dass die Narben im Stadtbild immer noch unübersehbar sind. Besonders die großen Palais der Gothaer Herzöge, die seit 1918 keine eigene Nutzung und damit verbundene grundhafte Restaurierung erfahren haben, sind stark gefährdet. Der Einsturz wertvoller statischer Bauteile im Winterpalais, die starke Verseuchung und damit verbundene gesundheitsschädigende Gefährdung der Bürger durch den „Gemeinen Hausschwamm“ in den Bauwerken der Siebleber Straße sind nur zwei Beispiele, die deutlich machen, dass eine Restaurierung und Sanierung der Häuser oft zu spät kommt und nicht mehr möglich ist.

Am Beispiel des Winterpalais, das während der Sanierungsmaßnahmen zu erkennen gab, dass kaum noch sanierungsfähige Teile vorhanden sind und insbesondere die gesamte Tragwerkskonstruktion von Balken verrottet war (man konnte die tragenden Balken mit der Faust zerdrücken), wird die Stadt Gotha von neuem aufzeigen müssen, dass es andere Wege in der Denkmalpflege gibt und ein neues Winterpalais entstehen kann, das genau die Formen und Vorzüge des Palais der letzten Gothaer Herzogin Karoline Amalie von Sachsen-Gotha-Altenburg aufzeigen wird.

Besonders in der Siebleber Straße/Schwabhäuser Straße unternimmt die Stadtverwaltung seit einem Jahrzehnt verstärkt Anstrengungen, das Arbeiten und Wohnen im historischen Stadtkern attraktiv zu machen. Im Rahmen der Initiative „Genial zentral“ sind in der Schwabhäuser Straße bereits neue Eigenheime entstanden. Leider fehlen immer noch neue Investoren und es ist wünschenswert, dass die, die Veränderungen lautstark fordern, sich hier mit Initiativen einbringen. Leider will niemand mehr an der Nordseite von Straßen oder gegenüber von großen Wohnblöcken wohnen, wo das Wohnhaus ständig im Schatten steht. Auch diese Tatsache stellt die Stadtverwaltung vor große Herausforderungen und die Frage lautet „Was tun, wenn keiner dort bauen will?“. Kann man hier Stadtgärten oder einen Stadtwald anlegen? Brauchen wir hier Spielplätze für Senioren? Das Stadtplanungsamt stellt sich den Herausforderungen, doch privates Kapital ist notwendiger denn je und es braucht Bürger, die engagiert zugreifen und investieren.

„Ich habe viele Sorgenkinder übernommen“ macht Oberbürgermeister Kreuch aus seinem Herzen keine  Mördergrube „dass wir im Mohrenviertel erste Erfolge verzeichnen freut mich, leider gibt es immer noch Eigentümer, die ihren Aufgaben und Verpflichtungen nicht gerecht werden. Obwohl wir Druck machen auf die Besitzer, sind es zähe Verhandlungen“ fasst Knut Kreuch die schwierigen Aufgaben knapp zusammen. „Ich mache aber auch Unterschiede, denn es gibt Besitzer, die mit ihren Aufgaben wegen des Wohnungsleerstandes oder geringer Einkommen überfordert sind und es gibt Spekulanten. Ersteren müssen wir helfen, letzteren müssen wir auf die Finger schauen und sie dazu bewegen ihren gesetzlichen Pflichten nachzukommen“ so Kreuch.

„Ich finde es ungerecht, wenn Bürger sich zu überzogener Kritik aufschwingen und der Stadt vorwerfen sie würde Bauwerke mutwillig abreißen lassen. Ist vergessen worden, dass wir für 16 Millionen das Stadt-Bad Gotha sanieren, hat niemand bemerkt dass wir mit 400.000€ Eigenmitteln exakt 20 Millionen Euro Bundes- und Landesfördermittel für die Sanierung des Perthes Forum Gotha und das Herzogliche Museum nach Gotha geholt haben. Jeder der ins Augustinerkloster geht muss doch wissen, dass die Stadt hier 3 Millionen Euro investierte, dass die Thüringer Stiftung Schlösser und Gärten jährlich mindestens drei Millionen Euro für Schloss Friedenstein, die Parkanlagen und die Orangerie aufwendet.

Das sind fast 50 Millionen Euro in den letzten fünf Jahren die nach Gotha geflossen sind. Gut dass viele Bürgerinnen und Bürger diese Arbeit der Stadtverwaltung positiv schätzen“. Allein die Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten plant für die Sanierung von Schloss Friedenstein noch mindestens 50 Millionen Euro ein.

Wer durch die Friedrichstraße geht, der bemerkt deutlich, dass hier Privatinitiative gefordert ist. Da sitzen Eigentümer in Spanien und lassen den „Klub der Kulturschaffenden“ verfallen, der Besitzer der alten Poliklinik hat auch kein Konzept für sein Haus und die alte Orangerie-Apotheke neben dem Lorbeerhaus dümpelt vor sich hin, mit grässlich verunstalteter Fassade. Dort, wo ein Investor bauen wollte, brannte über Nacht das Treppenhaus ab und die Verhandlungen mit den Versicherungen verzögern jegliche neue Bautätigkeit. Was die Bahnhofstraße, außer dem Bahnhofsgebäude selbst, an vorzeigbarer Schönheit aufweist, geht der Friedrichstraße bisher völlig verloren. Doch wer Fantasie hat, der weiß, diese Straße könnte eine tolle Atmosphäre abgeben, die Sanierung des Hofgärtnerhauses sowie Sanierung und Neubau des Winterpalais sind Anstoß für alle Eigentümer zum Handeln, denn Denkmalschutz bedeutet, bei jeder Schutzmaßnahme erst nachzudenken.

Für das Landschaftshaus am Schlossberg haben die Stadt Gotha und die Baugesellschaft Gotha die Verantwortung übernommen, weil der Freistaat das stadtbildprägende Haus verfallen ließ. Für das Prinzenpalais (ehemaliges Klubhaus der Jugend) fehlt das Geld für ein Zukunftskonzept. Auch das Amtshaus in der Augustinerstraße wartet auf Investoren. Hier hat die Deutsche Stiftung Denkmalschutz 1991 durch die Dachsanierung der Verfall gestoppt. „Zehn  Jahre Leerstand sind der Untergang eines Hauses“ so ein Bausachverständiger.

Preiswürdige Eigeninitiativen gibt es am Mohrenberg, wo ein Investor die alte Augenklinik zur Wohnresidenz sanieren will und gleich noch eine Baulücke in der Schwabhäuser Straße mit einem Neubau füllt. Am Hauptmarkt entsteht nach einem Verkauf durch die Stadt und einen ausländischen Eigentümer eine Ferienwohnung im Stadtkern. „Wir wollen Mut machen“ so Bürgermeister Werner Kukulenz „denn es gibt so viele gute Beispiele, egal ob von Stadt oder Bürgern. Wir setzen jeden Euro aus Steuer- oder Fördergeldern effektiv für Gotha ein, denn unsere Stadt ist lebens- und liebenswert“ so der Bürgermeister, der bereits von 1990 bis 1994 wichtige Weichen für die Stadtentwicklung stellte und besser als jeder andere weiß, wie man mit einer alten und doch so jungen Stadt umgehen muss, um sie zukunftsfähig zu erhalten.

Oberbürgermeister Knut Kreuch bittet deshalb mit einem offenen  Wort alle Bürger und die Gäste Gothas um Verständnis, dass die Bewahrung der historischen Stadtkulisse ohne schmerzhafte Einschnitte nicht möglich sein wird. Er fordert aber auch alle Gothaerinnen und Gothaer auf, nicht nur das Wort zu erheben oder –  schlimmer – gar hinter vorgehaltener Hand zu diskutieren, sondern zu kaufen und zu investieren, Freunde zu animieren, dass es sich lohnt, Geld in Gotha anzulegen, dass es Bauwerke gibt, die man mit Liebe und nicht mit Geld entwickeln muss und dass die Stadtverwaltung gern Partner für Ideen und Initiativen aller Art sein will. „Was wir bis 2020 nicht geschafft haben, wird wieder ein Jahrhundert dauern“ so die Perspektive des engagierten Gothaer Oberbürgermeisters.