Bessere Lebensqualität in eher strukturschwachen Dorfregionen steht im Mittelpunkt einer Bürgeridee – die im Landkreis Gotha entsprang -, welche nun in einem dreijährigen Forschungsprojekt untersucht wird. Kern dieser Idee ist es, koordiniert mehrere Dörfer mit Fahrradinfrastruktur zu verbinden und so aktive Mobilität wie Radfahren, Rollstuhlfahren, Skaten oder Zufußgehen für alle zu ermöglichen. Das teilte die Initiative geRADeWEGs mit.
So sollen lokale Ziele der Grundversorgung und Teilhabe auch für Menschen, die kein Auto fahren können oder wollen, bzw. bei schlechter ÖPNV-Anbindung leichter zugänglich und damit gestärkt werden.
Von der Idee zum Forschungsprojekt
Die Bürgerinnen und Bürger aus einer Region kleiner Dörfer in Thüringen möchten das Stadtentwicklungskonzept der „15-Minuten-Stadt“ auf ländliche Gebiete übertragen, in denen sich bisher kaum nennenswerte Radverkehrsinfrastruktur für die Alltagsnutzung entwickeln konnte. Während es in so genannten „15-Minuten Städten“, wie z.B. in der Stadt Paris, vorrangig darum geht, alle erforderlichen Angebote in Entfernungen von ca. 15 min zu Fuß oder per Rad vorzuhalten, ist der Fokus in dörflichen Regionen, die vorhandenen Angebote z.B. per Rad in angemessener Zeit erreichbar zu machen. Als Initiative „geRADeWEGs“ entwickelten die Bürger und Bürgerinnen das Konzept „15-Minuten ProvinzNETZ“ und suchten sich wissenschaftliche Partner. Gemeinsam wird nun unter der Leitung der TH Wildau und zusammen mit der Universität Kassel im dreijährigen Forschungsprojekt „ProvinzNETZ“ das Potential und die strukturellen Voraussetzungen solcher Dörfer-Netze untersucht. Das Projekt wird im Rahmen des Nationalen Radverkehrsplans vom Bundesministerium für Verkehr gefördert.
Vision 15-Minuten Dörfer-Netz
Belegt ist: das Mobilitätsverhalten ändert sich und wird aktiver, wenn dafür sichere und zusammenhängende Infrastruktur zur Verfügung steht. Für das Konzept „15-Minuten ProvinzNETZ“ spricht aus Sicht der Bürger auch, dass strukturelle Hürden durch Koordination und abgestimmte Planungs- und Bauprozesse überwunden werden.
„Als Gesellschaft wollen wir einen flächendeckenden Ausbau der Radverkehrsinfrastruktur. Warum nicht die Förderung der aktiven Mobilität gezielt zur Quervernetzung mehrerer Dörfer und damit als kraftvollen Impuls für strukturschwache Regionen nutzen, um Nahräume zu stärken und das Leben dort für viele erlebbar zu verbessern?“, argumentiert Dagmar Thume, Sprecherin der Bürgerinitiative „geRADeWEGs“.
In Regionen mit schlechter Radinfrastruktur fehlt oft eine Kultur der aktiven Alltagsmobilität und damit auch der politische Druck für Verbesserungen. Gerade in diesen Regionen besteht aber allgemein ein dringender politischer Handlungsdruck für positive Veränderungen. Für Themenfelder wie Gesundheitsprävention, Einsamkeitsbekämpfung, Teilhabe, Arbeitsplatzattraktivität und Standortverbesserung bieten Dörfer-Rad-Netze ein bislang wenig genutztes, aber sehr wirksames Instrument. Die positiven Effekte summieren sich bereichsübergreifend, sodass sich die Investition in solche Netze eher rechtfertigen lässt, als wenn man jede Maßnahme isoliert betrachtet.
Erzielen Dörfer Netze die beschriebenen Effekte, lässt sich das flächendeckende Vernetzungsziel des Nationalen Radverkehrsplans (NRVP) 3.0 deutlich schneller erreichen. „15-Minuten-ProvinzNETZe“ setzen einen wichtigen Impuls für die Gesamtentwicklung des Radverkehrs, weil sie im ländlichen Raum auf breite Zustimmung für Radinfrastrukturentwicklung stoßen. Viele Menschen in Dörfern wünschen sich bessere Mobilitätsangebote, geringere Abhängigkeit vom Auto und mehr Lebensqualität durch leicht erreichbare Ziele sowie gute ÖPNV-Anbindung.
Mit dem Forschungsprojekt „ProvinzNETZ“ wird unterstrichen: Bürgerinnen und Bürger können mit ihren Ideen Veränderungen anstoßen und aktiv die Entwicklung ihrer Region und darüber hinaus beeinflussen. „ProvinzNETZ“ zeigt, dass Innovation und gesellschaftlicher Wandel von unten und mit den Menschen vor Ort gestaltet werden kann.
Zusatzinformation:
Die Initiative „geRADeWEGs“ aus dem Thüringer Landkreis Gotha engagiert sich seit 2018 für die Errichtung einzelner interkommunaler Radwege in ihrer Region.




















