Unbelebte Überlebenskünstler

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Gründungsunterzeichnung des European Bioinformatics Center am 08.03.2017 an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, Martin Beer, Manja Marz, Philippe LeMercier und Volker Thiel (von links). Foto: Anne Günther/FSU

Jena (FSU/US) Sie können sich rasend schnell verbreiten und dabei Menschen und Tiere töten, Ernten vernichten oder als „blinde Passagiere“ zeitlebens in anderen Organismen überdauern. Obwohl selbst gar keine Lebewesen, sind Viren wahre Überlebenskünstler: Sie vermehren sich, indem sie Zellen anderer Organismen kapern und ihnen die Arbeit überlassen. Sie besitzen keinen eigenen Stoffwechsel, sondern verfügen lediglich über Erbsubstanz, die es zu vermehren gilt. „Und das beherrschen sie seit Millionen von Jahren hocheffizient“, sagt Dr. Franziska Hufsky von der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Einige der gefährlichsten menschlichen Krankheiten werden von Viren verursacht: AIDS, Pocken, Ebola. Gerade weil sie so klein und simpel sind, mache sie so gefährlich. „Da Viren nicht leben, können sie nicht im wörtlichen Sinne getötet werden. Daher gilt es, andere Wege zu finden, um Viren zu zerstören“, sagt die Bioinformatikerin. In der heutigen globalisierten Welt ist es zudem schwierig, ihre Verbreitung zu unterbinden. „Viren reisen mit Menschen und Waren rund um den Globus und können so binnen weniger Tage zu einer weltweiten Bedrohung werden.“

Neue Ansatzpunkte für effiziente Therapien gegen Viruserkrankungen sowie ein umfassenderes Verständnis für die Vielfalt der Viren und ihre Diagnostik, das sind einige der Ziele, die Virologen und Bioinformatiker in einem neuen Netzwerk erreichen wollen. Dazu haben sich vergangenen Mittwoch (8. März) an der Friedrich-Schiller-Universität Jena (FSU) rund 100 Experten aus ganz Europa versammelt und das „European Virus Bioinformatics Center“ (EVBC) gegründet. „Uns geht es um die Vernetzung führender Virologen und Bioinformatiker“, unterstreicht Dr. Hufsky, die das Forschungsnetzwerk koordiniert. „Wir führen die Expertise aus beiden Wissenschaften zusammen, um Menschen besser gegen das erhöhte Risiko viraler Pandemien zu schützen.“ Denn nicht nur die bislang bekannten Viren seien potenziell gefährlich. „Wie die jüngste Welle von ZIKA-Infektionen zeigt, können jederzeit neue Viren zu einer ernsthaften Gefahr werden.“

Zu den Gründungsmitgliedern des EVBC gehören neben Forschern des Lehrstuhls für Bioinformatik und Hochdurchsatzanalyse der FSU, Mediziner des Uniklinikums Jena, Wissenschaftler des InfectoGnostics Forschungscampus Jena, des Michael Stifel Zentrums der FSU, des „Jena Centre for Bioinformatics“ sowie der Alere Technologies GmbH. Auch Vertreter des Robert-Koch- und des Paul-Ehrlich-Instituts, des Bernhard-Nocht-Instituts für Tropenmedizin, des Friedrich-Loeffler-Instituts (Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit) sowie Partner aus den Niederlanden, Frankreich, Großbritannien und der Schweiz sind dem Verbund bereits beigetreten.

Neben wissenschaftlichen Kooperationen zwischen Bioinformatikern und Virologen wollen die Mitglieder des EVBC neue Konferenzen und Fachzeitschriften auf dem Gebiet der Virus-Bioinformatik anregen und dem Fachgebiet so zu mehr internationaler Sichtbarkeit verhelfen. „Wichtig ist uns auch eine Brücke zur pharmazeutischen Industrie zu schlagen und so die Zeit von wissenschaftlichen Erkenntnissen bis zu deren medizinischer Anwendung zu reduzieren“, kündigt Prof. Dr. Manja Marz an. Die Inhaberin des Lehrstuhls für Bioinformatik und Hochdurchsatzanalyse der FSU leitet das EVBC.

Konkret erhoffe man sich so neue Viren zu identifizieren und eine umfassende und einheitliche Virendatenbank zu erstellen. Außerdem wollen die Forscher den Virenpopulationen und den Interaktionen zwischen Viren und ihren Wirtsorganismen intensiv nachgehen. Langfristig sollen diese Erkenntnisse in neue diagnostische Methoden, Impfstoffe und antivirale Medikamente münden, die für ein breites Spektrum an Virenerkrankungen eingesetzt werden können, ähnlich wie Breitbandantibiotika bei Bakterieninfektionen.

Weitere Informationen unter: http://evbc.uni-jena.de/

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