Installation am Gothaer Bahnhof: „Gotha hört Alexander Kluge“

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Alexander Kluge – Blick nach Osten. Polaroidfoto: Christoph Mauny

Gotha (red/mk, 11. Februar). Am Montag, dem 14. Februar, wird Alexander Kluge 90 Jahre alt.

Ihm zu Ehren hat die Stiftung Schloss Friedenstein Gotha, dem großen Autoren, Filmemacher und Philosophen ein temporäres Denkmal gesetzt: In der Geburtstagswoche, vom 14. bis 20. Februar, werden Reisende, Passanten und Neugierige Kluge an jenem Ort begegnen können, an dem der damals Sechsjährige Gotha zum ersten Mal betreten hat. Am Bahnhof der Stadt wird Kluges Stimme im Rahmen einer Soundinstallation täglich von 6 Uhr bis 20 Uhr zu hören sein –  unterbrochen nur durch die Bahndurchsagen.

Das einwöchige Projekt ist ein Beitrag zum Thüringer Themenjahr „Welt übersetzen“ in Kooperation mit der Stadt Gotha und in Zusammenarbeit mit der Baugesellschaft Gotha und der Deutschen Bahn.

Für diese ästhetische Intervention im öffentlichen Raum hat der „Friedenstein“-Preisträger 2020 Alexander Kluge Erinnerungen an seine sechs Kindheitsmonate in Gotha eingesprochen. Der Schriftsteller hatte diese ursprünglich in „Lesen und schreiben lernen/Buchstaben des Lebens‘“ festgehalten. Der Sonderdruck in Schulheftanmutung war für die „Oskar Schlemmer“-Sonderausstellung der Stiftung (2019) entstanden.

Alexander Kluge als Kind. Foto: Sammlung Alexander Kluge

Die nicht immer leicht verdaulichen Gedächtnishäppchen sind wartezeitgerecht, verleiten aber zum Hören der gesamten etwas 35-minütigen Schleife und somit zum Verpassen des Zuges. Kluges präsente, warme Stimme löst den Alltagseilenden behutsam aus seiner Bahnhofsrealität heraus und nimmt ihn mit in das Jahr 1938, mit in die Reyherschule, in der sich der junge Kluge am „h“ in Sütterlinschrift versucht.

Die Soundinstallation ist Teil des Themenjahrs „Welt übersetzen“: Sie holt, bzw. über- und versetzt eine vergangene, aber bis in unsere Gegenwart wirkende Zeit des Zweiten Weltkriegs in die Jetztzeit. Das Projektteam spiele aber auch auf die Ebene der Wahrnehmung und die Erkenntnis von Welt an, so Christoph Mauny: „Mit den Mitteln der Literatur wird Realität ‚übersetzt‘ in die Welt der Kunst. Mit dieser ästhetischen Brille sehen wir die Welt anders, womöglich genauer und intensiver.“

Damit fügt sich das Werk in das neue Vermittlungsprojekt „Wunderkammer Friedenstein“ der Stiftung. Denn Kluge arbeitet nach dem „Prinzip Wunderkammer“, in dem sich alle Wissenschaften und Künste begegnen, um die Welt zu durchdringen, sie abzubilden und zu begreifen. Mauny sieht die moderne Wunderkammer „als Gegenentwurf zur mächtigen Algorithmenlogik des Silicon Valley, die das lebendige Dazwischen zwischen 0 und 1 wegdrückt.“ Sie sei ein Ort der Begegnung, der Geselligkeit, der Bildung als Erlebnis. Und so begegnen sich vom 14. bis 20. Februar die Realität „Alltag“, die Geschichte des Zweiten Weltkriegs und die Poesie Alexander Kluges in einer sinnlich erfahrbaren Raumcollage am Gothaer Bahnhof.

In die Hörbuch-Installation und das Kapitel „Nach Erledigung der Schularbeiten spiele ich im Obstgarten des Hauses Kunstmühlenweg 14“ können Interessierte auf dem Youtube-Kanal der Stiftung hineinhören.

Christoph Mauny bietet außerdem am 14.2. (bereits ausgebucht) und 17.2. um 16 Uhr eine etwa 45-minütige Führung rund um das Projekt am Gothaer Bahnhof an (Anmeldung unter mauny@stiftung-friedenstein.de).

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