Wechmars Gasthof „Zum weißen Roß“ schloss für immer

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Repro/Foto: Knut Kreuch

Eine Liebeserklärung von Knut Kreuch an ein traditionsreiches Gasthaus am Markt und seine Wirte: 

Wechmar (red/kk, 1. Juli). „Die kleine Kneipe an unserem Marktplatz; da, wo das Leben noch lebenswert ist; die kleine Kneipe auf unserem Marktplatz; da fragt dich keiner, was du hast, oder bist….“ fast jeder kennt diesen alten Schlager von Peter Alexander und ich kann es nicht mehr zählen, wie oft wir dessen Zeilen so wandelten, wenn wir bei Martina und Klaus Schettler im Gasthof „Zum weißen Roß“ am Wechmarer Markt einkehrten. Schön war die Zeit, denn am 30. Juni hat das letzte Wirtshaus-Ehepaar von Wechmar die Türen seines traditionsreichen Gasthauses geschlossen. Was mit dem legendären Heimatabend „1200 Jahre Wechmar – das gibt’s nur einmal“ am 26. Juni 1986 im Gasthofsaal mit 500 Gästen aus Ost und West begann, hat mehr als 35 Jahre gehalten und damit sind Martina und Klaus das Dienstälteste Gastwirtsehepaar der Wechmarer Geschichte.

Hatte der Gasthof bis 1986 schon turbulentes erlebt und standen viele Wirte hinter dem Tresen, so haben Martina und Klaus ihre eigene Geschichte geschrieben. Die Geschichte des Gasthofes begann am Heiligabend 1783 als der Landwirt Nicol Stephan Hartung seinem Brauhof eine Gastwirtsgerechtigkeit zulegte. Damit waren vom 18. bis ins 21. Jahrhundert immer zwei Gaststätten am Markt und zwar die Schänke und der Gasthof. Beide Kneipen, wie die Wechmarer liebevoll zu ihren Gaststätten sagten, waren von 1888 bis ins 20.Jahrhundert im Besitz der Familie Körbs. Mit dem Ende des II. Weltkrieges kam die Verstaatlichung und die Konsumgenossenschaft Gotha übernahm beide Häuser, die nach 1990 wieder in die Selbständigkeit gingen. Als 1961 ein ehemaliges Mitglied von Hitlers Waffen-SS kurzzeitig im Gasthof ausschenkt, erhält das Haus den Spitznamen „Cafe Eichmann“, nach dem damals vom Staat Israel gefassten Nazikriegsverbrecher Adolf Eichmann. Am 19. August 1883 wurde der große Saal am Gasthof eingeweiht, der bis heute das kulturelle Zentrum der Ortschaft ist.

Als Martina und Klaus Schettler ihre Zeit im Gasthof 1986 begannen, kostet ein Bier 40 Pfennige, eine Fassbrause 10 Pfennige und die Bockwurst 80 oder die Bratwurst 95 Pfennige. Einen Hackepeter gab es für 1 Mark und 25 Pfennige, ein Rostbrätl mit Brot war für weniger als 2 Mark zu haben. Diese Zeiten sind lange vorbei, doch Martina und Klaus waren bis zum letzten Tag für ihre guten Speisen zu moderaten Preisen bekannt, die hunderte Familien im Laufe der Jahre gern zu ihren Feiern nutzten.

Es gibt viel zu erzählen aus der Gasthofgeschichte, das sind erstens die jährlichen Kirmesfeiern im Herbst mit den vielen Kirmesgesellschaften, da ist der Wechmarer Carneval Verein, der seine Veranstaltungen zwar seit dem 21. Jahrhundert mit dem Bürgerhaus abwechselt, aber nach jedem Umzug als wilde Horde im Gasthof einkehrte. Da sind die Fußballer, die ihre legendären Landesmeisterschaften im Frauenfußball gern im Gasthof betranken oder auch die wöchentlichen Skatrunden, die manche Runde reizten. Bis zum 14. Dezember 2002 rollte jeden Tag die Kugel auf der Kegelbahn nebenan, bis der Kegelsport in den Ortsmittelpunkt verlegt worden ist. Aus dem Gasthofsaal wurde in den Jahren 1999-2001 der Gemeindesaal, den die Wirtsleute gern bewirtschafteten. Martina und Klaus waren seit 1992 zu jedem großen Trachten- und Bachfest dabei, wo die Wirtsstube meist bis in die frühen Morgenstunden geöffnet war, damit die Glocken aus Lungern läuten konnten. Ministerpräsident Dr. Bernhard Vogel wäre 1994 in der Hitze des Trachtenfestumzuges fast verdurstet, hätte Martina nicht schnell in die Schmiedegasse ein kühles Getränk gebracht.

Das Markenzeichen der Rössel-Wirtin war ihr ansteckendes lautes Lachen, das schon von weitem die gute Laune im Hause charakterisierte, wo Klaus gern auf seinem Klavier musizierte und die Gäste zum Mitsingen animierte. Die Stimmung war stets so gut, dass sangesfreudige Burschen des Dorfes aus dem Gasthof „Das Spatzeneck“ machten, wo Gunar, Klaus, Siegfried und Günter, manchmal unterstützt von Gerd und Klaus K., getreu ala Kastelruther Spatzen, so manchen großen Hit der Band aus den Dolomiten in den Nachthimmel schmetterten.

Was im Juni 1986 mit dem Wechmarer Heimatverein als Wirtshaus-Karriere begann, ging auch 35 Jahre später mit dem Verein zu Ende, denn jährlich versteckt sich eine Persönlichkeit des Dorfes im Blätterkostüm des Laubmännchens und in diesem Jahr war es, was keiner vermutete, die populäre Wirtin Martina Schettler.

Das trinkfreudige Völkchen der Wechmarer, wo in Glanzzeiten sechs Gaststätten ihre Kunden bewirteten, hat nun kein Gasthaus mehr und das ganze Dorf hofft, dass sich bald ein Wirt findet, der nebenan die Gemeindeschänke wieder zu neuem Leben erweckt. Der Gasthof ist geschlossen und nach 238 Jahren wird aus den Gasträumen wieder ein Wohnzimmer, so wie es im 18.Jahrhundert schon einmal war.

Martina und Klaus Schettler gilt der große Dank einer ganzen Dorfgemeinschaft und ihrer Vereine für 35 wunderbare gemeinsame Jahre, deren Erinnerungen noch Generationen halten werden. Wir sagen Danke und bleibt gesund, wir sehen uns ganz gewiss auf den nächsten Schauplätzen der Geschichte.

MSB Kommunikation

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