Unbeteiligt an einem Tisch sitzen, warten, rauchen. Einen schwarzen Kaffee trinken, danach am Wasserglas nippen und durch das große Fenster nach draußen sehen. Die Augen auf den ständig hektischen Verkehr gerichtet, der in der flimmernden Mittagshitze lärmt und hupt. Wie in einer anderen Welt sitzt er da, trinkt in Ruhe aus einer kleinen Mokkatasse und beobachtet – manchmal stundenlang, denn Pedro hat es niemals eilig.
Wir treffen uns an diesem Sonntag im Kaffee Tortoni, einem kleinen Kaffeehaus an der Avenida de Mayo. Ich bestaune die alten Grammophone und die prunkvolle Einrichtung, während er erklärt. „In Zeiten des Umbruchs, der Jahrhundertwende bis hin zur Militärdiktatur (1976 – 1983) konnten die großen Gaststätten und die feinen Hotels nicht gehalten werden. Das Silber wurde dann schnell und billig verkauft. Heute hat es wieder an Wert gewonnen, weil das Alte zwar vergessen, aber nie ganz gestorben ist.“ Zeitzeugen davon sind auch die riesigen Villen. Große, prunkvolle Herrschaftshäuser mit zauberhaften Ornamenten, lebensgroßen Figuren von Engeln oder Blumen, doch gleichsam auch der Zerfall des Vergessenen, was keiner mehr braucht. Der Kontrast von Andenken und Verlassen. Von einer neuen Zeit und Spuren der Aufgebens, des Zurücklassens.
Pedros Eltern selbst waren noch Immigranten aus Italien. Er hat deshalb noch immer zwei Staatsangehörigkeiten. Keine Seltenheit in Buenos Aires. Seine Tochter ist Argentinierin, doch auch sie hat noch eine Staatsangehörigkeit in Spanien, was auch politisch nicht unerheblichen Schutz bietet.
„Dieses Land hat viel erlebt “, berichtet er. „Es ist in gewisser Weise immer ein Hafen zum Ankommen, doch zum Bleiben und zur Ruhe kommen, wird es niemals reichen. Jeder ist hier nur auf der Durchreise. Man strandet zwar, aber man steht auch wieder auf und dann geht es weiter. Diese Stadt vergisst dich genauso schnell, wie sich dich aufgenommen hat. Aber du wirst immer wieder her kommen. In die Wiege und den Wartesaal.“ Jeder verfolgt hier irgendein Ziel, jeder ist ständig auf der Suche. Immer steht die Frage nach Vorankommen und Ziel im ständiger Vorsicht und Achtung vor dem Gegenüber. Die Menschen, die ich hier kennenlernen durfte, berühren sich ständig. Körperkontakt und Kommunikation sind dermaßen selbstverständlich, dass es für mich fast ein wenig befremdlich ist.
„Und der Tango?“, frage ich. Pedro lächelt. „Der alte, traditionelle Tango, wie ihn unsere Urgroßväter aus der ganzen Welt zusammengetragen und erschaffen haben, ist fast ausgestorben. Ich bin ein alter Milongero und treffe mich auch bloß da, wo es noch ein paar Tango- Saurier gibt. Wir sind Fossilien, aber wir haben keinen Platz mehr in dieser neuen Epoche. Es gibt den Tango nuevo. Eine Welle neuen Tangos, der ebenso sportlich anders getanzt und geführt wird. Und das ist gut, denn hat dieser Tanz nicht immer aus Entwicklung bestanden? Er ist ein Puzzle aus musikalischen Souvenirs, wie die Kandombe aus Afrika oder der Tango Vals aus Österreich. Der Tango entwickelt sich ständig, nur ich bin wohl stehen geblieben.“ Nur eins bleibt gleich. „Es ist die Suche nach der Umarmung“, sagt Pedro. „Die Suche nach einem Zuhause, einem Neubeginn und einer Ankunft. Die Erinnerung an das, was noch nicht war. Sich begegnen und sich für die Dauer von wenigen Minuten nah zu sein, um sich zu trösten oder zu vergessen. Um die eigene Ruhe in einem anderen Menschen zu finden. Alles andere ist Blödsinn.“
Liebe Grüße aus Argentinien sendet Ihnen: Herzlichst, Ihre Bianca Albrecht





















