Im Interview mit André Wesche – Ulrich Tukur & Die Rhythmus Boys: „Es leuchten die Sterne”

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ULRICH TUKUR von den RHYTHMUS BOYS zur TOUR 2024. Foto: Elena Zaucke

Ulrich Tukur & Die Rhythmus Boys: „Es leuchten die Sterne”
Ein Gespräch mit Ulrich Tukur zur Tour 2024

Mit Filmen wie „Das Leben der Anderen” oder als hessischer „Tatort“-Kommissar Felix Murot avancierte Ulrich Tukur zu einem der beliebtesten einheimischen Schauspieler. Aber der 66-jährige hat noch eine andere Seite. Seit 1995 macht der Künstler mit seiner Tanzkapelle „Ulrich Tukur & Die Rhythmus Boys” musikalisch die Bühnen des deutschsprachigen Raumes unsicher. Auch im aktuellen Programm „Es leuchten die Sterne” werden eigene Songs und Evergreens – gern aus den Goldenen Zwanzigern – in einem humorvollen Rahmen präsentiert. Ein Gespräch.

Herr Tukur, wie weit im Vorfeld einer bevorstehenden Tournee beginnt es richtig zu kribbeln?

Wir haben schon so viele Tourneen hinter uns und mit dieser ja schon ein bisschen angefangen. Die Kribbelphase ist vorbei. Nach einer längeren Pause freue ich mich immer mit den Jungs wieder loszuziehen. Es ist allerdings auch ein bisschen anstrengend, dieses Gejuckele im Autobus von Flensburg hinunter nach Berchtesgaden und über Frankfurt zurück nach Berlin. Das nervt. Die Konzerte mit den Jungs machen aber nach wie vor einen großen Spaß. Ich freue mich natürlich auch darauf, jetzt endlich mal den Osten flächendeckend zu beglücken.

Reagieren Menschen in unterschiedlichen Regionen Deutschlands anders auf Ihre Nummern oder ist das ein Klischee?

Das ist tatsächlich kein Klischee. Der Norden läuft besser als der Süden, und Großstädte machen es uns leichter als die sogenannte Provinz. Hamburg ist immer ein Heimspiel. Berlin ist eine übersättigte Stadt, da muss man schon ein bisschen mehr kämpfen. Düsseldorf ausverkauft, Köln schwierig. Was überhaupt nicht geht, sind süddeutschen Studentenstädte. Freiburg? Furchtbar! Tübingen? Klebrig. Und der Humor am Bodensee? Ich weiß noch, Friedrichshafen war so ziemlich das Allerärgste. Da gehen sie zum Lachen in den Keller. Hingegen Emden, also Ostfriesland: wie Süditalien, die sind völlig aus dem Häuschen. (lacht) Es gibt große regionale Unterschiede, andere Mentalitäten. Ein bestimmter Menschenschlag steht auf höheren Blödsinn, ein anderer hat keinen Sinn dafür oder begreift das eher als Affront.

Ist in Ihrem Programm auch Raum für Improvisation?

Es ist sehr viel Improvisation. Ich kenne die Abfolge der Lieder, die halten wir ein. Die erste Ansage bereite ich vor, der Rest ist dann Gefühlssache und hängt vom Fluidum des Saales und der eigenen Befindlichkeit ab. Ich habe einen ganzen Sack voller Gedichte, Moderationen und Geschichten. Den packt man heute so aus, morgen so oder, oder lässt ihn einfach zu. Ich mache mich immer über die jeweilige Stadt kundig, in der wir auftreten. Was ist ihre Geschichte? Welche bedeutenden Leute haben hier gelebt? Was ist hier passiert? Das wird dann gnadenlos in den Abend eingebaut, so dass es ein Sammelsurium an Lügengeschichten, Musik, Poesie, Tanz und Blödsinn ergibt. Jeder Abend ist anders, nichts wiederholt sich. Natürlich riskiert man, dass etwas schief geht. Und dann kann es peinlich werden. (lacht)

Gab es mal einen Abend, an dem alles schiefgelaufen ist?

Eine richtige Katastrophe haben wir glücklicherweise noch nicht erlebt, aber es gab Abende, die nicht abhoben und auch uns selbst nicht den Spaß machten, den man braucht, um die Zuschauer zu verzaubern. Wenn man merkt, dass etwas schiefläuft, fängt man an zu schieben und zu stemmen. Und das geht leider zulasten der Leichtigkeit, die ein gelungener Abend braucht.

Würden Sie gern wissen, ob Ihr Publikum ein anderes wäre, wenn Sie nicht der berühmte Schauspieler wären?

Ein so berühmter Schauspieler bin ich nun wirklich nicht. Aber ich finde es immer ganz charmant, wenn die Leute plötzlich überrascht feststellen, dass man auch noch eine ganz andere, eine musikalische Seite hat. Und dann spielt es ganz schnell keine Rolle mehr, ob man den aus dem Fernsehen kennt. Natürlich hilft es beim Kartenverkauf und hat damit vielleicht eine größere Strahlkraft. Ich glaube aber, dass es bei der atemberaubenden Qualität, die uns auszeichnet, auch ohne die Schauspielerei funktionieren würde.

Welche Musiktitel befinden sich auf Ihrer aktuellen, persönlichen Playlist?

Ich konsumiere im Augenblick sehr wenig Musik, weil ich viel zu viel arbeite und ständig unterwegs bin. Aktuell höre ich aus anderen Gründen Keith Jarrett; ich drehe gerade einen Kinofilm über dessen berühmtes Köln-Konzert von 1975. Es ist die Geschichte einer jungen, jazzbegeisterten Frau, der späteren Konzertveranstalterin Vera Brandes. Ich glaube, sie war gerade 18, als sie es mit ihrem Charme schaffte, den hochkomplizierten Herrn Jarrett nach Köln zu holen. Das Ganze drohte ein Desaster zu werden, weil der Konzertflügel nicht intakt war. Trotz der reduzierten Mechanik oder vielleicht gerade deswegen, wurde es dieses legendäre Konzert und die am besten verkaufte Jazzplatte aller Zeiten. Davon handelt der Film.

Hören Sie Musik lieber analog oder digital?

Ich höre sie am liebsten analog. Ich habe eine große Schellackplattensammlung und stehe auf die ganz alten Sachen. Ich besitze zwei Musiktruhen aus den 50er Jahren mit dem berühmten Katzenauge und der Saphirnadel. Die ist natürlich schonender als die Stahlnadeln der mechanischen Grammophone, die die Schellacks schnell kaputt machen. Wenn man eine nicht zu abgenutzte Platte aus den 20er Jahren auf einer dieser Musiktruhen abspielt, ist das ein sensationeller Hörgenuss. Und eine faszinierende Zeitreise. Am liebsten habe ich handgemachte, akustische Musik.

Würde man in Ihrer Sammlung auch Platten entdecken, die man dort eher nicht vermuten würde: Heavy Metal, Punk, Techno?

Nein, leider nicht. Das ist „Das Leben der Anderen” (lacht). Aber es gibt immer mal wieder moderne Sachen, die ich zufällig höre und toll finde. Die Französin Zaz zum Beispiel. Aber diesen gängigen elektronischen Industrie-Pop mag ich nicht.

Welches war das erste, große Konzert, das Sie besucht haben und welches war das schönste?

Eines meiner ersten Konzerte erlebte ich in Amerika. Ich bin dort zur Schule gegangen, 1975-76 in Boston. 1975 habe ich „KISS“ in Philadelphia gesehen. In einer gigantischen, von Marihuana-Schwaden zugenebelten Halle. Es waren bestimmt 10.000, wenn nicht 20.000 Leute da, das hat mich ziemlich beeindruckt. Als ich nach meinem Amerika Aufenthalt in Hannover zur Schule ging, besuchte ich Konzerte von Benny Goodman, Duke Ellington und Lionel Hampton. Die Großmeister lebten alle noch. Mit Muddy Waters habe ich in einem Jazzclub der Altstadt gesprochen und einen ganzen Abend in der Wohnung von „Champion“ Jack Dupree verbracht.

Fühlen Sie sich nach einem Auftritt im Hotel oft einsam?

Nein. (lacht) Das tue ich nicht. Ich bin froh, dass es vorbei ist, bin glücklich, wenn alles gut lief und dann muss man sich für diese sportliche Leistung natürlich auch belohnen. Ich ziehe dann mit den Boys, dem Tontechniker und der Beleuchterin um die Häuser oder setze mich in die Theaterkantine. Dann hängt man noch ein wenig in der Hotelbar ab und schläft zufrieden auf dem Hotelbett ein, ohne sich auszuziehen.

Haben Sie Groupies?

Ja. Es gibt Menschen, die uns hinterherreisen, tatsächlich. Und nicht nur alte, auch attraktive jüngere Damen! (lacht) Es ist erstaunlich und beglückend, wie oft Menschen sich auf einen wirklich weiten Weg machen, um uns zu sehen. Aber es sind natürlich nicht diese schreienden, durchgeknallten, jungen Groupies. Es sind Genießer mit Lebenserfahrung und Geschmack.

Sie machen Tanzmusik. Fühlt es sich für Sie dieser Tage an, als wäre es der berühmte Tanz auf dem Vulkan?

Natürlich sind die ökonomischen und politischen Umstände, die wir heute erleben, andere als damals. In den 1920er und frühen 30er Jahren war es wirklich ein Tanz am Abgrund. Die gigantische Massenarbeitslosigkeit nach 1929, die instabile Demokratie und das sichere Gefühl, dass das alles nicht mehr lange geht, hat eine hysterische, fiebrige Energie generiert, die in vielen, vor allem künstlerischen Bereichen extrem kreativ war. Es gab kein soziales Netz, wer am Abgrund stand, war schon drin.
Das ist heute anders, der Tanz auf dem Vulkan ist nicht echt, er ist die Koketterie einer gelangweilten Gesellschaft, die es wohl gerne etwas aufregender hätte. Aber noch ist ja genügend Geld da, um Probleme damit zuzuschütten. Nicht, dass sie verschwinden, sie kommen zurück, größer und hässlicher, und wenn dann das Geld aus ist, die Wirtschaft lädiert und die Armut sich massenhaft breit macht, erst dann beginnt der echte Tanz auf dem Vulkan. Aber ich glaube kaum, dass er zu einem solchen kulturellen Höhenflug führen wird wie damals in der untergehenden Republik von Weimar. Die bedrohlichen Feuer, die wir am Horizont sehen, sind vorerst nur Bilder. Erst wenn wir die Hitze wirklich spüren und sie uns verbrennt, wissen wir wirklich, was die Menschen vor vier Generationen gefühlt und geleistet haben.

Sie haben 2010 an dem internationalen Spielfilm „Das Schwein von Gaza” mitgewirkt. Mit welchen Gefühlen verfolgen Sie, was sich in der Region gerade abspielt?

Der Film war der Versuch, eine Komödie aus diesen beiden, sich streitenden Religionen und Lebensstilen zu destillieren: Dem Judentum und dem Islam. Was sich dort abspielt, und nicht erst seit heute, ist schrecklich. Der absurde Teufelskreis der Gewalt, aus dem niemand auszubrechen imstande ist, ist eine biblische Katastrophe. Mein Herz ist aber immer auf der Seite derer, die angegriffen und mit schon surrealer Gewalt überzogen werden, und die sich wehren. Das sind Israel, die Ukraine, auch Armenien.

Mit 66 fängt das Leben bekanntlich erst an. Haben Sie schon etwas gemerkt?

Nein. (lacht) Herr Jürgens hatte nicht recht. Es geht langsam zu Ende. Ich bin jetzt 66 und vor ein paar Tagen ist mir ein Frontzahn zerbrochen. Ich saß in einem Restaurant und habe zum Nachtisch einen Kaiserschmarrn bestellt. Es war eine karamellisierte Rosine, auf die ich biss. Sie, die eigentlich süß und harmlos ist, hat mir gezeigt, dass nichts Bestand hat und alles der Auflösung zustrebt.

Die Fragen stellte André Wesche.

Tourdaten:

30.11.23 Lüneburg, Libeskind Auditorium
1.12.23 Minden, Stadttheater
2.12.23 Worpswede, Music Hall
3.12.23 Neumünster, Theater in der Stadthalle
14.12.23 Lindau, Stadttheater
15.12.23 Tübingen, Sudhaus
16.12.23 Karlsruhe, Tollhaus
17.12.23 CH-Baden, Kurtheater
19.12.23 Hamburg, St. Pauli Theater
20.12.23 Hamburg, St. Pauli Theater
21.12.23 Hamburg, St. Pauli Theater
22.12.23 Hamburg, St. Pauli Theater
5.1.24 Magdeburg, Theater
6.1.24 Erfurt, Alte Oper
7.1.24 Leipzig, Gewandhaus
9.1.24 Dresden, Kulturpalast
10.1.24 Zwickau, Ballhaus
11.1.24 Potsdam, Nikolaisaal
12.1.24 Chemnitz, Stadthalle
13.1.24 Wolfsburg, Theater
14.1.24 Hannover, Theater am Aegi
16.1.24 Darmstadt, Centralstation
17.1.24 Halle/Saale, Steintorvariete
20.1.24 Oldenburg, Kulturetage
21.1.24 Hamburg-Bergedorf, LichtwarkTheater
14.3.24 Elmshorn, Stadttheater
16.3.24 Einbeck, PS Speicher (Kulturkrafttage)
17.3.24 Gersthofen / Augsburg, Stadthalle
19.3.24 A-Graz, Komödie
20.3.24 A-Graz, Komödie
21.3.24 A-Graz, Komödie
22.3.24 A-Wien, Theater Akzent
23.3.24 A-Wien, Theater Akzent
26.3.24 Ulm, Theater
27.3.24 Monheim am Rhein, Aula am Berliner Ring
16.5.24 Germering, Stadthalle
17.5.24 A-Klagenfurt, Konzerthaus
19.5.24 Kempten, Theater
27.6.24 Mannheim, Capitol
30.6.24 Bonn, Oper

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