Gitarrenspiel klang wie das Harfenspiel eines bösen Engels

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Der vergangene Sonnabend sollte nicht wie viele vorher vor der Suchtmaschine enden. Nicht immer überbezahlten Showmastern bei volksmusikalischen Festen zusehen, sondern endlich ehrliche Arbeiter während ihrer Nachtschicht bewundern.

Im „Londoner“, der übrigens wieder am Sonntag mit ganz hervorragendem Mittagessen lockt (nur mal so am Rande erwähnt), gab es dazu Gelegenheit, denn man hatte den guten alten Jürgen Kerth eingeladen. Seit mehr als 45 Jahren tourt der eingefleischte Thüringer durch die Clubs dieses Landes, gastierte im weitläufigen Ausland und nahm sehr erfolgreich an Open Air Festivals in den USA teil. Doch immer wieder treibt es Kerth in die alte Heimat, wo fast jeder ihn kennt, wo selbst Clueso sich bei ihm Anregung holt und einen Song coverte. Nun also sollte es im noch etwas mit zu viel Hall ausgestattetem Saal ordentlich bluesen und swingen. Wer hat eigentlich schon einmal ein schlechtes Konzert vom oft zum „DDR-Gitarristen des Jahres“ Gewählten gesehen? Sobald er nämlich seine wahre Braut, das Ding mit dem „schlanken Hals und den vielen guten Saiten“ in den Händen hält, ist er nicht mehr zu bremsen. Dann streichelt und liebkost er sie mit den Händen und entlockt ihr Töne, die manch Gitarrenklimperer die Freudentränen in die Augen treibt. Im „Londoner“ waren Kerth & Co sehr gut aufgelegt, es kamen viele Lieder zu Vortrage, die die angereisten Fans von der ersten Zeile bis zum letzten Gitarrenton kannten. Überhaupt Fans, es war eigentlich ein kleiner aber feiner Mitsummchor aus älteren Herren mit und ohne grauen Haaren, und ganz begeisterten Frauen, die sich bestimmt ihrer Jugend erinnerten. „Damals, weißt du noch“, flüsterte sich manch Zuschauerpärchen zu, „als wir in Kutte, mit Trampern und der teuer erstandenen Jeans zu den Festivals trampten und sogar in Gotha manch gewaltiges Konzert erlebten“. „Bluesmugge“ an jedem Wochenende, und Jürgen Kerth war immer dabei. Doch so einfach war es mit Jürgen und seinem Sohn gar nicht, da die „alten“ Lieder während des Konzertes wieder neu auflebten und mit viel Improvisation zum Finale geführt wurden. Das Gitarrenspiel klang wie das Harfenspiel eines bösen Engels, wie die Schnittstelle zwischen Jimi Hendrix, früherem Santana und besten Ostgitarristen. Sohn Stefan Kerth ließ dazu den Bass grummeln und zeigte damit wie wichtig der Mann im Hintergrund für den Groove eines Bluestrios sein kann. Die einfachen Texte passten sich ganz hervorragend dem Bluesrhythmus an, sie erzählten von alter und neuer Liebe, vom Blues im allgemeinen und dem mit Saiten bespannten Arbeitsgerät („Ich liebe die Eine“) im besonderen. Auch wenn er sang „Ich bin fertig“ („Martha“), machte er immer weiter, ließ die Gitarre aufheulen, verband den Blues mit etwas Soul, Reggae und Swing. Dann stellte Kerth musizierend allen die wohl wichtigste Frage des Abends: „Weißt du was Blues wirklich ist?“, und beantwortete sie gleich selbst: „Blues ist Lebenselixier, Blues ist Medizin“. Keiner, der auf sein ganz besonderes Kerth-Lieblingslied gewartet hatte, wurde enttäuscht. Nach „Martha“ rollte „Komm herein“ und „Geburtstag im Internat“ aus den Boxen und dann das ironische und sehr frische „Hellmuth“. Als das Trio schließlich sogar einige Bluesstandards anstimmte und Gallaghers beste Phase aufleben ließ, tanzten sogar alt und jung glücklich im Takt vor der kleinen Bühne. Jürgen Kerth spielte und spielte und spielte und ließ nach drei großen Runden glückliche Menschen zurück, die schon auf das nächste Mal warten.

Kerth ist eine wahre Rocklegende des Ostens, der diese Bezeichnung verdammt nochmal verdient und erst Recht nicht in Super billigen Illus mit Schwafel überzogen wird. Wer will sich schon neben Gauck, Ziegler, den Puhdys und Karat wiederfinden.

P.S.: Rechtschreibung auf Hetze und Nierchen geprüft.

 

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