Interview zum 20-jährigen Jubiläum der KITA „Tausendfüßler“

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Sie gehört zu den dienstältesten Mitarbeiterinnen der Kindertagesstätte Tausendfüßler in Lobeda-West, der ehemaligen DDR-Kinderkrippe „Liselotte Herrmann“ und konnte in der vergangenen Woche mit ihrer Einrichtung ein rundes Jubiläum feiern. KITA-Leiterin Sabine Rast darf zu recht mit Stolz auf die Entwicklung „ihres Tausendfüßlers“ blicken. Die Einrichtung in der Felix-Auerbach-Straße 1, die in der zurückliegenden Festwoche „20 Jahre Trägerschaft durch den ASB Jena“ beging, mauserte sich über die zurückliegenden Jahre zu einer Multikulti-Einrichtung in denen Knirpse egal welcher Herkunft auf das spätere Leben vorbereitet werden. Selbst in der heutigen Zeit erinnern sich zahlreiche Erwachsene an ihre Zeit der am 31.März 1971 eröffneten Krippe, grüßen Kolleginnen auf der Straße oder beim Einkauf.

Frau Rast, diese Kindertagesstätte existiert jetzt bereits seit 1971, Sie sind seit 1990 in der Einrichtung. Schildern Sie bitte kurz Ihre Reise durch die zurückliegenden Jahrzehnte.

Zu DDR-Zeiten war unsere Einrichtung eine Kinderkrippe, die sich nach der Wende zunächst noch als auslaufende Krippe halten konnte. Ab einem bestimmten Zeitpunkt kamen keine ganz Kleinen mehr nach. In meiner damaligen Funktion als Fachberaterin hatte ich ein Konzept für einen Förderkindergarten vorgelegt, welcher Anklang fand und den die Stadt unterstützt hat. So konnte ich, konnten wir damals gemeinsam, den Kindergarten in der Nach-Wendezeit aufbauen und entwickeln. Am 02.Januar 1991 haben wir mit der ersten Gruppe für Förderkinder angefangen. Diese Gruppe wurde sehr schnell durch eine zweite, dritte und vierte Gruppe ergänzt. Im Jahr 1992 wurde dann aus der Einrichtung ein integrativer Kindergarten.

Die heutige KITA umfasst wie viele Kinder und welche Altersgruppe?

Wir kümmern uns zum jetzigen Stand um 64 Kinder von einem Jahr bis hin zum schulfähigen Alter.

Im Jahr 1995 folgte das Engagement durch den ASB Jena, dessen 20-jähriges Jubiläum die KITA letzte Woche feiern konnte?

Genau, ich hatte Mitte der 90iger zahlreiche Vereine angeschrieben, unter anderem auch den ASB Jena. Der Kreisverband des ASB hat uns nachdem wir zueinander gefunden hatten in struktureller aber auch personeller Hinsicht viel Sicherheit gegeben und in der wirklich schwierigen Zeit viele Sorgen erspart. Insofern bin ich sehr dankbar, dass sich diese Partnerschaft so positiv entwickelt hat. Die Kindertagesstätte wäre aus heutiger Sicht ohne den ASB wohl nicht in dieser Form denkbar.

Frau Rast, Sie gehören zum „alten Eisen“ im Tausendfüßler, in dessen Dekaden sich viele Anekdote ereignet haben. Welches war für Sie in dieser Zeit die schönste oder vielleicht die berührendste Geschichte?

Es gibt so viele schöne Erlebnisse im täglichen Umgang, bei denen es schwierig ist, alle zu schildern. Die vielleicht prägendste Geschichte ist die eines behinderten Jungen der sich trotz schlechter Prognosen sehr gut entwickelt hat. Er war damals 1,5 Jahre alt als er zu uns kam, ein autistisches Kind, dass sich nicht bewegen, nicht selbstständig schlucken konnte. Die damalige Physiotherapeutin hatte uns gesagt, dass sich an seinem Zustand auch in der Zukunft nicht viel ändern wird, wir ihn nicht werden retten können, er nie laufen können wird oder seinen Alttag allein meistern kann. Dieser Junge hat entgegen aller Voraussagen mit der Zeit laufen gelernt, konnte selbstständig essen, zwar nicht sprechen, war aber letztendlich soweit fortgeschritten, dass er eine Behindertenschule besuchen konnte. Wir sehen ihn auch heute immer noch, wenn er auf uns zukommt. Ich denke, dass das ein sehr schönes und prägendes Beispiels war was letztendlich möglich ist, ein Erlebnis aus dem man im Arbeitsalltag viel Kraft ziehen kann.

Der Arbeitsalltag in einer Kindertagesstätte erfordert viel Energie, Substanz aber auch mentale Kraft.

Wir haben viele Kinder aus sozial schwachen Familien oder bildungsfernen Schichten. Hin und wieder hat man den Eindruck, dass es nur sehr schleppend vorwärts geht. Dennoch, und da muss ich alle unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter loben, investieren alle viel Energie in die Entwicklung der uns anvertrauten Kinder. In schwierigen Phasen sage ich immer, dass es egal ist, wir ihnen einfach ein paar schöne Jahre machen wollen, ihnen Liebe, Geborgenheit und Festigkeit vermitteln müssen. Sie werden sich später an genau diese Zeit immer wieder zurückerinnern und das sollen sie gern tun. Die Jahre, die sie in unserem Kindergarten verbracht haben wird sie schließlich als Mensch mitprägen. Es gibt beispielsweise immer wieder Kolleginnen, die ehemalige Kinder auf der Straße treffen und die auch heute noch freudestrahlend mit ihrem Vornamen von diesen Kindern gegrüßt werden. Wenn unsere ehemaligen Kinder sich dann so sehr freuen ihre ehemalige Erzieherin auf der Straße wiederzusehen, auch wenn sie sich bereits im Jugendalter befinden oder noch älter sind, dann haben wir vieles richtig gemacht.

Die KITA vereinigt zahlreiche Nationen unter einem Dach. Aus wie vielen Ländern kommen die Kinder in den Tausendfüßler?

Wir hatten zum Nationalitäten-Tag in der letzten Woche allein aus sieben unterschiedlichen Ländern teilnehmende Eltern dabei. Über 15 Staaten sind es letztendlich in Summe ganz sicher. Egal ob vom Balkan, aus Osteuropa oder auch aus arabischen Ländern wie Libyen, Syrien oder dem Jemen.

Trotz dieses „Multikulti“ gibt es keinerlei Berührungsäste untereinander?

Keinesfalls. Sie alle fühlen sich untereinander sehr wohl. Ganz oft kommen auch Eltern zur Anmeldung und wollen ihr Kind unbedingt in unserer KITA unterbringen. Sie haben gehört, dass es hier so toll wäre. Aufgrund dieser enorm positiven Mundpropaganda brauchen wir beispielsweise nie einen Tag der offenen Tür zu veranstalten. Wenn Eltern, über Freunde, Bekannte oder Verwandte zu uns kommen, ist das eine wichtiger positiver Indikator für uns und unsere Arbeit.

Der Umgang mit den Eltern ist unkompliziert und freundlich?

Ja, sehr. Es waren auch schon viele Eltern darunter, die sich bei der Abmeldung für ihre schulpflichtigen Kinder noch einmal ganz herzlich für die schöne Zeit bedanken. Meist handelt es sich nicht um die übliche Pro-forma-Abmeldung sondern enthält noch einen netten Brief, in dem sie uns noch einmal viel Wertschätzung entgegenbringen. Auch die Zusammenarbeit, beim Nationalitäten-Tag mit den syrischen oder libyschen Eltern hat hervorragend geklappt. Wenn sie beispielsweise mit Stolz aus ihrer Heimat erzählen und gleichermaßen stolz sind, dass wir uns dafür so interessieren.

Das klingt alles sehr harmonisch und positiv. Gibt es auch Schattenseiten im Umgang mit dieser Zahl vieler unterschiedlicher Kulturen und Nationen?

Nicht direkt mit Kultur oder Nationen und nicht primär bei Kindern oder ihren Eltern, sondern vielmehr im Kampf um wichtige Standards wie eine entsprechende Sprachförderkraft, die uns in Eltern- oder Entwicklungsgesprächen helfen und unterstützten. Wir haben mit Elina Spaet eine sehr gute Mitarbeiterin die wir nicht missen möchten, da sie zweisprachig Inhalte in der entsprechenden Landessprache doch wesentlich besser erklären kann. Diese Stelle ist zunächst bis 2015 verlängert, dafür steht die Zukunft in den Sternen.

Wenn Sie einen Wunsch in Bezug auf die KITA freihätten würde der wie ausfallen?

Ich würde mir von der Kommune mehr Unterstützung wünschen, gerade in Bezug auf Kinder aus Flüchtlingsgebieten. Wir haben zwei Kinder aus Syrien, ein fünfjähriges Kind davon schwer traumatisiert, ist quasi hier abgestellt worden. Ein Anruf: „könnt ihr ihn aufnehmen“, unsere Antwort: „natürlich nehmen wir ihn ohne zu wissen was er in seinem jungen Alter bereits mitmachen musste“. Ein Kind, dass schreckliche Kriegserlebnisse zu verkraften hat, mitansehen musste, wie die eigene Mutter angeschossen wurde, kommt in ein fremdes Land, zu fremden Menschen, fremde Sprache, fremde Kultur, wird früh abgegeben und am Nachmittag geholt. Da ist es doch kein Wunder, wenn das Kind durchdreht, sich verängstigt zurückzieht, versteckt oder wegrennt. Es geht doch nicht, dass gesagt wird: ‚Ja, da kommen noch mehr und die müssen untergebracht werden, sondern es geht in erster Linie um Menschen um die sich gekümmert werden muss‘. Am Ende steht auch nicht die reine Unterbringung im Vordergrund, sondern unsere Arbeit mit den Kindern. Wichtig im Umgang ist es da zu erfahren, was sie erleben mussten, damit wir uns auch entsprechend darauf einstellen können. Es kann doch nicht sein, dass ich mich privat um einen Dolmetscher bemühen muss, damit wir uns mit den Eltern verständigen können. Wenn ausländische Studenten uns im Ehrenamt helfen, die Sprachbarrieren zu überbrücken ist das meiner Meinung nach der falsche Ansatz und genau da ist in erster Linie die Politik gefordert.

Foto: Christoph Matschie, Sabine Rast, ASB-Geschäftsführer Rene Zettlitzer und Volker Blumentritt (v.l.n.r.)

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