Karl Bartos war ein Roboter

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Kraftwerk kann man als Visionäre bezeichnen. Schließlich haben sie beschrieben, wie sich die Menschen in Roboter verwandeln. Die Autos und Autobahnen werden des Deutschen liebstes Kind, der Mensch kann nicht mehr miteinander kommunizieren und die Sauerei mit den Atomkraftwerken hat die Band schon 1975 erkannt, als man noch fleißig neue baute. Und Karl Bartos gehörte lange zu dieser einflussreichen Band. Nach dem Lösen von dieser, ersten Soloprojekten, einer Gastprofessur an der Berliner Uni und dem neuen Album geht Bartos wieder auf Tournee. Thomas Behlert sprach mit ihm, auch über seine „frühere Band“, die er im Interview nie beim Namen nennt.

Mit Solo-Alben gehen Sie sehr sparsam um. 2003 gab es „Communication“ und jetzt nach 10 Jahren „Off The Record“, das keinen aktuellen Song enthält. Warum haben Sie so lange gewartet und warum kommt jetzt gerade das zu Kraftwerk-Zeiten entwickelte Material?

KB: 2010 erhielt ich die Anfrage eines Hamburger Labels, ob ich vielleicht noch alte Tapes hätte, die sie veröffentlichen können. Ich ließ mich überreden und begann meine alten Musikkassetten, Tonbänder und andere Aufzeichnungen in den Computer zu übertragen. So entstand das Konzept zu „Off The Record“. Denn eigentlich waren diese Aufnahmen nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Herausgekommen ist ein neues Karl Bartos-Album mit 12 aktuellen Songs. Generell ist es doch so, daß die Musik, die man gerade komponiert – ob sie nun als ein Album oder als einzelne Stücke geplant sind – immer darauf basiert, was man im Laufe seines Lebens gelernt hat. Wenn ich heute neue Musik komponiere, greife ich im Unterbewusstsein – oder auch bewusst – immer auf meine Referenzen zurück. Denn ich kann ja meine Klangbiografie nicht vergessen. Im Gegenteil: ich bin durch sie geprägt! Bei meinem aktuellen Album habe ich genau diesen Prozess thematisiert: Aufzeichnungen aus meinem akustischen Tagebuch wurden von mir ausgewählt, rekontextualisiert, weiterentwickelt und mit anderen Ideen verknüpft und produziert. Und oft lagen die Quellen der Ideen noch viel weiter in der Vergangenheit zum Beispiel in der Romantik oder im Neoklassizismus. Musik funktioniert für mich in ganz andern Zyklen. Nicht wie in der Modeindustrie, mit einer neuen Kollektion pro Session – Herbst, Sommer, Winter –, sondern in einer kontinuierliche Entwicklung über Jahrhunderte. Wenn jemand einen Blick in die Zukunft der Musik werfen will, dem empfehle ich „Le Sacre du Printems“ von Igor Stravinsky. Dieses Werk – das Stravinsky für die  „Balletts Russes“ geschrieben hat –  ist genau 100 Jahre alt und hat die Musik des 20. Jahrhundert so maßgeblich geprägt, dass wir heute noch seinen Nachklang spüren.

Warum habe ich so lange gewartet? 2004 – kurz nach „Communication“ – erreichte mich eine Anfrage der „Universität der Künste“ in Berlin, ob ich nicht eine Gastprofessur übernehmen möchte und helfen will, einen neuen Studiengang zu etablieren. Das habe ich mit Freude fünf Jahre gemacht. Dann habe ich weltweit über 100 Konzerte gegeben und intensiv an den Filmen meiner audiovisuellen Performance gearbeitet. Jetzt geht’s mit einer neuen Live Show und dem neuen Album weiter auf Tour.

Sollten die Musikstücke, die auf „Off The Record“ zu hören sind, schon immer unter Karl Bartos laufen? Oder waren sie für Kraftwerk bestimmt?

KB: Ja und nein. Musiker haben ein Notizbuch, egal ob es ein akustisches ist, oder ein Buch, in dem man Noten fest schreiben kann, in dem sie Ideen festhalten. Für mich ist es eine Art Tagebuch, das ich immer führen werde. In meiner früheren Band habe ich damit angefangen und es danach einfach weiter geführt. Wo und wann dann letztlich das fertige Produkt aus den Notizen erscheint, weiß man zur Zeit der Niederschrift einfach noch nicht.

Mit was darf der Konzertbesucher rechnen? Ist etwas Kraftwerk dabei?
KB: Das wird nicht einfach nur ein Konzert, sondern eine audiovisuelle Performance: Ein 90minütiger Film, auf einem Leinwand-Triptychon – rhythmisch, schnell, modern! Der Soundtrack besteht aus Musik, die ich bei meiner früheren Band mit komponiert habe. Von den Alben „Computerwelt“, „Mensch-Maschine“ und „Tour de France“ – aber auch „15 Minutes of Fame“, „I’m The Message“ oder „Atomium“ meiner Soloplatten.

Kraftwerk ist ein Thema, das gerne genommen wird, das man einfach nicht aussparen kann. Sie haben den Sound mitgeprägt und verwenden auf dem Cover ihren Model-Kopf aus vergangenen Zeiten. Waren es gute Jahre und wieso trennten sie sich 1990 von der Gruppe?
KB: Es waren sehr gute Jahre, was man ja auf alle Fälle an der Musik hört. Irgendwann kam das Gefühl auf, dass es mit der Band und dem festen Gefüge zu Ende geht. Ich wollte endlich über mein Leben bestimmen und nicht mehr nur exklusiv für meine frühere Band arbeiten. Der springende Punkt war, dass wir alle 4 bis 5 Jahre ein Album einspielten und ich ansonsten nicht anders musikalisch arbeiten konnte. Trotzdem ist es mir natürlich nicht leicht gefallen, die Band zu verlassen.

Ralf (Hütter) und Florian (Schneider) werden als die Hauptfiguren von Kraftwerk bezeichnet. Schmerzt diese Einschätzung, zumal sie für einige wichtige Songs mitverantwortlich sind und sie den Gesang beisteuerten.
KB: Schließlich hat auch Florian Schneider die Band verlassen. Es hat mich immer gewundert, wie lange es gedauert hat, bis es offiziell wurde. Somit ist Ralf Hütter der alleinige Gralswächter des versunkenen Schatzes. Auf der Bühne scheint er von dieser Last fast erdrückt zu werden, wie man in einigen Filmen auf YouTube sieht. Das macht mich schon manchmal nachdenklich.
Aber die Rezeption meines letzten Albums hat gezeigt, daß viele Rezensenten die Autoren Hütter, Schneider, Schult & Bartos und ihre Beiträge zum Repertoire der Band Kraftwerk jetzt wesentlich differenzierter sehen, als es früher der Fall war.

Würden Sie bei einem Comeback mitmachen?
KB: Die Frage stellt sich für mich einfach nicht, weil ich dafür nicht zuständig bin. Aber ich bin jedenfalls sehr eng befreundet mit Wolfgang Flür. Wir kennen uns seit den 60er Jahren, telefonieren jede Woche miteinander und tauschen uns aus. Den Herrn Schneider habe ich mal wiedergesehen, in Düsseldorf. Letztlich hat sich jeder, der in dem Verein einmal mitgewirkt hat, wieder von dort verabschiedet. Vielleicht macht es nicht besonders glücklich, wenn man sein ganzes Leben ein Roboter sein muss?

War Kraftwerk zu ihrer Zeit eine lustige Band?
KB: Wenn es nicht so gewesen wäre, hätten wir es nicht 15 Jahre miteinander ausgehalten. Zumindest in der ersten Hälfte dieser Zeit hatten wir Spaß und eine hohe Produktivität. Danach ging das sogenannte „classic line-up“ Ralf, Karl, Wolfgang, Florian (v.l.n.r.) auseinander.

Demnächst soll ein Buch über Kraftwerk von David Buckley erscheinen. Sie schrieben das Vorwort.
KB: Dr. David Buckley ist ein Autor, der zum Beispiel schon Bücher über David Bowie, R.E.M. und die Stranglers verfasste, dabei wissenschaftlich arbeitet und allgemein verständlich schreibt. Er geht an die Geschichte der Band sehr objektiv heran.

Ihr ehemaliger Mitstreiter Wolfgang Flür schrieb bereits 1999 das Buch „Ich war ein Roboter“, welches allerdings wieder aus den Regalen verschwand, weil Ralf Hütter dagegen vorging. Was unterscheidet diese zwei Bücher?
KB: Ja, leider kam es wegen Kleinigkeiten zu einem Rechtsstreit, bei dem ich übrigens auch vor Gericht im Zuschauerraum saß. Da hatte ich Herrn Hütter nach langer Zeit wieder gesehen. Zu Wolfgangs Buch: Er war selbst dabei und schrieb so aus dem Inneren der Band heraus, also mit vielen Emotionen und Nennung menschlicher Schwächen, die eben nur er erkennen konnte. Dagegen berichtet David Buckley als Außenstehender aus einer anderen Perspektive.

Wie wir schon erfuhren, waren sie Dozent an der „Universität der Künste“ und hielten Vorlesungen. Konnten ihre Studenten noch etwas mit Kraftwerk und ihrer Band Electric Music anfangen?
KB: Die Frage nach meinem früheren musikalischen Leben hat sich während meiner Dozenten-Zeit nicht gestellt, weil ich es ablehnte, darüber im großen Rahmen zu sprechen. In Einzelgesprächen mit den Studenten und Professoren kam die Bandmitgliedschaft schon zur Sprache. Mein Hauptfach war Auditive Mediengestaltung mit dem Schwerpunkt Konvergenz von Bild und Ton.

Es muss endlich hier geklärt werden, weil es verschiedene Meinungen dazu gibt: 1983 sollte das Album „Techno Pop“ erscheinen und 1990 wurde ebenfalls eine neue Platte angekündigt. Von beiden Alben hat man nie wieder etwas gehört.
KB: Nach 1981, nach „Computerwelt“, gingen wir auf Welttournee mit über 80 Konzerten. Danach begannen wir an einem neuen Album zu arbeiten, das in der Ursprungsphase „Techno Pop“ hieß und mit Titeln, wie: „Tour de France“, „Sex Objekt“ und „Der Telefonanruf“ bestückt werden sollte. 1984 waren wir damit fertig und „Tour de France“ wurde als Vorabsingle veröffentlicht. Leider geriet das ganze Projekt ins Stocken und das Album bekam einen anderen Namen und hieß plötzlich „Electric Cafe“. Wieso, weshalb, warum ist für dieses Interview etwas zu komplex. Man kann das dann ausführlich in meiner Autobiografie nachlesen, die in gut einem Jahr erscheint.

Na, hoffentlich passiert ihnen dann nicht das Gleiche wie Wolfang Flür und gewisse Leute strengen einen Prozess an.
KB: Das wäre natürlich sehr schade. Aber alles, was ich erzähle, habe ich wirklich erlebt – es ist meine Klangbiografie. Deshalb sehe ich dem sehr gelassen entgegen. Viel weniger gelassen, sondern gespannt und erwartungsvoll freue ich mich auf unsere anstehende Tour im Januar. Nach acht Jahren spielen wir endlich wieder in Deutschland!

Info: „Off The Record“ (Bureau B)

Off The Record – Liveshows 2014
25.1. Köln, Live Music Hall
26.1. Stuttgart, Wagenhallen
27.1. Frankfurt, Mousonturm
28.1. Halle/Saale, Steintorvariete
29.1. Nürnberg, Festsaal K4
30.1. Berlin, Postbahnhof
31.1. Hamburg, Gruenspan

David Buckley, „Kraftwerk“, Metrolit Verlag Berlin, 400 Seiten, Vorwort: Karl Bartos

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