Wie mehrsprachig Thüringens Schulen wirklich sind

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2,3 % betrug 2011 der Anteil von Ausländern an der Thüringer Bevölkerung, hat das Thüringer Landesamt für Statistik ermittelt. Doch der Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund ist deutlich höher und damit auch der Anteil von Kindern, die in der Schule mehr als Deutsch sprechen.

Wie viele mehrsprachige Kinder und Jugendliche tatsächlich an Thüringer Schulen lernen, war bisher nicht bekannt. Dies hat sich durch das Forschungsprojekt „Mehrsprachigkeit an Thüringer Schulen (MaTS)“ geändert, dessen nun vorliegende Ergebnisse Einblick in die reale Mehrsprachigkeit in der Schule gibt. Die Arbeitsstelle „Deutsch als Zweitsprache“ des Instituts für Auslandsgermanistik/Deutsch als Fremd- und Zweitsprache der Friedrich-Schiller-Universität Jena hat unter Leitung von Prof. Dr. Bernt Ahrenholz die umfassende Untersuchung im Auftrag des Thüringer Kultusministeriums (TMBWK) durchgeführt: Von Oktober 2011 bis März 2013 wurden in einer quantitativen Teilstudie mehr als 6.700 Fragebögen von Thüringer Schülerinnen und Schülern an Grundschulen und weiterführenden Schulen erhoben, wobei die Landeshauptstadt Erfurt als besonderer Schwerpunkt gewählt wurde.

Die Auswertungen zeigen, dass an Erfurter Schulen der Anteil an Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund etwa um einen Faktor von 2 bis 2,5 höher ist als der Anteil der von der Statistik als „ausländisch“ erfassten Schülerinnen und Schüler – das kann auch für andere Städte Thüringens angenommen werden und entspricht damit etwa den Erfahrungen in anderen Bundesländern.

82 unterschiedliche Sprachen werden neben Deutsch in Thüringer Haushalten gesprochen: am häufigsten Russisch, gefolgt von Vietnamesisch, Türkisch und Kurdisch.

Über die Hälfte der Schüler mit Migrationshintergrund lebt tatsächlich mehrsprachig. Neben der Familiensprache wird sehr häufig auch Deutsch gesprochen, insbesondere mit Geschwistern und Freunden.
Die befragten Kinder und Jugendlichen zeigen darüber hinaus ein großes Interesse an weiteren Fremdsprachen: Grundschulkinder wollen vornehmlich Englisch, Spanisch und Französisch, Schülerinnen und Schüler an weiterführenden Schulen Spanisch, Italienisch und Französisch lernen, haben die Jenaer Wissenschaftler ermittelt.

Situation der „Seiteneinsteigerinnen und Seiteneinsteiger“

In einer zweiten Teilstudie wurde die Situation von sog. „Seiteneinsteigerinnen und Seiteneinsteigern“ mit Deutsch als Zweitsprache (DaZ) näher untersucht. Dabei handelt es sich um Schülerinnen und Schüler, die mit sechs oder mehr Jahren nach Deutschland einreisen, in der Regel „quer“ in das deutsche Bildungssystem einsteigen und bis dahin über geringe bzw. keine Deutschkenntnisse verfügen. „In den qualitativen Interviews mit Lehrkräften und Schulleitungen zeigte sich, dass das derzeitig praktizierte Eingliederungsmodell für diese Schülerinnen und Schüler, die häufig im laufenden Schuljahr einreisen und sofort in den Regelunterricht eingegliedert werden, nur bedingt gutgeheißen wird“, bringt Studienleiter Ahrenholz die Ergebnisse auf den Punkt.

Weiterhin würden einige Lehrer ein Eingliederungsmodell präferieren, in welchem die Seiteneinsteiger vor der Teilnahme am Regelunterricht einen Sprachkurs besuchen, um Frustrationserlebnisse zu Beginn des Schulunterrichts zu vermeiden und eine aktive Teilnahme am Regelunterricht vorbereiten zu können. Diese Einschätzung bestätigt sich im Wesentlichen in den Darstellungen der Schülerinnen und Schüler.

Die Befragten wünschen sich mehr Ressourcen zur Bewältigung der Situation – Schulleiterinnen und Schulleiter insbesondere mehr qualifiziertes Personal und DaZ-Förderkräfte sowie einige Schülerinnen und Schüler insbesondere mehr Stunden für den Deutsch-Förderunterricht. „Fragt man die Schülerinnen und Schüler selbst, ist eine hohe Bereitschaft zur Integration erkennbar“, betont Prof. Ahrenholz. Gleichzeitig zeige sich aber eine enorme Belastung, die darin besteht, dass sie die deutsche Sprache und parallel die fachlichen Inhalte erlernen müssen.

Thüringens Schulen sind also mehrsprachiger als gedacht, womit neue Herausforderungen, aber auch Chancen einhergehen.

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