Prof. Dr. Dr. Castulus Kolo, Präsident der Macromedia University of Applied Science, hat für eine Studie Führungskräfte der deutschen Filmwirtschaft zum Thema „KI-Nutzung in der Filmwirtschaft“ befragt. André Wesche, Thüringens einziger selbstständiger Film-Journalist, hat für unsere Redaktion mit ihm über gefährdete Jobs und kreative KI gesprochen und die Frage gestellt, ob uns ein „Terminator“-Szenario droht.
Herr Professor Kolo, ist man ein Pessimist, wenn man daran zweifelt, dass die Menschheit sinnstiftend mit der KI umgehen lernen wird?
Naja, wenn man anschaut, wie sinnstiftend Menschen ohne KI miteinander umgehen… Die Frage ist, ob eine KI im Zweifelsfalle nicht viel rationaler handelt als der Mensch. Wir glauben ja immer, der Mensch sei so ein Lovechild von Mutter Teresa und Albert Einstein. Das ist aber, wie wir alltäglich vorgeführt bekommen, überhaupt nicht der Fall. Der Mensch kann sehr böse, irrational und blöde sein. Insofern ist mir eine Maschine manchmal lieber als ein Mensch. Ich bin aber nicht betrunken von der technischen Entwicklung und deswegen unkritisch. Ich kann nur das sehr lesenswerte und ernstzunehmende Buch „If Anyone Builds It, Everyone Dies“ empfehlen.
KI-basierte Filmproduktionen werden nach Ihren Umfrageergebnissen frühestens ab 2040 von den Zuschauern bevorzugt. Das klingt angesichts der rasanten Entwicklung sehr weit weg, oder?
Tatsächlich erscheint mir das auch als viel zu weit in der Zukunft liegend. Wir haben unsere Befragung unter Experten der heutigen Filmwirtschaft vorgenommen. Diese sind in ihrem Denken von den Strukturen der letzten Jahre geprägt. Sie denken in ihrem Alltag nicht in der Zukunft, sondern im Hier und Jetzt und an das, was sie in den letzten Jahrzehnten erlebt haben. Und das extrapolieren sie. In dieser weiten Verlagerung in die Zukunft stecken mindestens zwei Annahmen, die zumindest anzuzweifeln sind. Zum einen wird die Geschwindigkeit der Entwicklung unterschätzt. Wir beobachten bei der KI eine interessante Entwicklung über Jahrzehnte, fast über das letzte Jahrhundert. Es fand immer eine Auf- und Abbewegung statt. Die KI wurde schon einmal total gehypt, dann war sie aus der Öffentlichkeit verschwunden, dann kam sie wieder. Ich kann mich erinnern, als ich noch in der Teilchenphysik war, haben wir Ende der 1980-er Jahre mit KI versucht, Teilchenspuren zu rekonstruieren, also pattern recognition. Da war aber die Hardware nicht leistungsfähig genug und die Ergebnisse waren sehr enttäuschend. Es gab auch einen Run auf Prognosen von Aktienkursen mittels KI, das hat aber alles nicht funktioniert. Dann gehen die Investoren raus und die Entwicklung ebbt ab.
Wird heute noch mit den gleichen Algorithmen gearbeitet wie seinerzeit?
Die Mathematik hinter den künstlichen neuronalen Netzenzellen lagen damals schon in wesentlichen Teilen vor, aber erst heute hat man die Hardware, um sie wirklich zu Leistung zu bringen und sinnvolle Dinge machen zu lassen. In den letzten Jahren sah man sogar, dass die KI nach einem Jahr immer oft noch leistungsfähiger war, als man es zuvor vermutet hat, zumindest, seit die erste Version von Chat-GPT publiziert wurde. Sie übertrifft sich also momentan. Das Entwicklungstempo ist also tatsächlich sogar noch höher als die Prognosen. Das liegt auch daran, dass enorm in Hardware investiert wird. Diese Leistungssteigerung ist aktuell nicht nur mit Klugheit zu begründen – dass man zum Beispiel tollere smartere Algorithmen oder bessere Modelle hat – sondern sie ist zumindest teilweise durch brute force erkauft. Man darf nicht außer Acht lassen, dass die künstliche Intelligenz heute mit Modellen unserer Intelligenz arbeitet, von denen man weiß, dass sie mindestens unvollständig sind.
Inwiefern?
Wir sind mit der Hirnforschung noch gar nicht so weit, dass wir unsere eigene Intelligenz vollständig verstehen. Deshalb kann man sie gar nicht eins zu eins modellieren. Die brute force-Methode ist endlich, irgendwann ist alles Geld ausgegeben. Dann werden die Investoren auch wieder vorsichtiger. Und um erhebliche Leistungssteigerungen zu sehen, wird man warten müssen, bis man an den Modellen noch einmal grundsätzlicher gearbeitet hat. Aber: „AI is here to stay. ”
Die Rakete fliegt weiter. Sie kann schon nochmal ins Stocken geraten, genauso gut könnte innerhalb kürzester Zeit auch ein noch rasanterer qualitativer Sprung kommen. Die Annahme, dass sich die Technik so gemächlich weiterentwickelt, ist also wahrscheinlich falsch.
Und die andere Annahme, von der Sie sprachen?
Das ist die Annahme, dass Menschen gern Inhalte bevorzugen, die von Menschen produziert sind. Der Begriff der Authentizität ist für die junge Generation nicht mehr so entscheidend. Da zählt die Plausibilität der Story und nicht, ob es jetzt ein echter Mensch ist oder ein künstlicher. Das sehen wir schon bei Virtual Influencern. Die sind je nach Genre ähnlich erfolgreich wie echte Menschen. Das sind andere Kriterien, die eine Rolle spielen. Und das wird unterschätzt. Es ist ein nostalgisches Bild, das da in die Zukunft übertragen wird.
Bis KI kreative Inhalte erstellen kann, sollen mindestens noch 15-20 Jahre vergehen. Muss man bei dem rasanten Fortschritt Prognosen nicht täglich neu kalibrieren?
Die Beobachtung zeigt, dass sich die KI in der Entwicklung über die letzten Jahre immer selbst übertroffen hat. Wahrscheinlich wäre man heute mit einer Prognose etwas forscher, aber sicherlich immer noch von dem weg, was tatsächlich kommen könnte. Wir sehen ja jetzt schon KI-generierte Inhalte, die konsumiert werden, Filme, die funktionieren. Wenn man sich anschaut, welcher Anteil von Videos auf YouTube KI-generiert oder entsprechende Elemente enthält, ist das ein substanzieller Anteil. Man muss bei Zukunftsprognosen immer vorsichtig sein, insbesondere, wenn sie Experten aus der „alten Welt“ fragen. Weil dann noch ein dritter Faktor als Fehleinschätzung ‚reinkommt, nämlich Wunschdenken. Die denken sich natürlich nicht gerne ihre Welt weg, sie denken sie sich eher schön. Wenn sie vor dreißig Jahren die Zeitungsverleger gefragt hätten, ob die gedruckten Zeitungen irgendwann verschwinden werden, hätten sie wahrscheinlich zur Antwort bekommen, dass es bestimmt Online-Inhalte geben wird, die Zeitung als solche aber überhaupt nicht aus unserem demokratischen Gemeinwesen wegzudenken ist.
Wo stehen wir heute?
Wir sind noch ein Stück weit davon entfernt, dass KI den Menschen tatsächlich überflügelt. Wie weit, das wissen wir nicht. Aus meiner Sicht sollten wir nicht naiv abwarten, bis es soweit ist. Denn dann könnte es einen „Point of no return” geben. Das angesprochene Buch schildert solche Szenarien. KI hat kein Interesse, uns als Menschheit zu vernichten. Aber wir könnten ihr einfach im Weg stehen. Bis jetzt ist die KI noch in der Kiste. Man hört dann oft die Aussage: „Dann ziehen wir eben einfach den Stecker.“ Aber KI kann Menschen manipulieren. Wenn sie Zugang zu finanziellen Ressourcen hat, kann sie mindestens Menschen mit krimineller Energie dazu einsetzen, auf andere Menschen loszugehen. Es braucht keine KI, um wirklich übergriffig zu werden. Sie kann sich der Menschen selbst bedienen, um übergriffig zu werden.
Welche Berufsgruppen in der Filmindustrie müssen am ehesten um ihren Job bangen?
Netflix hat ja schon lange in Distribution und Marketing viel KI eingesetzt. Unsere Befragungen und auch die Anwendungsbeispiele zeigen aber jetzt, dass die Filmwirtschaft zur Gänze von KI durchdrungen sein wird. Auch der Kernbereich des kreativen Schaffens wird durch die KI herausgefordert. Dazu muss man aber noch kurz innehalten, weil Kreativität nicht gleich Intelligenz ist, das wird ja schnell mal einfach so gleichgesetzt. Weder beim Menschen ist Kreativität gleich Intelligenz, noch ist sie das bei Maschinen. Dummerweise wissen wir noch gar nicht so genau, was Kreativität eigentlich ist. Das ist einer der unschärfsten Begriffe überhaupt. Damit ist meistens etwas Neues, etwas Nützliches gemeint. Man weiß auch, dass für Aufgaben, die Intelligenz erfordern, andere Gehirnareale zuständig sind als die, die beim kreativen Gestalten und beim Brainstorming erforderlich sind. Insofern muss man da ein bisschen vorsichtig sein. Intelligente Maschinen sind nicht zwangsläufig kreativer.
Kann eine Maschine also kreativer sein als der Mensch?
Wenn Sie gerade von menschlicher Kreativität reden, wird diese oft einer Maschine entgegengestellt, die deswegen nicht kreativ sein kann, weil sie nur das repliziert, was man in sie hineingestopft hat. Die menschliche Kreativität basiert ganz entscheidend auf Erfahrung, auf dem, was wir gelernt haben. Kreative Menschen sind auch deshalb kreativ, weil sie sehr viel wahrnehmen und das verarbeiten. Insofern sind kreative Menschen aus den gleichen Gründen kreativ wie eine Maschine kreativ sein kann. Die Frage ist: Wo kommt das Zufallselement her? Mir als naturwissenschaftlich geprägten Menschen ist immer wichtig zu betonen, dass alles, was im Gehirn passiert, grundsätzlich naturwissenschaftlich erklärbar ist. Und alles, was naturwissenschaftlich erklärbar ist, ist auch modellierbar.
Also wird alles, wozu Menschen fähig sind, früher oder später in einer Maschine replizierbar sein?
Natürlich. Deshalb ist für mich der Vorsatz der menschlichen Kreativität gar nicht so relevant. Wir müssen besser verstehen, was Kreativität ist. Gerade in diesen Zeiten, in denen wir auch generative KI haben, müssen wir eine schärfere Begrifflichkeit bekommen. Und wir müssen diese kreative Leistung auch sichern und schützen, ob sie menschlich ist oder maschinell. Wir haben ja auch bei kreativen Menschen das Element der Weiterentwicklung. Da nennt man es nicht Kopie, sondern Cover-Version. Oder man spricht von einem „Filmzitat“. Da wird es so ein bisschen verbrämt. Aber natürlich zitieren sich Maler, Bildhauer, Musiker ständig selbst. Und sie interagieren. Wir müssen sollten mindestens aber so wie bei der menschlich generierten Kreativität auch maschinelle Kreativität irgendwie schützbar machen – und insbesondere die hybride Kreativität.
Um noch einmal auf die Berufe beim Film zurückzukommen: Bleibt jemand verschont?
Die Entwicklung wird alle Berufe betreffen, auch den kreativen Kernbereich. Am ehesten natürlich Berufsgruppen, deren Arbeit mit Routinetätigkeiten zu tun hat, die einfach automatisierbar sind. Schon allein aus kaufmännischen Gründen wird KI da am ehesten Einzug halten. Auch der Synchronbereich ist akut gefährdet. Es wird aber auch in das Script-Writing gehen. Die vielen Handwerker, die am Set tätig sind, wie zum Beispiel beim Kulissenbau, wird es so in Zukunft wahrscheinlich nicht mehr geben. Man arbeitet jetzt schon mit Menschen zusammen, die das Artwork für Spiele machen. Sie werden und können die Kulissen dann ersetzen, wo das künstlerisch oder kaufmännisch opportun ist. Was schade ist, weil so vermutlich auch Handwerkskunst verloren geht.
Dieser Beitrag erschien ursprünglich im Oscar am Freitag-Magazin, Ausgabe 7 (2026)




















