Familienbande im November: Elf Generationen pucklige Verwandschaft

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Männer! Frauen! Leute! – „Freunde, Römer, Mitbürger – hört mich an…!” Blöde Sache und Situation, wenn unsereiner schamrot einsehen und eingestehen muss, auf dem Holzwege gewesen zu sein. Abgesehen davon, dass es in unserer herrlichen Referenzstadt Gotha tatsächlich als Abzweig deer Salzgitterstraße einen „Holzweg” gibt, muss ich zugeben, dass mir der ganze Goth’sche Festjahrrummel vermutlich doch die Sinne verwirrt haben muss.

Denn: Obschon hinlänglich bekannt sein sollte, dass unsere Omnipotenzstadt gemeinhin als Nabel der Welt anzusehen ist, geht doch dessen Strahlkraft weit, so weit in die übrige Welt hinaus. Man stelle sich das mal vor: Vor über einem Jahre war’s, gegen Ende des erhabenen Augustes, als ein irischer Popstar im Hofe des Schlosses Friedenstein ein allerwärts bejubeltes Konzert gab. Damals war ja an Ananastacia, Thomas Ganzwoanders, Karat(e)-Kid und/oder Signore Giovanni Mortadel-, perdoname: Mozzarella (Nutella? Sanella?) noch nicht zu denken! Und doch traten alle diese Popmusik- Größen im vergangenen Sommer mit größtem Erfolge sowie unserer heimischen Thüringen-Philharmonie (Ja, Sie lesen richtig: MIT Bindestrich!) bei bzw. im Hofe, dem friedensteinernen, auf!

Doch zurück zum betörend tönende Schönling von der Grönen Insel, jenem charmanten und diesmal blonden Manne! Er kam, sang, siegte beim Publikum und Rezensenten – aber er, konkret: Ronan Keating, plauderte auch aus dem familiären Nähkästchen: Sei doch sein liebes Weib, die gleichfalls schöne, charmante und ebenso blonde Gattin eine (wenn auch illegitime?) Nachfahrin unseres Herzoges Ernst des Ersten, von aller gottesfürchtiger Welt gern und oft „der Fromme” geheißen.

Potz Blitz aber auch! Ei der Tausend! Kruzitürk’n! Herrschaftsseit’n! Donner und Doria! Der letzte Ton des Sangesvortrages war noch nicht ganz verklungen, als auch schon Experten der Gothaer Ahnenforschung im Stammbaume derer von Sachsen-Gotha auf- und niederkletterten, um das vor Tausenden Zuhörern so leichthin Gesagte zu überprüfen. Immerhin, Vorsicht war schon am Platze und geboten! Einem (noch dazu bürgerlichen) Vertreter der heiteren Muse mochte die Gothaer Fachwelt dann doch nicht unbesehen Glauben schenken.

Und so geschah es denn also, von vielen Zeitgenossen und -nossinnen kaum beachtet und bemerkt: Aus dem Staube der Archive und deren „ehrwürdiger Nacht” ward folgende Erkenntnis ans Licht gebracht: Mr. Keatings Gattin ist eine leibhaftige Urururenkelin eines Urururgroßvaters, der seinerzeit (wenn auch unehelich) von einem gewissen (damals als Herzog zu Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg herrschenden) Blaublüter namens Christian August gezeugt wurde. Der über alle Standesschranken hinweg potente Potentat war wohl seinerseits – ich kürze das hoch-wohlgeborene Allerlei ein wenig ab – ein Enkelsohn von Königin Caroline Mathilde von Dänemark und Norwegen. Damit der pikanten Enthüllung nicht genug: Besagte Regentin war eine Tochter von Augusta Princess of – nein, nicht Irland, aber immerhin doch Wales! Und Augustas Urgroßvater (erneut seid ein gewagter, aber die ganze Zeugungsorgie verknappender Generationensprung gestattet) war hinwiederum – wen wundert’s? – unser hochwohllöblicher Ernst der Fromme, seines Zeichens und Siegels Herzog des Adelsnestes, äh: noblen Hauses Sachsen-Gotha-Altenburg.

So weit, so gut und wahr. So richtig und wichtig. Mrs. Keating wäre demnach, sofern korrekt abgezählt wurde, in elfter Generation eine Nachfahrin des frommen Friedensteiners und dessen Gemahlin Elisabeth Sophia, Herzogin von Sachsen-Gotha und Altenburg. Doch damit längst noch nicht genug: Da Familie Keating inzwischen mit zwei Kindern namens Cooper Archer und Coco Knox (andere Länder, andere Vornamen!) komplettiert wurde, muss uns bürgerlichen Gothaern um den Fortbestand der Dynastie nicht bange sein.

Nun mag es im gemeinen Volke den einen oder anderen Anarchisten geben,
der sich aus dem schlichten Pöbel emporrecket und provokant in die Runde zu fragen wagt, was uns Heutige dieser ganze Rummel um die pucklige Verwandtschaft derer von und zu XY ungelöst angeht und ob das im Zeitalter von Prinz Andrews Unmoral und König Charles‘ Versöhnung mit dem Papste noch irgendeine Bedeutung haben kann?

Zumal wir Germanen ja seinerzeit einen Großteil der adligen Unterdrückerbande mit untertänigstem, allersubmissestem Bedauern zum Teufel jagten, der indes mit dem hochfeudalen Geschmeiß auch nicht allzuviel anfangen konnte. Und so haben wir die hochwohlgeborene Gesellschaft eben immer noch auf der Pelle, was Qualitätsjournale wie „Frau mit Nerz”, „Das güldene Blattgold” und „Echo der Klofrau” von Woche zu Woche neue, buntbebilderte Höchstleistungen der Kolportage-Reportage ermöglicht.

Einige von uns spätestens seit 1918 ganz und gar nicht mehr devoten Alltagsmenschen werden sich vermutlich erinnern, dass wir Untertanen weder zu Herzogs noch zu Kaisers Zeiten nach unserer Meinung und Haltung gefragt wurden, wenn es galt, zu den ruhmreichen Fahnen aufs Feld der Ehre zu eilen. Oder dieses Lustschlösschen zu erbauen bzw. jene Mätressenwirtschaft zu finanzieren. Wir waren DEREN Leibeigene, Kammerdiener, Hofberichterstatter und Freiwild gemäß dem „Recht der ersten Nacht”… – Und ob nun in elfter oder zwölfter Generation: Es ist ein für alle Mal vorüber und vorbei! – Auch in Gotha!

Fürwahr: Auch und sogar hier!

Heidi
Eckenkieker

Dieser Artikel erschien ursprünglich im Oscar am Freitag-Magazin, Ausgabe 10 (2025)

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