In Gotha ist die älteste Kunstkammer belegt

0
360
Elfenbeinkästchen. Foto: Stiftung Schloss Friedenstein

Gotha (red, 6. September). Silberkammern sind die frühesten Zeugnisse für unsere heutigen Museen. Kunst- und Wunderkammern folgten, bis die ersten öffentlichen Museen wie 1753 das „Britisch Museum“ in London, als erstes Museum der Welt und ein Jahr später das Herzog-Anton-Ullrich-Museum Braunschweig als erstes öffentliches Museum Deutschlands entstanden.

Viel älter ist die durch das berühmte Inventarbuch aus dem Jahr 1656 von Herzog Ernst I. von Sachsen-Gotha (1601-1675) belegte Kunstsammlung zu Gotha, die bereits 1713 mit der Öffnung des Münzkabinetts erstmals öffentlich gezeigt worden ist und seit 1824 in dem von Herzog Friedrich IV. von Sachsen-Gotha-Altenburg (1774-1825) im Westturm des Schlosses Friedenstein gegründeten Gothaer Museum für Wissenschaft und Kunst weiterbesteht.

In wenigen Jahren heißt es also „200 Jahre Gothaer Museum“ aber auch „375 Jahre Gothaer Kunstsammlungen“ und „650 Jahre Silberkammer Gotha“, wie ein Dokument beweist, was im Sächsischen Staatsarchiv, Hauptstaatsarchiv Dresden, aufbewahrt wird.

Gotha, über Jahrhunderte das Kleinod der Kunst
Dresden, Hauptstadt der Albertiner oder Wien, Hauptstadt der Habsburger, haben jene weltberühmten Kunst- und Wunderkammern, die einst entstanden sind, aus den Silberkammern der Herrscher. Beide Städte können mit jahrhundertealten Inventarien ihren Anspruch untermauern, die ältesten ihrer Art zu sein. Bisher blieb in der Öffentlichkeit unberücksichtigt, dass es ein Inventarium gibt, das eine viel ältere Silberkammer belegt, als jene in Dresden, Tirol, Malborgk (Marienburg) oder Wien.

In der Forschung schon länger bekannt, aber kaum gewürdigt, ist eine Publikation „Registrum dominorum marchionum Missnensium. Verzeichnis der den Landgrafen in Thüringen und Markgrafen in Meißen jährlich in den wettinischen Landen zustehenden Einkünfte, 1378“herausgegeben und bearbeitet von Hans Beschorner, Bd. 1, Berlin 1933). In dieser wissenschaftlichen Arbeit wird darauf verwiesen, dass ein Kleinod-Verzeichnis, sprich Kunstkammer-Verzeichnis vorhanden ist, was aus Gotha stammen muss und überschrieben ist „Dit ist daz cleinot das mynen jungen herrn in Gotha ist czu teile worden“ Wie der Autor und später auch Dr. Eckardt Leisering von Staatsarchiv Dresden bestätigen, ist dieses Verzeichnis nach 1359, spätestens zwischen 1378-1382 angelegt worden.

Wie kam es zum Silberkammer-Inventar von Gotha?
Seit der Gründung der Landgrafschaft Thüringen im Jahr 1131 war Eisenach mit der späteren Wartburg der bevorzugte Aufenthaltsort und damit Regierungssitz der Thüringer Landgrafen aus dem Geschlecht der Ludowinger. Das änderte sich im Jahr 1300, als Friedrich Pfalzgraf von Sachsen, Markgraf von Meißen (1257-1323) und seine dritte Ehefrau Elisabeth von Arnshaugk (1265-1327) zur Hochzeit ihrer Kinder vorhergehender Ehen auf der neuerbauten Burg Grimmenstein in Gotha einluden. Am 24. August 1300 fand in Gotha eine große Fürstenhochzeit zwischen Friedrich (1310-1349) und Elisabeth Gräfin von Lobdeburg-Arnshaugk (1286-1359) statt. Das immer wieder durch Kriege am Anfang der 14. Jahrhunderts zerrissene Thüringer Land wurde wenig später am 17. Juli 1310 im „Friedensvertrag von Gotha“ geeint und der einstige Pfalz- und Markgraf erhielt auch rechtsgültig den Titel eines Landgrafen von Thüringen. Gotha war ab 1300 die bevorzugte Residenz, hier ist dann auch am 30.11.1310 sein Sohn und Nachfolger Friedrich der Ernsthafte (1310-1349) geboren worden.

Eine Frau legt das Silber zurecht
Es war besonders Landgräfin Elisabeth die als „domina de gotha“ verehrt, die Stadt am Fuße der Burg Grimmenstein förderte. Nach einem Schlaganfall des Landgrafen 1321 übernahm Elisabeth für zwei Jahre die Regentschaft. Landgraf Friedrich fand in Gotha seine letzte Ruhe. Seine Witwe stiftete zu seinem Andenken eine Kapelle auf dem Grimmenstein, die sie 1332 der Heiligen Elisabeth weihen ließ. Elisabeth setzte alles daran, Gotha zur bevorzugten Residenz in einer Zeit der Reiseherrschaft zu erheben. Deshalb schuf sie 1344 mit Übersiedelung der Augustiner-Chorherren aus Ohrdruf in Gotha den ersten Residenzstift deutscher Prägung.

Im 14. Jahrhundert war Gotha nicht nur Hauptstadt der Landgrafschaft Thüringen sondern auch der Pfalzgrafschaft Sachsen und der Markgrafschaft Meißen. Das lässt sich anhand der Iteniare (Aufenthalte) der Landgrafen sehr genau belegen. So war Landgraf Friedrich I. (1257-1323) mindestens fünfzigmal in Gotha, Landgraf Friedrich II. mindestens sechzigmal und in der Zeit von 1349-1382 kann Gotha seine Dominanz als bevorzugter Aufenthaltsort weiter ausbauen. So kommt Landgraf Friedrich III. zweihundertdreißigmal nach Gotha und in seine zweite Residenz Dresden nur 126mal. Landgraf Balthasar ist bis dahin einhundertneunmal in Gotha und nur achtundvierzigmal in Dresden und Landgraf Wilhelm I. wählt einundsechzigmal Leipzig und achtundfünfzigmal Gotha als Aufenthalt. Historiker formulieren deshalb: „Gotha war zu unterschiedlichsten Zeiträumen der mit Abstand wichtigste Aufenthaltsort der Wettiner. Bei Friedrich III. und Balthasar konnte die Dominanz Gothas statistisch eindeutig belegt werden. Bei Wilhelm liegt zwar Leipzig knapp vor Gotha, jedoch dürfte dies die wahren Verhältnisse nicht ganz widerspiegeln“. Mit der Alleinherrschaft Landgraf Balthasars über Thüringen ab dem Jahr 1382 ist Gotha mit 34% aller seiner Aufenthalte sein Lieblingsort.

Wann ist eine Stadt eine Residenz?
Bis ins 14. Jahrhundert regierten die Herrschen durch eine Reiseherrschaft, das heißt, sie zogen von Ort zu Ort um ihre Macht zu festigen. Mit dem Bau moderner Burganlagen, wozu die ab 1289 entstandene „Burg Grymmenstein“ in Gotha gehörte, änderte sich diese Taktik der Politik. Burg Grimmenstein in Gotha war wohl der erste Ort im Land der wettinischen Herrscher der dauerhaft für sich den Titel einer Hauptstadt in Anspruch nehmen konnte. Damit eine Stadt diese bevorzugte Stellung bei den Herrschenden einnehmen konnte, war es notwendig, dass sie bestimmte Voraussetzungen erfüllte. Dazu gehörten eine moderne Burganlage, die einem großen Hoflager Aufnahme bieten konnte, eine befestigte wehrhafte Stadt, die Schutz vor Feinden bot und eine große Bauernschaft, die in der Lage war, das Hoflager zu versorgen und Transporttiere zu liefern. Dazu kamen verschiedenste Handwerker die die Ausrüstungen der Ritter zügig reparieren konnten um einen schnellen Weiterzug zu ermöglichen.

Neben der Burg oder dem Schloss musste eine Kirche vorhanden sein, so wie seit 1249 die Marienkirche zu Gotha, man benötigte Räume für den Herrschaftlichen Rat und eine Münze, wie seit 1168 für Gotha verbürgt. Dazu ein Tanzhaus für die Belustigungen, wie es im Jahr 1440 für Gotha beurkundet ist. Auch Unterhaltung und Musik waren wichtig, im Jahr 1405 verleihen Landgraf Balthasar und sein Sohn dem „Videler Paul Lautenschläger einen Hof in Gotha“, damit ist erstmals die Nutzung eines Saiteninstruments (Videl = Geige) bei Hofe belegt. Auch mussten Waffenhersteller am Hofe sein, so wie 1381 „der Büchsengießer Merten und zwei Harnischmacher (Rüstungsbauer) am Hofe Landgraf Balthasars in Gotha“. Natürlich gehörte auch eine Silberkammer, um Kunstwerke und Gefäße aufzubewahren, zu den Schätzen einer Residenz, auch sie ist für Gotha belegt.

Wann entstand das Silberkammerinventar von Gotha?
Ihrer Größe nach mit 63 verzeichneten Stücken aus den Bereichen Kunst und Natur handelt es sich um eine große Silberkammer, die wohl ab 1300 angelegt worden ist. Hauptsächlich hat diese Silberkammer sicherlich Landgräfin Elisabeth von Thüringen (1286-1359) gefüllt. Nach ihrem Tod blieb die Silberkammer in Gotha und wohl erst nach dem Ableben ihres Enkels Landgraf Friedrich III. im Mai 1381 muss das Verzeichnis angelegt worden sein.

Es ist damit älter als das Inventar der Silberkammer der Witwe Friedrich des Streitbaren, Katharina von Braunschweig, das 1442 in Grimma aufgezeichnet worden ist und als Beleg für das Alter der Hofsilberkammer in Dresden herangezogen wird.

Das Dokument ist einer von vielen Beweisen zur Bedeutung der Residenz Gotha im Mittelalter und stellt wohl den ältesten Beleg einer Kunstkammer in Europa dar. Auf Anfrage von Oberbürgermeister Knut Kreuch wurde der Stadt Gotha eine Kopie des zweiseitigen Dokuments übergeben, welches unter der Signatur Sächsisches Staatsarchiv, Hauptstaatsarchiv Dresden, 10005 Hof- und Zentralverwaltung (Wittenberger Archiv) Loc. 4333/03 verzeichnet ist.

Das ist das Kleinod, dass meinen jungen Herren in Gotha zu teil geworden ist:

  • zu dem ersten zwei gläserne Gießbecken (Handwaschgerät bei Tisch)
  • eine gläserne Kanne
  • ein großer Glasbecher
  • drei geschliffene Gläser „berieben“, eins groß, zwei kleine
  • ein gemaltes Glas mit Gold und einem Deckel
  • ein nicht eingefasstes Straußenei als Pokal-Trinkgeschirr
  • vier hölzerne geritzte Näpfe, davon steht einer auf drei goldenen Füßen
  • fünf silberne gewundene Schalen
  • zwei kleine silbern gewundenes Schälchen
  • eine silberne Muschel
  • eine silberne Schüssel
  • zwei silberne Becher
  • zwei Geräte zum Aderlass mit Pokal darauf ein Deckel aus Leder
  • eine Silberne Kanne zum Weinmischen
  • ein silberner Becher auf drei Füßen
  • ein eingefasster Perlmutt, ein nicht eingefasster Perlmutt
  • ein silberner Tafelaufsatz
  • zwei silberne Siegel
  • ein emailliert vergoldeter Fuß
  • drei silberne Pokale, zwei haben keinen, einer hat einen Deckel
  • ein Beryll, ein Mineral, auf einem hohen vergoldeten Fuße mit einem vergoldeten Deckel und Leder
  • ein silbernes Salzfass mit einem Fischzahn als Ausguss
  • ein brauner Edelstein gesetzt auf einem hohen vergoldeten Fuß mit Edelsteinen
  • ein vergoldeter Löffel, der hat in seiner Kelle gefasst einen edlen bunten Stein
  • eine Koralle mit viel goldenen Zacken auf einem goldenen Fuß, er steht für die Person der Maria Magdalena
  • acht gefasste Fischzähne auf einem vergoldeten Fuß
  • ein gefasster Nashornpokal als Trinkgeschirr
  • eine in Beryll eingefasste Weinmischkanne
  • ein gläserner gefasster Pokal auf einem goldenen Fuß
  • eine Monstranz mit Reliquie
  • ein kleiner Pokal von Alabaster
  • ein Schachbrett aus Jaspis und Beryll
  • ein Spielbrett aus Zypressenholz
  • ein römisches Glas mit gemalten Ginsterblumen in einem hölzernen Futter
  • ein eingefasstes Trinkhorn
  • zwei kleine Jagdhörner
  • ein großes Jagdhorn mit silbernen Beschlägen an beiden Enden
  • drei paar Tischmesser, davon sind zwei aus Elfenbein und eins gemustert
  • ein großes Schachbrett grün und weiß und Figuren auf dem Spielbrett.

Buchtipp:  Udo Hopf „Burg Grimmenstein zu Gotha 1290-1531“, Gotha 2012

Fliesenstudio Arnold

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT