Oscars Gastkommentar: Zwischen Bochum und Suhl – Rennsteiglied und Grönemeyer

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War denn nach dem vergangenen Festjahre für uns Goth’sche noch irgendein Lebensinhalt denkbar? – Mussten wir nicht die Leere des Daseins fürchten, ein Umherirren im freudlosen Alltagseinerlei, die Seele verhökert – alles sinnentleert, keijne Heijmat, keijnehe Heijmat meher..?

Aber wenn sic h schon Herr Grönemeyer nach seinem 75. Geburtstage das Weiterleben nicht ausreden lässt, können auch wir Lappenhannahöcher mit hellem Blicke auf unser Ursprungsjahr 775 wie einst in diesen Mai tanzen. Die (übrigens auch in unserem Intelligenzblatte zum 30. Jahrestage gewürdigte) Buchhandlung am Schlossberge existiert ebenfalls weiter und am Hauptbahnhofe tut sich wahrlich was.

Es geht also voran. Wenn’s auch manchmal 75 Jahre dauert! Wie im Falle jener volksmusikalischen Hymne, die am 15. April 1951 im Hirschbacher Gemeindesaal erstmals öffentlich vorgetragen wurde. Die patriotische Leserschaft ahnt wohl, dass es sich hier ums Rennsteiglied des Suhler Musikanten Herbert Roth handeln sollte, was – mal ganz nebenbei und ohne jedwede redundante Rhabarberrede angemerkt – auch stimmt.

Ein Dreivierteljahrhundert also geht der Singsang nun schon von diesem Weg auf den Höh‘n. Natürlich ist einzusehen, dass der lokale Bezug (zumindest, was Gotha angeht) auch 75 Jahre nach der Welturaufführung des Wald-, Wiesen- und Wanderweg-Evergreens nicht direkt erkennbar wird. Denn Hirschbach liegt ja bei Suhl – und außer Jagdwaffen, Zweitaktzweirädern, e bissel Wald und einem zerschossen‘ Rathaus hatte die kleinste Bezirkshauptstadt der Deutschen Demokratischen Republik ja auch nicht allzuville vorzuweisen.

Doch gemach! Wohnt doch unser Verlagsleiter und Chefredakteur inzwischen direkt neben der Behausung eines Gitarristen, der seinerzeit mit Herbert Gröne-, äh: Roths Instrumentalgruppe das Rennsteiglied in alle Welt hinaustrug. Nein, ich verrate den Namen des unbekannten Musikusses nicht, zumal er sich auch längst die Radieschen von unten – na, Sie wissen schon…

Der neben Sängerin Waltraud Schulz ebenfalls zur Combo gehörende Gitarrrero Karl Müller, welcher nicht nur Herbert Roths bekanntesten Hit, sondern noch viele, viele weitere zeitlose Wanderwaldlieder betextete, war‘s jedenfalls nicht. Aber ich darf (und hier wären wir wieder beim „regional-lokalen“, ja – geradezu familiaren Bezuge) voller Stolz und Dankbarkeit in die WhatsApp-Gruppe (respektive Telegram, Signal und andere Schwatzbuden) hinaussenden, dass mein jüngster Sohnemann seinerzeit vom Nachbarn unseres Verlagsbosses den ersten Gitarre-Unterricht erhielt. Mein Filius war damals süße zehn Lenze jung und er klampft heute noch als singender Schauspieler bzw. schauspielernder Sänger mit allem, was sechs oder gar zwölf Saiten hat. Der alte Zausel aus Roths Bergdudler-Ensemble scheint also für fünf DDR-Mark Stundenlohn didaktisch-methodisch vieles richtig gemacht zu haben.

Die erste eigene Gitarre erhielt mein jüngster Stammhalter vom Dachboden der Gothaer Puddingschu-, äh: Pädagogischen Fachschule „Clara Zetkin“. Weil das Ding bestenfalls noch zum Schneeschieben taugte, wurde die steinalte Klampfe vom Siebleb(en)er Instrumentenbaumeister Johannes Keilwerth in Übererfüllung des eigentlichen Planzieles (Zeltplatz-Klang) bühnentauglich restauriert. Und das, obwohl der Meister ja eher das Blech des Gothaer Fanfarenzuges zu betreuen hatte. Dieser Klangkörper hinwiederum probte dazumal mit zuweilen 80 Mann im Gelände dess Traktorenwerkes. Vermutlich hatte die ganze Südstraße was davon?! Ganz gewiss jedenfalls der Wirt der HOG „Vergissmeinnicht“, welche in ebenjener Südstraße lokalisiert war. Dort nämlich kehrten die jungen und lustigen Musikanten nach der Probe gern ein, getreulich dem bildungsbürgerlichen Credo folgend: „Und so zieh‘n wir mit Gesang in das nächste Restorang!“ – Undsoweiterundsofort. Weit, weit weg und fort.
Ja – und nu‘? Nun hocke ich hier, umzingelt von sozialisti-, äh: sozialen Netzwerken, und höre in mich und mindestens 75 meiner lokalbezogenen Lebensjahre hinein: Keijne Fete, keijne Feijer ohne Roth und Grönemeyjer? „Den Beutel auf dem Rühücken, die Klampfe in der Hand?“ – „Keijne Heijmat, keheijne Heijmat meher?“

Dieser Beitrag erschien ursprünglich im Oscar am Freitag-Magazin, Ausgabe 4 (2026)

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