Vom Buchdrucker, seinem Heißhunger und den Folgen davon

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So sah es 2018 aus...
So sah es dann vor wenigen Wochen aus… Foto: Fotostudio Spelda

Nähert man sich Bad Tabarz, sieht man schon von Weitem eine große kahle Fläche auf dem Datenberg. Dort hatte im Vorjahr der Borkenkäfer gewütet, musste großflächig abgeholzt werden. Und nicht nur dort…

Kein halbes Jahr später verschärft sich in den Thüringer Wäldern schon wieder die Situation. Die anhaltende Trockenheit und das seit einigen Tagen anhaltende Ausschwärmen der nächsten Generation von Borkenkäfern erregt Besorgnis.

Bad Tabarz‘ Bürgermeister David Ortmann befürchtet deshalb Ärgstes: Schon im Vorjahr musste doppelt so viel Holz eingeschlagen werden wie ursprünglich gedacht, „eine Fläche von rund 80 Fußballfeldern war das“. Der Buchdrucker, dem Fichte bestens mundet, hatte auch im Felsental und am Torstein brutal zugeschlagen.

Auch Teile des 198 ha großen Kommunalwaldes am Daten- und Nonnenberg, im Lauchagrund und um den Inselsberg habe es getroffen. „Das sind mehrere tausend Festmeter eher unverkäufliches Käferholz, da die Sägewerke ohnehin bereits überlastest sind.“ Dies schmerze doppelt, weil bisher die Erlöse aus dem Holzverkauf immer wieder in den Wald investiert, u. a. Wege gebaut wurden. „Unser Wald ist kein Wirtschafts-, sondern unser Erholungswald.“

Deshalb blicke er aber auch nach vorn: Man wolle sich als Wanderort weiterentwickeln. Dafür sollen die sechs Haupt- und fünf Nebenwanderwege im nächsten Jahr prädikatisiert werden. „Wir müssen viel mehr unsere Stärken zeigen.“ Dazu gehört für David Ortmann, dass es um Bad Tabarz immer noch viele tolle Wege mit idyllischen Plätzen und sagenhaften Aussichten gibt.

Entmutigt sei er also nicht, sagte Ortmann. Schließlich sei man seit Jahren in der Gemeindeverwaltung krisenerprobt. Er erinnerte u. a. an die finanziellen Schwierigkeiten der Gemeinde und an die Beendigung der TABBS-Insolvenz.

Zudem habe die Gemeinde schon zeitig begonnen, offen zu kommunizieren, was in Sachen Borkenkäfer auf den Ort zukommen werde. Er erinnerte an die Einwohnerversammlung in der „KUKUNA“ mit Fachleuten wie Dr. Gerhard Struck, dem Leiter des Forstamtes Finsterbergen, mit Revierförster Marcel Birke, dem Leiter der herzoglichen Forstverwaltung, Achim Schneider, und Innenminister Georg Maier (SPD). Wie dramatisch die Situation damals schon war, hätten die Förster Thomas Espig und Marcel Birke mit Luftbildern gezeigt, die per Drohne aufgenommen wurden.

„Klar sind die Leute traurig, manche regelrecht entsetzt vom Anblick der kahlen Flächen. Aber das gab es auch schon in der Vergangenheit.“ Fotos aus den 1920er Jahren zeigen zum Beispiel, dass der Lauchagrund nahezu vegetationslos war. „Das sah alpin aus, wie Landschaften aus ,Herr der Ringe‘.“ Auch nach 1945 war der Datenberg zunächst völlig kahl, wurde damals neu bepflanzt. „Wald ist eigentlich immer im Wandel“, sagt Ortmann.

Da ist er einer Meinung mit Dr. Gerhard Struck, dem Chef des Finsterberger Forstamts. Bedauerlich sei es schon, wenn selbst sehr alter Bestand dem Buchdrucker zum Opfer falle. „Im Naturschutzgebiet Wagenberg waren es 150-jährige Fichten, manche dürften sogar um die 200 Jahre alt gewesen sein.“ Tannen und Buchen hingegen seien verschont geblieben. Zuversichtlich stimme ihn aber, dass selbst am Datenberg oder im Lauchagrund die Natur sich selbst beholfen habe. „Dort wuchsen unter den Fichten, die rausgeholt werden mussten, Birken, Buchen und Ebereschen. Das spricht dafür, dass es in unseren Wäldern deutlich bunter werden kann. Solche Naturverjüngung unterstützen wir in den Revieren, die wir vom ThüringenForst betreuen, indem wir u. a. Bergahorn und Tannen pflanzen – also Bäume, die Trockenheit besser vertragen, tief wurzeln und nicht vom Borkenkäfer befallen werden.“

Wichtig sei nach wie vor, dass das Käferholz möglichst bald aus dem Wald wegkomme, damit nicht beim Ausschwärmen der nächsten Generationen neue Flächen befallen werden. „Das fällt natürlich Waldbesitzern leichter, die wie wir langfristige Verträge mit den Sägewerken haben…“

Dass die Situation trotzdem dramatisch ist, kann Struck mit wenigen Zahlen belegen: Sein Forstamt verbuchte im 1. Quartal 2019 7.900 Festmeter Windbruch- und 3.700 Festmeter Käferholz. In diesem Jahr sind es jetzt schon 22.000 Festmeter Windbruch- und 17.000 Festmeter Käferholz, „also fast die fünffache Menge“.

Rainer ASCHENBRENNER

(Beitrag geschrieben für „Oscar am Freitag“, Ausgabe Gotha, April 2020)

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