Apropos: Deutschland, einig Hassland

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von Rainer ASCHENBRENNER
„Jemandem auf die Pelle rücken“ – das klingt schon unangenehm. Ist es auch – es sei denn, dass darum ausdrücklich gebeten wird.

Wird aber nicht gerade wild gekuschelt, war schon vorpandemisch ein halber Meter das Höchstmaß aller Nähe. So dicht ließen wir allerdings auch nur eigen Fleisch und Blut oder allerbeste Freunde an uns heran…

Alles andere im öffentlichen Leben und in aller Öffentlichkeit fand mit gebotener Distanz statt – Ausnahmen wie als unangenehm empfundene SupermarktKassenSchlangen oder nahverkehrliche Transporteinrichtungen bestätigten diese Regeln.

Ganz anders ist das in der virtuellen Welt: Da gibt es zunehmend weder Abstand noch Anstand. Da wird gepöbelt, gemotzt, beleidigt. Einander völlig Unbekannte rücken sich dabei verbal so „auf die Pelle“, dass man förmlich den beim Geifern im Überschuss entstehenden Speichel fliegen sieht, ungewaschene Haut und üblen Mundgeruch riechen kann.

Zunehmend erschüttert mich diese Grundgehässigkeit, die vor allem auf FB fröhlich Urständ feiert. Egal, von welcher Seite praktiziert.

Es ist eine Art von Respektlosigkeit, die mich verwirrt. Muss ich mein Bild von dieser Gesellschaft revidieren? Können wir nicht mehr um der Sache willen miteinander streiten? Es scheint, dass es um nichts Geringeres geht, als den anderen „vernichten“ zu wollen.

Es findet ein regelrechter Feldzug statt – ausgetragen mit und in Leserbriefen, Kommentaren auf Online-Portalen, via Twitter oder auf Facebook-Seiten.

Diese politische (Un-)kultur zeigt sich aber nicht nur im Virtuellen. Ich finde, dieses Land krankt seit Ende der 1960er-Jahre daran, dass die politische Debatte verkommen ist.

Man darf eigener Meinung sein. Aber nicht gegen jene, die zur öffentlich korrekten erklärt wurde oder die eine indifferente „Mehrheit“ verkündet: Wer militärischen Strategien des Pentagons im Irak und Afghanistan nicht applaudierte, war antiamerikanisch. Wer sagt, dass Satire alles darf, ist ein blasphemischer, ehrloser Mensch. Wer Israels Siedlungspolitik kritisiert, ein Antisemit und wer nicht für Minarette sammelt, ein Neonazi.

Wir funktionieren „digital“ – entweder dafür oder dagegen. Schwarz oder weiß. Gut oder böse. Wo und wann, verdammt noch einmal, haben wir die Fähigkeit zum Differenzieren verloren? Und auch die, einfach nur auszuhalten; auszuhalten, dass andere anders denken, reden, schreiben?

Allerdings: Hatten wir je eine wirklich echte, eine offene Streit- und Diskussionskultur hierzulande?

Ich bezweifele das.

Jeden Tag ein bisschen mehr.

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