Tourismusverband Thüringer Wald/Gothaer Land zog Bilanz für 2020

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Bleiben Betten in Hotels und Pensionen auch nach dem 3. Juni weiter leer? Foto: William Sun/Pexels

Landkreis (red/ba, 1. Mai). Der Tourismusverband Thüringer Wald/Gothaer Land e. V. hat die Beherbergungsstatistik für 2020 veröffentlicht.

Im April 2020 musste Dr. Bettina Aschenbrenner den „Drei(n)schlag“ wegen der Corona-Pandemie absagen. „Oscar am Freitag“-TV-Redaktionsleiter Maik Schulz hatte sie dazu interviewt. Foto: „Oscar am Freitag“-TV

Die Bilanz von Geschäftsführerin Dr. Bettina Aschenbrenner fällt dramatisch aus. So waren die rund 440 Beherbergungsstätten (1) im Landkreis Gotha nur 24 Wochen (15. Mai – 31. Oktober) für touristische Übernachtungsgäste geöffnet.

Deren gastronomische Einrichtungen konnten erst ab 9. Juni für den allgemeinen Publikumsverkehr geöffnet werden.

Demzufolge seien ein gutes halbes Jahr keine Umsätze und Einnahmen erwirtschaftet worde, so Bettina Aschenbrenner. Zwar hätten die November- und Dezemberhilfen, mit denen 75 % der Nettoumsätze der Vergleichsmonate im Jahr 2019 erstattet werden konnten, einen Teil der Verluste aufgefangen. Dennoch seien v. a. bei Hotellerie und Gastronomie die Einbrüche teilweise existenzbedrohend. Hinzu käme, das seither bis zu 80 % des Personals in Kurzarbeit gehen musste.

Auch den Verband traf es hart: So musste im April die 6. Auflage des „Drei(n)schlags“ abgesagt werden, die nur erst 2023 stattfinden wird. „Oscar am Freitag“-TV hatte dazu Dr. Bettina Aschenbrenner interviewt (Video).

Wenngleich die Zahlen von Übernachtungen, Gästeankünften und durchschnittlicher Aufenthaltsdauer nur einen Ausschnitt der komplexen Tourismuswirtschaft abbilden würden, so seien sie „eine bedeutende, weil statisch belegbare Messgröße, um Aussagen über und Bewertungen von Entwicklungsstand und Trends vornehmen zu können“, erklärt Dr. Bettina Aschenbrenner.

Auf Grundlage der Angaben des Thüringer Landesamts für Statistik, den Meldungen der Tourist-Informationen der Kurorte und von Verbandsmitgliedern habe der Tourismusverband seit gut 25 Jahren die Beherbergungsstatistik für den Landkreis Gotha erstellt.

Landkreis Gotha
Zwar habe sich auch 2020 an der herausgehoben Positionierung des Landkreises im Thüringer Übernachtungstourismus nichts geändert: Der Landkreis belege Platz 1 bei der Übernachtungszahl und Platz 3 bei der Anzahl der Übernachtungsgäste.

Jedoch seien die Abstürze in den erfassten gewerblichen Betrieben (ab 10 Betten) gegenüber 2019 desaströs. Und das betreffe alle Thüringer Kreise und kreisfreien Städte.

2020 habe es im Landkreis Gotha fast 333.000 Übernachtungen weniger gegeben als 2019. Das sei ein Verlust von knapp 40 %. Um knapp 42 % (ca. 146.400) sei die Zahl der Ankünfte gesunken. „Damit bewegeen sich die Zahlen von Übernachtungen und Gästeankünften im Corona-Jahr 2020 auf dem Level Mitte der 1990er Jahre.“ Drastischer habe es allerdings in Weimar und Erfurt ausgesehen, so die Geschäftsführerin.

Es habe aber auch „Gewinner“ gegeben, so die Geschäftsführerin.
Das seien die Campingplätze: Bei den drei erfassten Campingplätzen stiegen die Übernachtungen insgesamt um 40,5 % und die Zahl der Campinggäste um 23,5 %.

Eine ähnliche Entwicklung verzeichneten die Kurorte bei den Privatvermietungen, da hier durch die Erhebung des Kurbeitrages auch die Übernachtungs- und Gästezahlen in Ferienwohnungen, Ferienhäusern und Gästezimmern erfasst werden.


So stiegen in Bad Tabarz, Friedrichroda/Finsterbergen und Tambach-Dietharz die Zahl der Übernachtungen um 20,8 % und die der Ankünfte um 27,8 %. Ursache dafür war das Gästeverhalten, da sehr viele eine Ferienunterkunft buchten, in der sie sich separieren konnten.

Die zusammengefassten Ergebnisse der drei Beherbergungsarten
Hotels, Pensionsbetriebe, die Campingplätze und Privatvermieter haben im Landkreis Gotha einen Rückgang von 30 % bei Übernachtungen und um 38,5 % bei den Ankünften gegenüber 2019 hinnehmen müssen.
Allerdings blieben Gäste länger, denn mit einer Ausnahme (Waltershausen) hat sich in allen Orten die durchschnittliche Aufenthaltsdauer zum Teile deutlich erhöht bzw. ist gleich geblieben.

Übernachtungstourismus in ausgewählten Orten im Landkreis Gotha
Aus dem Landkreis Gotha werden in der Beherbergungsstatistik des Thüringer Landesamts für Statistik (TLS) lediglich elf Städte und Gemeinden erfasst.
Die entsprechenden Zahlen beziehen sich ausschließlich auf gewerbliche Betriebe ab 10 Betten einschließlich der Reha- und Kurkliniken. Aus den Gemeinden im Nordkreis und v. a. der VG Fahner Höhe, die über mehrere Beherbergungsbetriebe verfügt, werden leider keine touristischen Daten erhoben.


Die höchsten Verluste habe Gotha verzeichnen müssen: „Ursache ist zum einen, dass Gruppenreisen nahezu vollständig ausblieben. Auch zwischen Mai und Oktober hielten sich Reiseveranstalter deutlich zurück, da ihre eigenen Angebote nur spärlich gebucht wurden. Zum anderen brach der Geschäftsreiseverkehr, der einen hohen Anteil der Hotelbelegungen ausmacht, ein. Wenngleich es für diesen Bereich zu keinem Zeitpunkt ein Beherbergungsverbot gab, führten Firmen ihre Tagungen mehrheitlich online durch“, erläutert Bettina Aschenbrenner.

Diese Entwicklung habe alle größeren Städte in Thüringen wie Erfurt, Weimar, oder Eisenach betroffen und dies gelte auch für die Gemeinde Nesse-Apfelstädt: „Hier gibt es nur ein größeres Hotel, dessen Geschäftsfelder – auch auf Grund seiner Nähe zu Erfurt – in starkem Maße auf Gruppen- und Geschäftsreisen ausgerichtet sind.“

Schmerzlich seien die Verluste für Friedrichroda und seinem Ortsteil Finsterbergen gewesen. Die ökonomische Grundlage der Kurstadt sei nun einmal die Tourismuswirtschaft. Friedrichroda habe mit Abstand die meisten Ferienhotels und mit ca. 2.200 Gästebetten (davon gut ein Drittel im „Ahorn Berghotel“) auch die höchste Beherbergungskapazität im Landkreis und den meisten Teilen Thüringens. Daher seien Übernachtungseinbrüche von knapp 34 % und ein Rückgang der Übernachtungsgäste um gut 43 % für den Ort ein wirtschaftliches Desaster.

Auch für Bad Tabarz wäre der Tourismus im Grunde die einzige wirtschaftliche Grundlage des Ortes. Dass hier im Unterschied zu den anderen Ortender Rückgang der Übernachtungszahlen deutlich geringer ausgefallen seien (knapp 18 %), sei den beiden Reha-Kliniken zu verdanken. Deren Belegung mache seit jeher weit über die Hälfte des Übernachtungsaufkommens aus. Für das Kurbad wären sie ein entscheidender Standortfaktor, der auch bedeutende touristische Effekte für die Gemeinde mit sich bringe. Klassische Beherbergungsbetriebe seien die Kliniken jedoch nicht und habe daher keine Beeinträchtigungen durch den Lockdown erlitten.

Differenziert zu bewerten seien auch die 2020er-Zahlen von Georgenthal. Der Erholungsort sei der einzige im Landkreis, der seine Übernachtungszahlen gegenüber 2019 um gut 11 % steigerte. Allerdings entsprechen diese ziemlich genau denen aus 2018, denn 2019 war das bislang schwächste Jahr in der Georgenthaler Beherbergungsstatistik.

Im Unterschied zu den anderen Kurorten sei für Tambach-Dietharz der Tourismus nur ein wirtschaftliches Standbein: „Wenngleich auch hier die Gesamtzahlen von Übernachtungen und Übernachtungsgästen in 2020 abgestürzt sind, stiegen die der ausländischen Gäste deutlich. Jedoch waren diese mehrheitlich Geschäftsreisende“, erläuterte Bettina Aschenbrenner.

Gleiches träfe auf Ohrdruf zu. Zwar sei die prozentuale Steigerung bei den ausländischen Gästen auf den ersten Blick hoch. „Allerdings bewegen sich die Vergleichswerte aus dem Vorjahr auf einem sehr niedrigem Niveau.“

Thüringer Reisegebiete
Wie sehr sich die Schließungen und Einschränkungen auf den Beherbergungstourismus auswirkten, zeige auch die Vergleichsübersicht der neun Thüringer Reisegebiete (2).

Am härtesten habe es die Thüringer Städte (Erfurt, Eisenach, Weimar und Jena) mit einem Rückgang der Ankünfte um 48 % und bei den Übernachtungen um 46,7 % getroffen. Das ist fast die Hälfte des Gäste- und Übernachtungsaufkommens gegenüber 2019.

Im Reisegebiet Thüringer Wald, dem auch der nahezu komplette Landkreis Gotha zugeordnet wird, sank die Zahl der Übernachtungsgäste um 38,1 % und die der Übernachtungen um 46,7 % gegenüber dem Vorjahr.
Vor diesem Hintergrund sei es daher auch nur ein schwacher Trost, dass der Landkreis Gotha – würde er als separates Reisegebiet geführt werden – im Beherbergungs-Ranking der neun Gebiete nach wie vor Platz 3 nach dem Thüringer Wald und den Thüringer Städten einnehmen.

Fazit
Dr. Bettina Aschenbrenner zog folgende Bilanz: „2020 waren die mehrmonatigen Schließungen und Einschränkungen für den Tourismus der ultimative Härtefall mit bislang noch völlig offenem Ergebnis. Dies betraf und betrifft auch alle gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bereiche, von denen der Tourismus profitiert bzw. die von ihm profitieren. Ganz besonders für die Kurorte ist der Erhalt und die enge Verzahnung dieser ,Abhängigkeitsverhältnisse‘ existenziell.“

Da sich im Corona-Jahr Nr. 2 die gleiche Entwicklung abzeichnet, werde man erst ab 2022 einschätzen können, ob bzw. welche langfristigen Auswirkungen die Pandemie auf unsere Beherbergungs- und Gastronomiebetriebe sowie die gesamte touristische Infrastruktur haben werde.

Andererseits habe Corona dem Urlaub in Deutschland zu einem großen Aufschwung verholfen, was alle deutschen Reiseregionen betroffen habe. „Bedenkt man, dass unsere Beherbergungen nur 24 von 52 Wochen für touristisch Reisende öffnen durften, war – gemessen am Vorjahreszeitraum – ihre Auslastung hoch bis sehr hoch. Zudem blieben die Gäste länger. Viele von ihnen haben Thüringen und den Landkreis Gotha als Reise- und nicht nur als Durchreisegebiet entdeckt und für nicht wenige war es das berühmte erste Mal.“

Von dieser Tatsache verspreche sie sich nachhaltige und positive Effekte für die kommenden Jahre und nicht nur für die Tourismus- und Freizeitwirtschaft, sondern auch für Handel, Dienstleistungen und besonders auch für unsere kulturellen Einrichtungen.

Legende:
(1) 2017 führte der Tourismusverband eine Befragung aller Tourist-Informationen, Stadt- und Gemeindeverwaltungen im Landkreis durch, um den Bestand des touristischen Beherbergungsangebotes aller Kategorien zu ermitteln. Danach verfügte der Landkreis über 434 Anbieter (Hotel, Herberge, Pension, Ferienhäuser/Fereinwohnungen, Gästezimmer) mit insgesamt 7.176 Gästebetten. Hinzu kamen fünf Campingplätze und ein größerer Caravan-Stellplatz mit insgesamt 611 Stellplätzen für Zelte, Wohnmobile und Caravans.

(2) 2013 teilte das Thüringer Wirtschaftsministerium den Freistaat in 10 Reisegebiete ein. 2018 wurden Südharz und Kyffhäuser als ein Reisegebiet zusammengefasst.

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