Döbel (FDP) kritisiert Chef der Thüringer Arbeitsagentur Markus Behrens

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Der FDP-Kreisvorsitzende Christian Döbel. Foto: "Oscar am Freitag"-TV

Waltershausen (red/d, 30. April). Christian Döbel, der Vorsitzende des Gothaer Kreisverbandes der Freien Demokraten, ist sauer über Aussagen des Chefs der Arbeitsagenturen Markus Behrens: „Die Lösung des Fachkräfteproblems immer wieder in verstärkter Zuwanderung zu sehen, ist aus meiner Sicht nicht nur der falsch, sondern auch gefährlich für die Wirtschaft und den sozialen Frieden in Thüringen.“

Der Professor für Automatisierungs- und Regelungstechnik an der Dualen Hochschule in Eisenach ergänzt: „Mein Argument seit Jahren: Wir müssen mehr diejenigen Berufe ausbilden, die auch benötigt werden. Darauf sollten sich die Arbeitsagenturen konzentrieren – die sinnvolle Lenkung bei der Berufswahl unserer Kinder.“

Den Beweis sieht der Hochschullehrer, der auch dem Landespräsidium der FDP Thüringen
angehört, tagtäglich bei seiner Arbeit. Die Ausbildungszahlen in den Berufen, die am
dringendsten gesucht werden, gehen seit Jahren zurück. Eine Ursache sieht der Vater dreier schulpflichtiger Töchter in der mangelnden Aufklärung der Eltern. „Wir Hochschullehrer investieren inzwischen immer mehr Zeit in die Berufsberatung auf Messen, eigenen Veranstaltungen und Schulprojekten. Nicht wenige Eltern sind erschreckend wenig über den Arbeitsmarkt von heute und dessen Entwicklung in den nächsten zwanzig Jahren informiert.“

Ein zweiter Grund ist für Döbel die viel zu fokussierte Ausrichtung auf die Wünsche der
Schülerinnen und Schüler. In der neunten oder zehnten Klasse brauchen die Kinder aus seiner Sicht eine qualifizierte und führende Beratung und nicht Förderprogramme, die manchmal nur der Förderung wegen existieren. Stattdessen werden Berufe immer wieder eher nach der Gießkanne empfohlen. „Vor einigen Wochen informierte ich über unser Studienangebot auf einer Berufsmesse in Erfurt. Der großen Mehrheit der Schülerinnen und Schüler wurden im Vorfeld Berufe empfohlen, die es mit großer Wahrscheinlichkeit in 10 oder 20 Jahren gar nicht mehr geben wird!“, empört sich Döbel über seine praktischen Erfahrungen. Auch der von der Politik vorangetriebene gesellschaftliche Trend hin zu immer mehr Oberflächlichkeit sei hier nicht hilfreich.

Und der dritte Grund, die der ehrenamtliche Politiker auch an seiner Hochschule an den
Abbrecherquoten sieht, ist eine völlig falsche Vorstellung von Berufen. Hier wünscht sich der Professor und Studienrichtungsleiter, dass auch die Berater und Lehrer mal in einigen Berufen Praktika durchführen würden.

Um diesen Missständen entgegenzuwirken, arbeitet der Waltershäuser mit einigen
Bildungsträgern thüringenweit bereits zusammen. Als eine Säule wünscht er sich
polytechnischen Unterricht an allen Schulen in Thüringen. „Einige Projekte sind bereits gestartet, aber die Betonung sollte auf einem unterrichtsintegrierten pädagogische Konzept
in Zusammenarbeit mit den regionalen Unternehmen liegen, nicht bloß am Reinschnuppern.“

Die zweite Säule wären qualifizierte Beratungen über die Berufe, die auch in einer Generation noch gefragt sind. „Junge Menschen wollen sich auf Basis ihrer Ausbildung auch entwickeln, Familien gründen und eine Existenz aufbauen können.“ Seinen Fachbereich der Automatisierungstechnik sieht er als eine der Schlüsselqualifikationen der Zukunft, denn
sie gibt den Trend im Maschinenbau, den Pflegeeinrichtungen, dem Bauwesen und vielen
anderen Lebensbereichen immer stärker vor. „Es gibt schlichtweg keinen Lebensbereich, den wir auslassen können, wenn wir unseren Lebensstandard in Thüringen halten wollen.“ Aber auch viele andere Bereiche, wie etwa die Pflege, müssen viel stärker in den Vordergrund rücken.

Und als dritte Säule empfiehlt er eine permanente Möglichkeit zur Weiterbildung. Hier sollten alle Hochschulen ihre Studiengänge auch als Weiterbildungsmöglichkeit für unterschiedliche Lebenslagen anbieten und die Landesregierung entsprechende Programme für berufsbegleitende Maßnahmen für sämtliche Ausbildungs- und akademische Berufe kreieren.

Die stetige Diskussion um die vermehrte Einwanderung ist deshalb für ihn eine Sackgasse.
„Natürlich sind wir ein weltoffenes Land, in dem sich zugewanderte Arbeitskräfte wohl
fühlen sollen.“ Doch die Argumentation der Arbeitsagenturen verdeckt die eigentlichen
Fehler. Seit der Wende gibt es keine wirkliche Steuerung der Ausbildung mehr. Das habe dazu geführt, dass in wertschöpfenden Berufen etwa die Ausbildungszahlen immer weiter
zurückgehen, was Döbel an seinen Ingenieurstudenten spürt. Dabei suchen die Unternehmen händeringend, doch Schülerinnen und Schüler würden sich durch mangelnde Aufklärung immer öfter für nicht wertschöpfende oder gesellschaftsrelevante Tätigkeiten entscheiden.

Eine Gefahr sieht der Liberale mittelfristig aber auch für die Wirtschaft: „Wenn ein Volk
verlernt, sich selbst zu helfen, sind die Forderungen der Arbeitsagenturen nur kurzfristige
Augenwischerei. Deshalb ist die Zuwanderung maximal ein nützlicher Baustein, aber
niemals die Lösung des Problems, das die falsche Politik in Thüringen in den letzten
Jahrzehnten verursacht hat.“

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