Fahrt endete im Krankenhaus

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Im vergangenen Jahr wurden der Nahverkehrsgesellschaft JeNah allein fünf Unfälle aufgrund plötzlich schließender Straßenbahntüren gemeldet. Die Dunkelziffer ist weitaus größer. Anfang November erwischte es auch Ingeborg Keiner. Die 74-Jährige wurde dabei schwer verletzt und musste im Klinikum behandelt werden. Nun hat sich ihr Lebensgefährte Bodo Häfner an die Oscar-Redaktion gewendet.

9. November 2010, 14 Uhr. Ingeborg Keiner, Rentnerin aus Jena, wartet an der Haltestelle Altenburger Straße auf die Straßenbahn.  Das Verkehrsmittel Marke Bombardier rollt an. Türen auf, Gäste raus, Gäste rein. Dann will auch Ingeborg Keiner einsteigen. Routine! Kein Grund für besondere Achtsamkeit. Bis die 74-Jährige von der automatisch schließenden Straßenbahntür überrascht, gequetscht und wieder ausgespuckt wird. Beim Sturz aufs Pflaster zieht sich Ingeborg Keiner einen Oberarm- und einen Beckenbruch zu. Ihr Tag endet im Klinikum!

Dass dieser Unfall keine Seltenheit ist, behauptet Bodo Häfner. Der Lebensgefährte der schwer verletzten Rentnerin ist außer sich. Für ihn sind die plötzlich schließenden Straßenbahntüren ein technisches Problem, das „unbedingt gelöst werden muss“. Der ehemalige Konstrukteur von Carl Zeiss Jena schlug in der vergangenen Woche in der Oscar-Redaktion auf. Er sei Zeuge ähnlicher Unfälle und kenne weitere Opfer: „Eine Bekannte erlitt einen Handbruch beim plötzlichen Schließen der Tür, eine andere Bekannte wurde ebenfalls eingeklemmt und musste so mehrere Schritte neben der Bahn herlaufen und einem Fahrgast wurde beim Einsteigen durch das plötzliche Schließen der Tür das Brillengestell demoliert.“

Für Häfner unhaltbare Zustände. Der Rentner poltert: „Da kann doch nicht plötzlich ohne Vorankündigung die Tür geschlossen werden.“ Auch der Hinweis „Türen schließen automatisch“ an jeder Tür sei eine Farce und habe auf den Sicherheitsgewinn keinen Einfluss. Außerdem fragt der 73-Jährige verärgert, warum heute beim Schließen der Türen kaum noch ein Signal ertönt. „Bei den früher von Bomdardier hergestellten Straßenbahnen signalisiert schließlich auch ein Warnsignal die Abfahrt.“ Heute übernehme eine fragwürdige Automatik ohne Warnsignal die Sicherheitsfunktion, so der Rentner. Er will wissen, ob den Verantwortlichen der Jenaer Nahverkehr GmbH diese Tatsache zehn Jahre nach der Inbetriebnahme der Straßenbahnen noch fremd ist.

Winfried Müller von den Verkehrsbetrieben JeNah ist den Unfällen ebenfalls nachgegangen und erklärt: „Die Türen wurden überprüft. Dabei wurden aber keine Störungen festgestellt!“  Auch Lothar Kruse, stellvertretender Abteilungsleiter im Bereich Verkehr, kennt die Problematik. Widerspricht aber: „Eingeklemmt wird bei uns niemand.“ Kruse argumentiert: „Das sind Fälle, in denen meist ältere Leute von der Tür beim Schließvorgang berührt werden, erschrecken und in die Bahn rein- oder aus der Bahn rausfallen.“ Und: „Wir empfehlen den älteren Fahrgästen, die vordere Tür, gleich neben dem Fahrer, zu nutzen“, so Kruse. Der Verkehrsexperte ist bereits seit 1974 bei den Verkehrsbetrieben und hat seine Laufbahn als Busfahrer begonnen. „Der Fahrer hat die vordere Tür besser im Blick und kann diese beeinflussen.“

Außerdem erfolge bei vielen Gästen der Ausstieg erst ziemlich spät.

Publiziert: 26. April 2011, 07.08 Uhr

Veröffentlicht im Jenaer Lokalmagazin „Oscar am Freitag“ am 23. April 2011