Schreckgespenst Lebensmittelindustrie: Wie wir die Kontrolle über unsere Ernährung zurückgewinnen

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Chris Methmann (Foto: Sabrina Weniger/foodwatch)

Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte: In seinem Buch „Bad Food – Wie wir die Kontrolle über unsere Ernährung zurückgewinnen“ (Ullstein, 23 Euro) erläutert Dr. Chris Methmann (45), Geschäftsführer der Verbraucherschutzorganisation foodwatch, wie Verbraucher gezielt verunsichert und gegeneinander ausgespielt werden und die Lebensmittelkonzerne von den angeheizten Debatten profitieren. Gezeigt wird auch, wie man sich wehren kann. Ein Gespräch.

von André Wesche

Herr Methmann, kaum ein Bereich des täglichen Lebens ist emotional so aufgeladen wie die Ernährung. Mit welchen Gefühlen haben Sie jüngst die Querelen um eine geplante Zuckersteuer verfolgt?

Ich war ehrlich gesagt genervt, weil ich mich gefragt habe, ob wir schon wieder darüber streiten müssen. Wir haben uns nach langem Ringen auf eine Lösung geeinigt. Dann wird sofort wieder ein Streit aufgebauscht und es heißt, das Konzept sei übergriffig. Natürlich wäre es besser, wenn man nicht die ganze Welt mit Süßstoffen flutet. Die sind auch bedenklich, da besteht noch viel Forschungsbedarf. Bei Zucker wissen wir ganz genau, warum er schädlich ist und was er anrichtet. Deswegen sollten wir nicht anfangen, das Bessere gegen das Gute auszuspielen. Ich finde, dass man es so, wie es ursprünglich angedacht war, einfach mal umsetzen sollte.

Warum war jetzt der richtige Zeitpunkt gekommen, dieses Buch zu schreiben?

Ich beschäftige mich seit einer Weile mit Ernährungspolitik und Politik generell. Was mich wirklich besorgt, ist genau das, was wir jetzt bei dieser Zuckersteuer-Diskussion gesehen haben. Als Gesellschaft geraten wir sehr schnell in eine wahnsinnig polarisierte Diskussion über Ernährung. Was die Industrie sonst macht, um Regulierungen abzuwenden, kennen wir von anderen Industrien, wie zum Beispiel der Tabakindustrie. Die säen Zweifel und behaupten auf Basis eigener Publikationen, dass alles nicht so schlimm sei. Und sie machen klassischen Lobbyismus. Neu ist, dass sie Streit säen und uns als Gesellschaft gegeneinander aufhetzen. Damit will ich nicht sagen, dass in erster Linie die Lebensmittelindustrie verantwortlich ist. Was ich beobachtet habe, ist, dass gerade Ernährung zu einem politischen Instrument gemacht wird. Politikerinnen und Politiker nutzen dieses Thema, um sich in eine bestimmte Richtung zu profilieren und die eigenen Anhänger aufzuhetzen. Dabei geht es ihnen aber gar nicht um Ernährung, sondern um Machterhalt, Machtgewinn, Reichweite und Aufmerksamkeit. Dem musste ich nachgehen, deswegen habe ich ein Buch dazu geschrieben.

Sie entwerfen das Szenario eines Kampfes der Kulturen, der sich vor unseren Augen abspielt. Wer steht sich hier feindselig gegenüber?

Jeder kennt dieses Thema Fleisch versus vegan oder vegetarisch. Das führt auch an vielen Weihnachtsabenden zu erhitzten Diskussionen in Familienkreisen. Das findet auf der Oberfläche statt. Wenn man unter die Oberfläche schaut, stellt man fest, dass gerade vom Spektrum rechts der politischen Mitte bewusst solche Diskussionen vom Zaun gebrochen werden, die unsere Alltagswelt berühren. Man sieht, dass eben jeder eine Meinung dazu hat. Ich habe ja auch keinen Bock, mir von irgendjemandem sagen zu lassen, was ich essen oder was ich nicht essen soll. Wenn ich den Eindruck erwecke, dass mir irgendjemand mein Schnitzel verbieten will, dann sind die Leute sofort auf der Zinne. Das ist das Kalkül. Dem gegenüber stehen diejenigen, die sich entschieden haben, kein Fleisch zu essen, und die sich dann getroffen und angegriffen fühlen. Die sagen dann: „Nein, ihr seid das Problem! Ihr esst so viel Fleisch, dass ihr euch selbst krank macht. Das kann uns egal sein. Aber vor allen Dingen richtet ihr den Planeten zugrunde und die Tiere leiden.“ Das schaukelt sich dann hoch. Diejenigen, die diesen Streit angefangen haben, sagen: „Der Plan ist aufgegangen, super, jetzt streiten sich wieder alle und wir spalten die politische Mitte.“

Sie verorten die größten Probleme im rechten politischen Spektrum. Sieht es auf der linken Seite tatsächlich besser aus?

Das muss man differenzieren. Ich kenne keine linke Strategie, die darauf zielt, Streit ums Essen anzuzetteln. Von der Rechten gibt es das ganz bewusst. Das findet man im Internet, aber auch im Strategiepapier der AfD. Man muss klar benennen, von wem das ausgeht. Um das Ganze nicht zu einseitig zu betrachten, würde ich mir aber manchmal ein bisschen weniger Selbstgewissheit und Selbstgerechtigkeit auf der Seite der politischen Linken wünschen. Da gibt es ab und zu Leute, die meinen, besser zu wissen, wie man sich ernähren soll und die den anderen den erhobenen Zeigefinger präsentieren. Das ist ganz schlecht, weil keiner von uns Lust darauf hat, sich belehren zu lassen. Meine Vermutung ist aber, dass wir ganz oft mit einem Zerrbild der Zeigefinger-Aktivisten herumlaufen. In meinem Umfeld, treffe ich die oft gar nicht. Die Veganer, die uns sagen, dass wir alle kein Fleisch mehr essen sollten. Wo sind Sie? Ich finde sie selten.

Die Politik setzt auf Eigenverantwortung des Bürgers und Regulierung durch den Markt. Warum kann das nicht funktionieren?

Wir als Verbraucherinnen und Verbraucher stehen einer milliardenschweren Industrie gegenüber, die an ganz vielen Stellen ihre Hebel ansetzt, um unsere Ernährung zu beeinflussen. Die Lebensmittelindustrie gibt wahnsinnig viel Geld aus, um zu erforschen, welche Rezepturen uns dazu bringen, immer mehr zu essen. Wir essen nicht nur, weil wir Hunger haben. Das wissen die meisten von uns. Wir essen abends auch mal eine Tüte Chips und fragen uns danach, warum sie leer und was da passiert ist. Das passiert nicht, weil wir schlechte Menschen sind oder weil wir uns nicht im Griff haben, sondern weil wir einer Industrie gegenüberstehen, die das seit Jahrzehnten perfektioniert. Das geht weiter mit dem Marketing.

Inwiefern?

Es gab zum Beispiel Fußballstars, die für Nutella-Creme Werbung machen, wobei das ein Widerspruch in sich ist. Ich gönne jedem sein Nutella, das ist nicht der Punkt. Aber ich kann nicht den Eindruck erwecken, dass das eine sportliche Ernährung sei. Natürlich kann jeder mal ein bisschen Nutella essen, kein Thema. Aber das sind die Tricks, denen wir gegenüberstehen. Man kann da noch viel weitergehen, ich habe jetzt nur diese paar Beispiele genannt. Am Ende kann das jede und jeder selbst entscheiden. Aber wir haben auch noch ein Leben, einen Job, die Familie und unsere Hobbys. Ich beschäftige mich ja nicht den ganzen Tag nur mit meiner Ernährung und damit, welche Tricks mich schon wieder irgendwie beeinflussen. Willenskraft ist endlich. Am Ende des Tages erliege ich der Tüte Chips.

Sie schreiben auch über eine Mitbeteiligung der Nahrungsmittelindustrie an der Inflation.

Wir erleben es gerade in diesen Krisenzeiten, dass die Lebensmittelindustrie sehr schnell dabei ist, Preise zu erhöhen. Wenn man auch nur am Horizont sieht, dass sich die Weizenpreise erhöhen könnten, weil es irgendwo auf der Welt eine Krise gibt oder man Missernten hatte, werden vorsorglich schon mal die Preise erhöht. Wenn die Rohstoffpreise dann wieder sinken, sinken nicht unbedingt die Preise im Supermarkt. Das hat auch damit zu tun, dass sich der Lebensmittelmarkt in Deutschland im Prinzip auf vier große Konzerne aufteilt. Das ist eine sehr hohe Konzentration. Aldi, Lidl, Edeka und Rewe haben eine enorme Marktmacht. Das geht dann weiter mit Herstellern, die diese Krisen für die sogenannte Shrinkflation nutzen. Die Produkte haben weniger Inhalt, kosten aber das gleiche oder sogar mehr. Das wird gern genutzt und fällt bei den vielen Produkten, die ich beim Wocheneinkauf in meinen Einkaufskorb stelle, oft gar nicht auf.

Welche Aufgaben würden Sie als Minister für Ernährung zuerst angehen?

Ich würde dafür sorgen, dass die Zuckersteuer wirklich kommt, weil wir aus anderen Ländern wissen, dass sie wirkt. Wichtig an dieser Stelle ist mir, ein Missverständnis aufzuklären. Es geht gar nicht so sehr darum, dass wir die Limo teurer machen wollen, damit weniger Leute Limo kaufen. Ich möchte dafür sorgen, dass die Unternehmen einen Anreiz haben, weniger Zucker in ihre Produkte zu mischen. Über die Jahre erleben wir in ganz vielen Bereichen, dass die Unternehmen sich gegenseitig hochschaukeln. Alle Menschen haben einen Drang nach Zucker, das ist so. Die Unternehmen merken einfach, dass sich ein Produkt umso besser verkauft, je süßer die Rezeptur ist. Deswegen gibt es einen Wettbewerb um den meisten Zucker. Ich möchte das zu einen Wettbewerb um den geringsten Zucker umdrehen. Das ist Nummer eins.

Und was käme dann?

Eine verpflichtende Lebensmittelampel für alle Produkte. Aus dem Supermarkt kennt man vielleicht den Nutri-Score. Der ist nicht perfekt, das will ich nicht sagen. Aber er zeigt uns auf einen Blick, ob dieses Produkt ausgewogen ist oder nicht. Das nutzen vor allem die Hersteller, die nicht viel zu verbergen haben. Wenn man die Hersteller, die schlechte Lebensmittel anbieten, dazu zwingen würde, das deutlich anzuzeigen, würde uns das wiederum allen helfen. Zum einen, weil wir im Supermarkt besser durchblicken, aber auch, weil wir die Hersteller dazu bringen, bessere Rezepturen auf den Markt zu bringen. Dann würden sie sich nämlich in einem Wettbewerb um die grünste Ampel befinden. Als Drittes würde ich die Mehrwertsteuer auf Obst und Gemüse streichen, als kleinen Beitrag zur Entlastung. Das ist kein großer Beitrag, aber ein Anreiz, die unverarbeiteten Lebensmittel günstiger zu machen.

Sie nennen viele Beispiele für Unternehmen, deren Praktiken zumindest zweifelhaft sind. Können Sie auch auf einen löblichen Fall verweisen?

Ich kann ein schönes Beispiel aus der Praxis nennen, das ich so erlebt habe. Ich muss dazu sagen, dass ich Lidl nicht in allen Belangen über den grünen Klee loben will. Die machen auch vieles falsch. Aber Lidl hat vor ein paar Wochen eine tolle Aktion gemacht, die meines Wissens nach die erste ihrer Art war. Sie haben „PAW Patrol“ Werbung gemacht. Das kritisieren wir normalerweise, weil Comic-Figuren auf ungesunde Lebensmittel gedruckt werden. In diesem Fall haben sie das aber auf Obst, Gemüse und gesunde Sachen gedruckt. Das ist ein schönes Beispiel. Häufig wird gesagt, dass man für nichts mehr werben dürfte. Das stimmt überhaupt nicht. Aber man kann auch mal für etwas Gesundes werben. Das würde ich als sehr positives Beispiel hervorheben.

Fühlen Sie sich manchmal wie ein Don Quixote, der gegen die Windmühlen der Industrie kämpft?

(lacht) Das würde ich nicht in so einer Absolutheit sagen, aber es erfordert schon Geduld. So würde ich das formulieren. Ich würde mir manchmal wünschen, dass Sachen schneller gehen. Die Probleme sind riesig. Ich habe mir aber angewöhnt, nicht immer auf die Probleme zu schauen, sondern auf das, was wir gemeinsam verändern können. Das ist tatsächlich etwas, was mir über diese 20 Jahre wahnsinnig viel Energie gegeben hat, diesen Kampf weiterzuführen. Ganz viele Leute schreiben uns bei foodwatch oder mir persönlich zu diesem Buch: „Hey, super, das gibt mir Hoffnung. Ich bin dabei und setze mich mit euch dafür ein.“ Das finde ich schön. Gerade in unseren heutigen Zeiten gibt es viele Gründe, schlechte Laune zu bekommen. Ich erlebe aber bei ganz vielen Menschen, dass sie das Gefühl haben, etwas tun und sich in der Demokratie für bestimmte Lösungen einbringen zu können. Das gibt Leuten gute Laune und Hoffnung. Allein das ist es wert.

Wird foodwatch häufig verklagt?

Nein, tatsächlich nicht. In der Zeit, in der ich da gewesen bin, ist das noch nicht vorgekommen. Das liegt daran, dass wir faktentechnisch sehr gründlich arbeiten, weil wir genau wissen, dass das Risiko sehr groß ist. Unternehmen müssen aber auch damit rechnen, dass das schlechte Presse gibt. Es ist kein sympathischer Move, uns zu verklagen.

Um eine Ihrer aktuellen Aktionen aufzugreifen: Private Labore müssen Salmonellen-Funde den Behörden melden. Ist es wahr, dass Alois Rainer, Bundesminister für Ernährung, Landwirtschaft und Heimat, diese Pflicht streichen möchte?

Ja, ich bin wirklich entsetzt. Das muss man sich mal vorstellen! Es gab diverse Lebensmittelskandale. Einige von uns erinnern sich vielleicht an den Dioxinskandal. Ein privates Labor fand Dioxin in einer Futtermittelprobe – und meldete das niemandem. Erst Monate später erfuhren Behörden davon. Da war das Gift schon in Futtertrögen von Hennen und Schweinen. Viele vergiftete Eier landeten in unsere Nahrung. Wie viele, weiß keiner. Der Aufschrei war groß und die Politik reagierte. Was ein Labor findet, muss seitdem auch die Behörde schnell erfahren, damit sie uns schützen kann. Das hat mehrere Jahre gut funktioniert. Jetzt sagt man, dass braucht doch keiner, kann man wieder streichen. Aber die Leute, die vor Ort für die Lebensmittelkontrollen in den Behörden zuständig sind, sagen, dass das eine ganz schlechte Idee ist. Trotzdem will Herr Rainer das machen. Ich habe den Verdacht, dass er da den Wunschzettel der Lebensmittelindustrie abarbeitet.

Fliesenstudio Arnold

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