Ein Fazit des Jahres in 20 Strophen – von Ulf Annel

0
1479
Arche-Urgestein Ulf Annel. Archivfoto: Die Arche

Zweizwanzig

Nun steh noch einmal auf, du Jahr,
und lass dich still betrachten.
Ach, warst du schön im Januar,
als wir uns Gutes dachten.

Silvester wünschten wir uns Glück,
Gesundheit und so Sachen.
Wir böllerten mit Himmelsblick
und ließen’s richtig krachen.

Mit Glatze schreckt‘ der Februar:
Die Wahl von Kemmerich!
Thüringen war in Gefahr,
Bernd Höcke freute sich.

Im wunderschönen Monat März,
als alle Knospen sprangen,
sind wegen Lockdown Nr. 1
die Türen zugegangen.

Das „Arche“-Kabarett geschlossen.
Theater, Kneipen: Geht zur Ruh‘!
Man(n) hätte sich bestimmt erschossen,
doch Baumärkte war’n ja nicht zu.

Und Supermärkte hatten offen,
es gab genügend Fleisch und Bier.
In den WCs von Schulen, Ämtern
langweilte sich das Klopapier.

April, April! Corona-Ferien?
Nicht so bei Arbeit in Fabrik.
Daheim die Teenies guckten Serien –
so manche wurden faul und dick.

Chorsingen war extrem gefährlich,
das Virus ritt auf Noten quer.
Chorsingen? Ehrlich auch entbehrlich:
Dann räumt die Räume lieber leer!

Aus Fenstern und von den Balkonen
Applaus für all die Relevanten.
Ein Lohnplus würde sich mehr lohnen
für Pfleger und die Kita-Tanten.

Frühling lässt sein blaues Band
in den Mai reinwehen,
Blaue, Braune – Hand in Hand
auf den Demos stehen.

Ob uns all das Billig-Fleisch
beim Discounter störte?
Doch Seuchen-Herd im Tönnies-Reich!?
Da spielten wir Empörte.

Der Deutschen Sommer-Reiselust
begrenzt. Man blieb zu Hause.
Das Land war schön auch im August –
für’s Klima Atempause.

Der Dax geht hoch, die freie Kunst
geht auch und zwar zugrunde.
Der Staat spendiert Konzernen die
nächste Geldspritzrunde.

Septober – Doppelmonat, schön!
Weit weg schien das Verderben.
Dann zweiter Lockdown und Vergeh’n,
rundum ein leises Sterben.

Blüm-„Rente-sicher“: Todesfall!
Wer ist uns noch geblieben?
Nicht Christo, Gottes Hand und Dall,
weg ist der Nullnullsieben.

Was, Trübsal? Nein, die Fischer singt.
Ist alles nicht so schlimm.
Wir gucken alte „Dschungelcamps“
und die Kardashian-Kim.

Jedoch das Leben ist nicht fair,
Comedians schau’n betroffen,
jetzt wird’s mit den Pointen schwer:
Der BER ist offen.

Es gibt noch Brot und Fußballspiel.
Trump trampelt immer leiser.
Der Winter kommt (das Jahr am Ziel),
doch wird es wohl kein weißer.

Das Jahr wird alt, wir sehen zu
wie es sogleich erkaltet.
Es war ein Schaltjahr, hätten wir’s
schon früher abgeschaltet!

Nun kriecht es weg, das alte Jahr,
ganz arm und krank und ranzig.
Fragt später jemand, wie es war:
Ach, geh mir weg! Zweizwanzig!

 

 

Fliesenstudio Arnold

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT