André Wesche im Gespräch mit Stefan Lukschy zum 100-jährigen Geburtstag von Loriot

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Mikrofon_Interview
Bild: Jorge Guillen / Pixabay

Loriot 100 – Ein Gespräch mit Stefan Lukschy

Am 12. November wäre Vicco von Bülow alias Loriot 100 Jahre alt geworden. Das Erste widmet dem begnadeten Komiker am 06.11. um 20:15 Uhr die Werkschau „LORIOT100”. Stefan Lukschy (75, „Pinky und der Millionenmops”) hat als Regieassistent, Editor und Ko-Regisseur an der legendären Loriot-Fernsehserie mitgewirkt, war ein enger Freund des Künstlers und hat das Buch „Der Glückliche schlägt keine Hunde. Ein Loriot-Porträt” veröffentlicht. Ein Gespräch mit dem Filmemacher über Nudeln, schiefe Bilder und zeitlosen Humor.

Herr Lukschy, Sie haben schon während Ihres Studiums für Loriot gearbeitet. Wie haben Sie sich kennengelernt?

Ich habe in Bremen bei Roland Gall, einem unserer Regiedozenten, Regieassistenz für einen Fernsehfilm gemacht. Natürlich hat mich interessiert, ob Radio Bremen vielleicht mal wieder einen Job für mich hätte. Sie sagten: Ja, vielleicht. Irgendwann bekam ich einen Anruf, in dem es hieß, Loriot würde seine Sendungen künftig in Bremen machen, und ich solle mich ihm vorstellen. Ich flog nach Bremen – damals tat man das noch von Berlin aus – und lernte ihn dort im Büro des Redakteurs Jürgen Breest kennen. Ich glaube, es war gegenseitige Sympathie von Anfang an. Ich war ohnehin schon großer Fan seiner Arbeiten und er mochte mich offensichtlich, sodass er es mit mir probierte.

Welche Aufgaben hatten Sie bei der legendären Fernsehserie „Loriot”?

Engagiert wurde ich zunächst als Regieassistent. Ich erzählte Loriot, dass ich meine Filme an der Deutschen Film- und Fernsehakademie in Berlin immer selbst geschnitten hatte, woraufhin er meinte, ich könne unsere Sketche doch auch schneiden. So wurde ich der Cutter der Sendungen, später dann aber zusätzlich so etwas wie sein Dramaturg. Wenn er neue Ideen für Sketche entwickelte, wurde ich eigentlich immer mit hinzugezogen und war eine Art Sparrings-Partner für ihn. Natürlich schrieb Loriot alles selbst, aber er hatte immer gerne Menschen um sich, denen er vertraute und mit denen er sich über seine neuen Ideen verständigen konnte. Dadurch wurde ich schließlich so etwas wie seine rechte Hand. Er hat ja in den Sketchen auch fast immer selbst gespielt. Deswegen war es hilfreich, jemanden an seiner Seite zu haben, der nicht nur ein Regieassistent im rein technischen Sinne war, sondern auch ein künstlerischer Mitarbeiter.

Herr von Bülow war bekannt für seinen Perfektionismus. Haben Sie manchmal darunter gelitten?

Nein, im Gegenteil. Manchmal haben wir uns sogar ergänzt. Zum Teil war das für das Team in Bremen eine Herausforderung. Es gab Momente, in denen er zufrieden mit bestimmten Dingen war und ich ihm zugeraunt habe: „Ich glaube, das kriegen wir noch schöner hin.“ Dann wurde es nochmal gemacht. Wir haben uns also auf eine für das Team gelegentlich anstrengende Weise positiv ergänzt. Ich selbst habe nie unter seiner Präzision gelitten. Ich muss aber auch sagen, dass es in den Teams, aber auch unter den Schauspielern, immer bessere und weniger gute Mitarbeiter gibt. Die wirklich guten waren glücklich, weil sie seinen Perfektionismus als Herausforderung und Chance begriffen haben, sich verbessern zu können. Die weniger guten, also die, die am liebsten immer schnell fertig werden wollten, fanden das eher mühsam und fragten: „Warum machen wir das nochmal? Das war doch schon gut.“ Sie haben nicht gesehen, dass es bei Loriot ein permanentes Ringen um eine möglichst hohe künstlerische Qualität war.

Welcher Sketch war besonders schwierig zu realisieren?

Der Sketch mit Loriot als Geschäftsmann mit der Bananenschale im Frankfurter Flughafen war sehr aufwendig und anstrengend, weil wir original vor Ort drehten. Die Idee der kleinen Geschichte ist, dass der Mann keinen Papierkorb findet, um seine zermatschte Banane zu entsorgen. Wir mussten erst einmal sämtliche Papierkörbe entfernen, die an allen Ecken und Enden herumstanden. Loriots Idee mangelte es also an einem gewissen Realismus, weil es tatsächlich in der Abflughalle überall Papierkörbe gab. Die mussten also alle aus dem Bild getragen werden, damit der Sketch überhaupt funktionierte. Natürlich war auch die Zimmerverwüstung, also „Das Bild hängt schief“, eine Herausforderung. Wir konnten viele Passagen nur einmal drehen, weil man sonst die ganze Dekoration wieder hätte aufbauen müssen. Es wurde glücklicherweise mit mehreren Kameras gedreht, und die Einstellungen war sehr detailliert geplant. So hat alles gut geklappt.

Haben Sie einen Lieblingssketch?

Lange Jahre war das „Der Astronaut“, der vor meiner Zeit mit Loriot entstanden ist, das Interview mit dem Astronauten, der sich in Wirklichkeit aber als Verwaltungsinspektor entpuppt. Als herauskam, dass das ein ins Deutsche übersetzter Sketch von John Cleese war, mochte ich ihn immer noch sehr, aber es war eben kein reiner Loriot-Sketch mehr. Einer meiner liebsten Sketche ist der mit dem brennenden Haus und dem Feuerwehrmann, der den Evakuierten, die dort im Schlafanzug auf der Straße stehen und irgendwie noch zwei Sachen aus ihrer zerstörten Wohnung gerettet haben, seine neue Hightech-Feuerspritze erklärt. Das ist wirklich wahnsinnig komisch. Das mag ich sehr, weil es ein so schöner, schwarzer Humor ist.

Gibt es eine besondere Anekdote aus dieser Zeit, an die Sie oft zurückdenken?

Es gab eine wunderbare Geschichte mit Bruno W. Pannek, der immer kleine Rollen spielte, schließlich auch in der letzten Sendung den Weihnachtsmann. Es war geplant, dass er einen komplizierten Witz erzählt: „Ein Deutscher, ein Däne und ein Holländer sitzen in Norwegen in einem italienischen Restaurant. Da sagt der Däne zu dem türkischen Ober: Na, Du alter Schwede?“ Danach sollte er laut auflachen. Herr Pannek kam ins Atelier, schaute sich um und sagte berlinisch: „Herr Lukschy, wo ist denn det Restaurant?“ „Welches Restaurant, Herr Pannek?“ „Naja, det Restaurant, wo die alle sitzen sollen.“ Pannek hatte schlichtweg nur den Satz „Na, Du alter Schwede?“ auswendig gelernt. Jetzt musste der arme Herr Pannek diesen ganzen komplizierten Witz innerhalb kürzester Zeit auswendig lernen. Das war schon eine sehr lustige Panne. Auch die Geschichte mit der Nudel war komisch, als das Nudelstück zum Schluss in einer Großaufnahme auf dem Espresso schwimmen sollte. Wir hatten das alles eingerichtet, Kameras und Licht, legten die Nudel auf den Kaffee, und sie ging unter wie eine bleierne Ente. Nudeln schwimmen eben nicht, die sind einfach schwerer als Espresso. Ich habe dann schnell aus einer beigefarbenen Zigaretten-Pappschachtel – damals habe ich noch geraucht – einen Nudel-Dummy gerollt und auf den Espresso gelegt. Was da schwimmt, ist also ein Teil einer Zigaretten-Packung und keine echte Nudel.

Sie waren eng mit Loriot befreundet. Über welche Themen abseits der Arbeit haben Sie gern gesprochen, was hat Sie bewegt?

Das, was uns wesentlich bewegt hat und was der Grundpfeiler unserer tiefen Freundschaft war, war die gemeinsame Liebe zur Musik. Zur klassischen Musik, zur Oper, zu Wagner, aber genauso auch zu Schubert, Bach, Mozart und Beethoven. Wir haben sehr viel über Musik gesprochen, und das hat eine große Nähe zwischen uns hergestellt. Es war ein Dauerthema. Wir sind auch oft zusammen ins Konzert oder in die Oper gegangen, auch in Bayreuth, vor allem aber in München und Berlin, und haben gemeinsam wunderbare Aufführungen erlebt.

Tatsächlich haben Sie auch Musik studiert.

Ja. Ich habe mal neben der Schule Musik studiert, weil ich ursprünglich Dirigent werden wollte. Loriot war sehr musikalisch, spielte aber selbst kein Instrument – außer dem Plattenspieler, wie er gern sagte. Er bewunderte es sehr, wenn sich jemand bei ihm ans Klavier setzte und einfach drauf losspielte. Ich konnte ihm dann bei ein paar Dingen behilflich sein, als es darum ging, dass er die Berliner Philharmoniker dirigieren sollte, beziehungsweise durfte. Dafür habe ich ihm das Dirigieren beigebracht. Er konnte ja auch keine Noten lesen, das konnte ich natürlich alles. Für solche Sachen war es sehr praktisch, dass er jemanden an seiner Seite hatte, der nicht nur etwas von Film verstand, sondern auch beim Thema Musik fachlich sachkundiger war als er.

Die meisten großen Komiker sind im privaten Leben ausgesprochen ernsthafte Menschen. Trifft das auch in diesem Fall zu?

Ja und nein. Loriot war jemand, mit dem man sehr ernste, tiefsinnige Gespräche über Philosophie, Literatur oder Geschichte führen konnte. Man musste aber immer damit rechnen, dass er plötzlich, aus heiterem Himmel, wahnsinnig komische Bemerkungen machte. Die öffentliche Figur Loriot war natürlich der Humorist, der in Interviews immer komisch sein musste, lustige Geschichten erzählte und pointiert antwortete. Privat war er durchaus ein nachdenklicher Mensch. Sehr gebildet, sehr intelligent, ein wunderbarer Zeitgenosse.

Wie haben Sie das Verhältnis zwischen Loriot und Evelyn Hamann hinter den Kulissen erlebt?

Das habe ich von Anfang an erlebt, weil ich dabei war, als sie entdeckt wurde. Wir suchten eigentlich eine kleine, dicke, deutsche Touristen-Mutti. Jürgen Breest, unser Redakteur, sagte uns, so jemanden hätten sie nicht am Bremer Theater, aus dessen Ensemble wir in der Regel die Schauspieler besetzten. Er meinte aber, es gäbe da eine sehr begabte junge Kollegin, die wir uns mal anschauen sollten. Zum Casting erschien dann eine gertenschlanke, hochgewachsene Evelyn Hamann, die eher wie ein Hippie-Mädchen aussah, als wie eine deutsche, spießige Touristen-Mutti. Sie machte ihre Sache in diesem ersten Sketch so gut, dass Loriot begeistert war und sie für die nächste Sendung gleich wieder besetzte. In der dritten Sendung hat er dann schon Texte extra für Sie geschrieben. Er schätzte einfach ihre große Präzision und Professionalität. Damals ist eine langjährige Arbeitsbeziehung entstanden. Die Beiden haben auch zusammen Lesereisen und Vortragsabende gemacht, und sie hat die weiblichen Hauptrollen in seinen zwei Kinofilmen gespielt. Es war ein freundschaftliches, aber immer eher professionell-freundschaftliches Verhältnis.

Was macht Ihrer Meinung nach das Zeitlose des Loriot-Humors aus?

Loriot hat das Wesen der Deutschen so wunderbar ergründet. Auch die unfreiwillige Komik, die in unserer Sprache steckt, Worte wie „Sitzgruppe“ oder „Auslegeware“. Man muss sich ja nur mal anschauen, wie kompliziert bis heute Gesetzesentwürfe heißen, diese endlosen zusammengesetzten Worte. Er hat entdeckt, dass da ein tiefer, komischer Kern drinsteckt und dass die Deutschen an sich schon ziemlich komisch sind. Und er hat es geschafft, dass wir über unsere eigene unfreiwillige Komik lachen lernten. Da seine Sachen schon damals einen gewissen Retro-Charme hatten und scheinbar veraltet daherkamen, sind sie danach auch nicht weiter gealtert und zeitlos geblieben. Es war immer ein eher altmodischer Humor, der auf das Komplizierte und Unelegante der deutschen Alltagssprache zielte. Deswegen funktioniert das bis heute, im Grunde genommen aber nur im deutschen Sprachraum. Außerhalb Deutschlands hat man immer mal wieder versucht, Loriot populär zu machen, leider nur mit eher bescheidenem Erfolg.

Auch der Mangel an Kommunikation ist ein wiederkehrendes und sehr aktuelles Thema.

Ja, Kommunikation, der Mangel daran, die Missverständnisse in Beziehungen, wobei er doch ein sehr traditionelles Geschlechterbild hatte. Aber die von ihm humoristisch gestalteten Missverständnisse in Beziehungen können natürlich genauso gut z.B. bei homosexuellen Paaren stattfinden. In Beziehungen gibt es wohl immer ähnliche Rollenverteilungen. Einer will z.B. immer aktiver sein, der andere weniger. Diese ganzen kleinen Missverständnisse haben eine große, zeitlose Allgemeingültigkeit.

Haben Sie auch an den beiden Loriot-Kinofilmen mitgewirkt?

Nein. Ich habe irgendwann beschlossen, meine eigenen Filme zu realisieren. Der Abschied von ihm fiel mir wirklich nicht leicht, und für ihn war es auch nicht schön, dass ihm einer seiner wichtigsten Mitarbeiter von der Stange ging. Ich hatte aber nicht an der Filmakademie Regie studiert, um lebenslang die rechte Hand von Loriot zu sein. Ich wollte meine eigenen Sachen machen. Wir haben dann sehr viel später für die Zusammenstellung der DVD-Editionen nochmal eine ganze Weile zusammengearbeitet. In unserer frühen Bremer Zeit ist aber eine große, langjährige, bis zu seinem Tod bestehende persönliche Freundschaft entstanden.

Wie werden Sie Loriots 100. Geburtstag begehen?

Vielleicht lese ich an dem Tag nochmal mein Buch über ihn, „Der Glückliche schlägt keine Hunde“ (lacht). Ich bin am Abend vorher mit Freunden verabredet, die alle große Loriot-Fans sind. Wir werden sicher um 12 Uhr auf ihn anstoßen. Am Geburtstag selbst werden meine Frau und ich seine Witwe Romi von Bülow anrufen. Ansonsten schauen wir mal, was noch kommt. Wir machen aber kein großes Loriot-Fest. Am nächsten Wochenende wird in Bremen die Dokumentation, die am 6.11. in der ARD läuft, nochmal vor großem Publikum gezeigt. Im Vorfeld ist schon so einiges los.

Die Fragen stellte André Wesche.

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