„Gotha hört Alexander Kluge“ – eine Bilanz

1
394
"Lesen und schreiben lernen/Buchstaben des Lebens".

Gotha (red, 23. Februar). Gothas Hauptbahnhof war jüngst Ort eines außergewöhnlichen Experiments – einer poetischen Intervention, wie deren Ideengeber und Organisator Dr. Christoph Mauny es nannte (wir berichteten).

Zu hören war der Träger des „Friedenstein“-Preises 2020 Alexander Kluge. Der Autor, Schriftsteller, Schauspieler, Filmemacher hatte ein 35 Minuten langes Stück mit dem Titel „Lesen und schreiben lernen/Buchstaben des Lebens“ eingesprochen, das auch seine Zeit 1938 in Gotha berührt. Dieser Monolog war tagsüber in Endlosschleife und für eine Woche im Bahnhof und auf dem Vorplatz zu hören – ein „Störsignal“, das Eilende zum Innehalten verführen sollte.

„Oscar am Freitag“-TV bat nun Dr. Christoph Mauny um ein Fazit:

Dr. Christoph Mauny im Interview vor Beginn der „poetischen Intervention“. Screenshot: OaF

Gab es in der Woche direkten Kontakt zwischen Ihnen oder Anderen aus dem Schloss und Menschen, die da auf und am Bahnhof unterwegs waren?
Ja, aber natürlich war das eher zufällig. Wir haben jetzt keine repräsentative Umfrage durchgeführt. Ich selbst war aber öfter vor Ort: Sei es, um gemeinsam mit dem Techniker die Lautstärke der Lesung zu regeln oder um noch Hinweisplakate an den Türen anzubringen, die nicht am ersten Tag da waren.
Das waren dann solche Momente, in denen wir sowohl von Reisenden angesprochen wurden – aber auch von jenen, die zum Beispiel im Kiosk etwas eingekauft hatten.
Eine Besonderheit war ein literarisch-biografischer Spaziergang für einen Deutsch-als-Fremdsprache-Kurs von der Friedrich-Schiller-Universität Jena.

Spielte da vor allem Neugier eine Rolle?

Auf jeden Fall. Viele waren neugierig und positiv zugewandt. Mein Lieblingsspruch in dem Zusammenhang stammt von jemanden, der auf dem Bahnhofsvorplatz stand und meinte: „Macht mal Musik drauf!“
Das fand ich schon stark, dass es wirklich positive Resonanzen gab, aber eben auch gewisse Irritationen: Im Grunde also genau das, was wir auch bezweckt hatten. Viele eilten zum Zug, manche blieben stehen und lauschten. Das war eine typische Rückmeldung: Man hört dieser Stimme, die von Alexander Kluge, gern zu, weil sie so vertrauensvoll klingt.

Glauben Sie, dass mancher auch ganz gezielt deshalb zum Bahnhof kam?
Davon gehe ich aus – wobei manche mit Blick auf das stürmische Wetter sicherlich dann doch zu Hause blieben.
Wir haben von der Deutschen Bahn die Information, dass vor Corona etwa 4.200 Bahnreisende täglich den Gothaer Bahnhof nutzten.
Nach Rücksprachen kann man aktuell immer noch von etwa 4.000 ein- und aussteigenden Fahrgästen pro Tag ausgehen. Damit hätten wir potenziell rund 28.000 Menschen in dieser Woche erreicht.
Diese Zahlen sind aber nicht das Entscheidende, sondern dass es eine ungewöhnliche, sinnliche Form der Intervention war, eine ungewöhnliche Form dessen, was „Museum“ auch alles sein kann.

Das klingt nach positiver Bilanz, nach Zufriedenheit?
Ja, dazu trägt aber auf jeden Fall auch die mediale Begleitung dieses Projektes bei. Das Video von „Oscar am Freitag“-TV war wirklich schön, tatsächlich ein filmästhetischer, qualitativ guter Beitrag, der geliefert wurde.
Auch die Besprechungen im Vorfeld durch die regionale Presse zwei Wochen vor Start und die beiden Beiträge im MDR-Rundfunk taten das Ihre. Sogar der Deutschlandfunk berichtete – und das kommt wahrlich nicht so oft vor, dass der nach Gotha kommt.

Gibt es nun öfter solche kulturellen, künstlerischen Interventionen im Gothaer Alltag?

Das gehört zumindest zentral zu unserem Vermittlungskonzept. Wir wollen das „Museum“ vom Berg herunterbringen, also die eigentliche Komfortzone verlassen. Es soll immer mal wieder ästhetische, kulturelle Bildungsaktionen im öffentlichen Raum geben.
Nicht jeder kommt ins Museum, nicht jeder hat Zeit. Deshalb wollen wir die Menschen verstärkt dort abholen, wo sie räumlich und gedanklich sind.
Man muss nicht unbedingt ins Museum gehen, um dessen Schätze erleben zu können oder an dessen Wissen teilhaben zu können. Darin liegt eine große Chance: So lässt sich Geschichte und Wissen mit Gegenwart und Alltag verbinden.
Wir sind jedenfalls alle neugierig und freuen uns auf solch neue Art, einander zu begegnen.

Vielen Dank fürs Interview und seien Sie versichert: Auch wir bleiben neugierig!

MSB Kommunikation

1 KOMMENTAR

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT