Gotha steht zu seinen „Mohren“

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Das "Volkshaus zum Mohren" ist eines der ältesten Gasthäuser Gothas und gehört zu den traditionsreichen Stätten der Arbeiterbewegung. Foto: ADN-ZB Ludwig, 16.5.1974

Gotha (red/PM/mm, 12. November). Eine Presseanfrage im Juli, die Veröffentlichung der Antwort im September und zwei darauffolgende E-Mails an die Stadtverwaltung nahm Oberbürgermeister Knut Kreuch zum Anlass, den Stadtrat mit der Frage zu befassen, ob im Zusammenhang der bundesweit geführten Diskussionen um Straßennamen im Kontext der (Anti)-Diskriminierung, die Namensgebung „Mohrenstraße“ und „Mohrenberg“ in Gotha beibehalten werden soll.

Stadthistoriker Dr. Alexander Krünes hat dazu diese beiden Straßennamen sehr intensiv betrachtet und dem Stadtrat ein Gutachten erstellt, in dem er das Zustandekommen der Straßenbenennung in der Residenzstadt analysiert hat.

Darin heißt es: „Die Straßennamen ‚Mohrenstraße‘ und ‚Mohrenberg‘ sind auf den ‚Gasthof zum Mohren‘ zurückzuführen. Weder die beiden Straßen noch der ‚Gasthof zum Mohren‘ (ab 1907 ‚Volkshaus zum Mohren‘) stehen in einem kolonialen Zusammenhang. Namentlich sind die Straßen in den archivalischen Quellen erstmals im Jahr 1858 konkret nachweisbar. Das Areal, wo die beiden Straßen verlaufen, gehörte ursprünglich zur sog. Erfurter Vorstadt und erhielt seine heutige Grundstruktur in der Mitte des 19. Jahrhunderts, als sich die Vorstädte Gothas – bedingt durch einen starken Bevölkerungsanstieg – immer weiter ausdehnten. Zuvor standen vor den Stadttoren nur wenige Häuser und Scheunen, die ausschließlich mit Nummern gekennzeichnet waren. Nach dem Rückbau der Stadtbefestigungsanlagen (1806 – 1811) und dem damit einhergehenden Ausbau der städtischen Infrastruktur wurde eine exakte Adressierung der nun weitaus zahlreicher vorhandenen Gebäude in den Vorstädten durch eindeutige Zuweisung mittels Straßennamen und Hausnummern unumgänglich. Es wurde deshalb 1856 der Plan gefasst, allen städtischen Wegen (einschließlich der kleinen Gassen) einen eindeutig zuordenbaren Straßennamen zu geben und die an den Straßen befindlichen Häuser mit einer unmittelbar zum Straßennamen zugehörigen Hausnummer zu versehen (Stadtarchiv Gotha, 1.1./1352: Acten des Stadtrathes zu Gotha die Regulierung der Haus=Nummern und Straßenbenennungen in hiesiger Stadt betr.). Im Zuge dieser Neuordnung des Gothaer Straßenverzeichnisses bekamen die direkt anliegenden Straßen am ‚Gasthof zum Mohren‘, darunter auch die ‚Mohrenstraße‘ und der ‚Mohrenberg‘, einen offiziellen Namen zugewiesen.

Der ‚Gasthof zum Mohren‘ selbst fand erstmals im Jahr 1661 in der in Erfurt erschienenen Schrift ‚Geographia Metrica Gothae‘ Erwähnung. Diese Publikation ist von dem aus Ohrdruf stammenden Rechtsgelehrten und kaiserlichem Notar Jeremias Wittich in lateinischer Sprache verfasst worden. Sie enthält zahlreiche Informationen zur Stadt Gotha, unter anderem auch zu den damals innerhalb und außerhalb der Stadtmauern befindlichen Herbergen. Darin heißt es (S. 8v): ‚Hospitia habet plurima, extra urbem ubi commedé divertes, est ad insigne Æthiopis […].‘ Der griechisch-lateinische Begriff ‚Æthiopis‘ entspricht dabei der deutschen Bezeichnung ‚Mohr‘.

Wie das Gebäude zu seinem Namen kam, ist unbekannt. Mit hoher Wahrscheinlichkeit steht die Namensgebung – wie auch andernorts in Deutschland – in Verbindung mit dem heiligen Mauritius. Der Legende nach wurde der heilige Mauritius im 3. Jh. n. Chr. bei Theben in Ägypten geboren. Er war Anführer der sog. Thebaischen Legion, die sich weigerte gegen die im römischen Reich lebenden Christen militärisch vorzugehen, woraufhin der Kaiser die völlige Vernichtung der Legion befahl. Die Verehrung dieses frühchristlichen Märtyrers setzte im deutschsprachigen Raum bereits im Frühmittelalter ein und gelangte schließlich im Hochmittelalter zur vollen Entfaltung. Vor allem Kaiser Otto I. beförderte im 10. Jahrhundert den Mauritiuskult in besonderem Maße und brachte die Verehrung des Heiligen und seiner Gefährten in den mitteldeutschen Raum. Er stiftete in Magdeburg das Mauritiuskloster (937) und erwarb mehrere Mauritiusreliquien, die er an verschiedene Klöster und Stifte verteilte. Nachdem es Otto 960/961 gelang, den vermeintlichen Leib des heiligen Mauritius in seinen Besitz zu bringen und nach Magdeburg zu überführen, wurde dieser in der Folgezeit zum besonderen Reichspatron der Ottonen. Zudem wurden die Heilige Lanze und Teile der Reichskleinodien auf Mauritius zurückgeführt, weshalb der Heilige als Schutzpatron aller Kaiser des Heiligen Römischen Reichs und auch des Reiches selbst galt. Von Magdeburg aus fand die Verehrung des heiligen Mauritius in Thüringen große Verbreitung und reichte über dynastische Verbindungen unter anderem bis nach Coburg, wo Mauritius zum Patron der dortigen Stadtkirche wurde. Daneben finden sich auch in Klöstern, beim Adel oder beim Bürgertum Hinweise auf die Kultpflege (Albert Josef Herzberg: Der heilige Mauritius. Ein Beitrag zur Geschichte der deutschen Mauritiusverehrung, Mainz 1981, S. 93 – 97).

In der Ikonographie wurde der heilige Mauritius von Anfang an als römischer Offizier in Rüstung dargestellt (meist in Kettenhemd und mit Schild und Lanze). In der Mitte des 13. Jahrhunderts änderte sich dann dessen äußeres Erscheinungsbild. Ab ca. 1250 erscheint er in der Kunst im mitteldeutschen Raum zunehmend als dunkelhäutig. Ab dem 14. Jahrhundert wird der heilige Mauritius in aller Regel als Mohr dargestellt. Er fand in dieser Darstellungsform sowohl Eingang in die Altarkunst als auch Verwendung als Wappenfigur auf den Schildern von Adelsgeschlechtern und Städten. Hierzu zählen unter anderem die Stadtwappen von Coburg und Zwickau sowie die Wappen der Adelsfamilien Wolffskeel und Grumbach. Zudem wurde sein Haupt (sog. ‚Mohrenkopf‘) auf Münzen geprägt, so auch im Gothaer Raum (Walter Hävernick: Der Hohlpfennigfund von Aspach, Kr. Gotha (um 1350/60), in: Mitteilungen des Vereins für Gothaische Geschichte und Altertumsforschung, 31 [1941], S. 27 – 33). All diese Darstellungen sind ausnahmslos positiv konnotiert. Der heilige Mauritius fand in allen Bevölkerungsgruppen hohen Zuspruch und entwickelte sich deshalb nicht nur zum Schutzpatron der Kaiser und diverser Adliger, sondern auch zum Schutzpatron aller mit dunkler Farbe praktizierender Handwerker, darunter Messer- und Waffenschmiede, Färber, Krämer, Hutmacher, Glasmaler, Salzsieder, Tuchweber und Wäscher. Außerdem wurde er zum Schutzheiligen des Heeres und der Pferde. Ferner wurde er angerufen, um Ohrenleiden und Gicht zu lindern und um kranke Kinder zu heilen.

Dieses überaus positive Bild des Mauritius bzw. des Mohren wurde auch nach Einführung der Reformation, als die Heiligenverehrung in den protestantischen Ländern abgeschafft wurde, beibehalten. Hierin dürfte schließlich auch der Grund liegen, warum in der Frühen Neuzeit (ca. 1500 – 1800) der Topos des ‚edlen Mohren‘ durchweg Bestand hatte. Besonderen Ausdruck fand dies in Gotha nicht zuletzt im Sozietätswesen des ausgehenden 18. Jahrhunderts. So konstituierte sich in den 1780er Jahren eine ‚Gesellschaft im Mohren‘, die sich nach einem umfassenden Umbau des ‚Gasthofes zum Mohren‘ im Jahr 1777 in einem der Seitengebäude einmietete (Friedrich Albert Klebe: Gotha und die umliegende Gegend, Gotha 1796, S. 145 f. u. 157 f.). Die Gesellschaft sah sich den Idealen der Aufklärung verpflichtet (Bildung, Menschen- und Bürgerrechte, Gemeinwohl etc.) und rekrutierte sich aus dem städtischen Bürgertum. Ende des 18. Jahrhunderts hatte sie bereits 150 Mitglieder. Daneben durften auch außerordentliche Mitglieder, etwa Kaufleute aus anderen Orten, die Gesellschaft besuchen. Wie in einem modernen Verein verfügte die Gesellschaft über einen Vorstand, einen Schriftführer und einen Schatzmeister. Laut zeitgenössischer Aussagen traf sich die Gesellschaft täglich. Dabei nutzten die Mitglieder die Räumlichkeiten im ‚Gasthof zum Mohren‘ sowie den am Haus befindlichen Garten zum geselligen Austausch. Dazu gehörten auch Diskussionen über aktuelle tagespolitische sowie gesellschaftliche und soziale Themen. Für den Informations- und Wissensaustausch stellte die Gesellschaft ihren Mitgliedern außerdem verschiedene Zeitungen und Bücher kostenfrei zur Lektüre in einem ihrer Räume zur Verfügung. Damit ist die ‚Gesellschaft im Mohren‘ eindeutig als sog. Aufklärungssozietät zu charakterisieren, die aufgrund ihrer Größe nicht nur innerhalb der Stadt, sondern auch außerhalb Gothas wahrgenommen wurde. Wie andere aufgeklärte Sozietäten beförderte die ‚Gesellschaft im Mohren‘ durch ihre Aktivitäten den Transformationsprozess von der ständischen zur bürgerlichen Gesellschaft. Damit steht der ‚Mohr‘ in Gotha unmittelbar in Verbindung mit dem Aufklärungsprozess in hiesiger Stadt, was auch in der städtischen Erinnerungskultur des 19. und 20. Jahrhunderts so wahrgenommen wurde. Eine Abwertung des Begriffes ‚Mohr‘ kann für Gotha ebenso in der Zeit des deutschen Kolonialismus und Imperialismus (1879 – 1918) nicht nachgewiesen werden. Auch der Erwerb des ‚Gasthofes zum Mohren‘ durch die lokale SPD in eben dieser Zeit und die Umbenennung des Gebäudekomplexes zum ‚Volkshaus zum Mohren‘ im Jahr 1907 änderte nichts an der grundsätzlich positiven Konnotation des hier verwendeten Mohrenbegriffes“.

Der Stadtrat entschied sich in seiner Sitzung am 11. November 2020 mehrheitlich für die Beibehaltung der Straßennahmen „Mohrenstraße“ und „Mohrenberg“ in Gotha.

 

 

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