Wenn Sehnsucht alle Grenzen überschreitet

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Der Freitag vorige Woche. 22.30 Uhr. Die Erfurter Messehalle. Eine zweieinhalbtausendköpfige Menschenschar klatscht und johlt, pfeift und jubelt, trampelt und will gar nicht damit aufhören. Ihre Begeisterung steckt an. Auch den Feuerwehrmann im Tunnel zwischen Parkett A und B. Er hatte die ganze Zeit seiner dunkelblauen Uniform Ehre erwiesen, war korrekte und aufmerksame Brandwache. Nun stand er da, mit einem verzückten Lächeln und applaudierte, applaudierte und applaudierte.

Denn das Feuer, das vorn auf der Bühne entzündet worden war, war keinesfalls bedrohlich für Leib und Leben von Jung und Alt auf den Tribünen. Im Gegenteil, es war gewollt, dass der Funke überspringt. Und wie er das tat – bei „Music in Motion“.

Was aber war das, was die Massen so euphorisch werden ließ?

Es musizierte ein traditionsreiches klassisches Orchester – aber ein Konzert war es nicht. Da trieben Basketballer ihr Sportgerät übers Parkett, angefeuert von Cheerleadern – nur gab es weder Punkte, noch einen sportlichen Sieger. Eine Primaballerina verzauberte mit ihrem Pas de deux – und doch war’s kein Ballett. Breakdancer zeigten phänomenale Körperbeherrschung bei ihren halsbrecherischen Nummern – so ganz ohne das übliche Drumherum eines Hip-Hop-Festivals.

Und zwischendurch klamaukten sich ein Brite mit koreanischen Wurzeln und ein in Deutschland aufgewachsener Russe auf Piano und Violine durchs musikalische Welterbe. Hyung-ki Joo und Alexsey Igudesmann sind ein kongeniales Musikkabarett-Duo. Die Stars der YouTube-Generation beherrschen zudem ihre Instrumente traumhaft, haben schon mit den Philharmonikern in New York, Los Angeles, Bangkokund London, den Symphonikern in Chicago oder dem Orchestra dell’Accademia Nazionale di Santa Cecilia musiziert. Nun also taten sie es auch mit der „Thüringen Philharmonie Gotha-Eisenach“.

Welch wilder Mix! Was auf den ersten Blick nach einem bloßen Nummernprogramm eines Revuetheaters klingt, war ein grandioses Crossover. Eine120 Minuten währendes Experiment, generationenübergreifend übliche Hör- und Sehgewohnheiten auf den Kopf zu stellen.

Dazu mussten vor allem die Musiker der „Thüringen Philharmonie Gotha-Eisenach“ über ihren Schatten springen. Und das „springen“ darf man wörtlich nehmen. Regisseur und Choreograf Fernando Chefalo ließ deren Streicher und weitere rund 50 Amateur- und Profimusiker zu irischen Traditionals fiedeln – UND als die „Lords of the dance“ tanzen. Die Geigenbögen dienten in Scheingefechten als Degen. Wertvolle Cellli und Kontrabässe wurden auf Befehl des kleinen, großartigen Italieners Chefalo zu galoppierenden Gäulen.

Das alles entfaltete eben einen solch unwiderstehlichen Charme, dass am Schluss dann die Messehalle bebte – und selbst vorn die mehr als 220 Mitwirkenden berührt, dankbar, begeistert zurückließ.

Wieso? Weil es zusammenführte, was sowieso zusammengehört: Musik bewegt. Sport tut es auch. Ohne Rhythmus kein Wohlklang aus dem Orchestergraben, kein Teamplay auf dem Basketballfeld. Das begeistert – den Klassikliebhaber wie den Sportfan.

 

Warum also nicht die einen mit den anderen zusammenbringen? Das dachte sich vor zwei Jahren Michaela Barchevitch. Sie ist seit 2014 die Intendantin jenes Orchesters, das nun „Thüringen Philharmonie Gotha-Eisenach“ heißt.

Und wenn schon das (Landkreis-)Grenzüberschreitende im Namen dokumentiert ist, stiftet das nicht regelrecht dazu an, bekanntes Terrain zu verlassen?

Zwar sind die Konzerte der Philharmonie gut besucht. Zwar gibt es in Gotha mehr als 600 Abonnenten. Die meisten von ihnen sichern sich so schon seit Jahrzehnten ihr (hoch-)kulturelles Glück. Die Kinder-, Jugend- und Familienkonzerte werden rege besucht. Selbst Babys und Kleinkinder können mit ihren Eltern oder Großeltern bei „Concertino“ erste musikalische Erfahrungen machen. Auch sind die „Thüringen Philharmoniker“ gern gesehene Gastmusikanten – in deutschen und anderen europäischen Landen.

Das aber war und ist Michaela Barchevitch nicht genug. Nicht ausreichend, damit eine 1651 begründete Musiktradition auch noch nachfolgende Generationen erleben – und vor allem! – genießen kann.

Ein Blick in Barchevitchs Lebenslauf lässt ahnen, warum das so ist: Geboren 1976 in Gothas Partnerstadt Martin (Slowakei), studierte sie Politikwissenschaft und Kulturgeschichte in Jena und Antwerpen, Kultur- und Tourismusmanagement in der Slowakei und arbeitete in mehreren europäischen Ländern. Schon als Studentin entdeckte Michaela Barchevitch für sich die interkulturelle Kommunikation und das Musik- und Festivalmanagement. So arbeitet sie bereits zwei Jahrzehnten mit Orchestern und Kammermusikensembles. Barchevitch engagierte sich u. a. für die Projekte „Young Philharmonic Orchestra Jerusalem Weimar“, „Internationale Jugend Orchester Akademie“ und war dem Festival „Pearls of Classical Music“ in Jerusalem verbunden. Sie ist Mitbegründerin und stellvertretende Vorsitzende der „Europäischen Louis-Spohr-Kulturgesellschaft e. V.“ Unter ihrer künstlerischen Leitung fanden 2014 das Louis-Spohr-Festival und das 1. Gothaer Jugend- und Kinder-Kultur-Festival statt.

Und seit Dezember 2014 ist Michaela Barchevitch nun Intendantin der „Thüringen Philharmonie Gotha-Eisenach“.

Mehr als nur ein Hauch Weltoffenheit weht seither durch Geschäftsstelle, Probensaal und Orchestergraben. Schon die dritte Spielzeit wagen es Intendanz und ihreMusiker, gewohntes Repertoire mit neuen Konzertformatenaufzumischen. Das fordert das Stammpublikum. Das lockt neue Kreise.

Insofern war es naheliegend, dass Barchevitch den Aufbruch „ihrer“ Klassik auch an fremde Gestade führen wollte. Ein Konzept war im Sommer 2017 schnell geschrieben, dessen programmatischer Name „Music in Motion“ die Richtung vorgab und auch die Suche nach Verbündeten einnordete. Familienbande über wenigstens drei Ecken brachten zudem dann den Kontakt zu Alexsey Igudesmann – und damit auch zu Hyung-ki Joo –, die das Konzept sofort verinnerlichten und gern als Schirmherren auftraten.
Und Barchevitch war auch selbstbewusst genug, für ihr gewagtes Crossover finanzielle Unterstützung einzuwerben. Das war erfolgreich: „Music in Motion“ wird vom Bundesprogramm „Exzellente Orchesterlandschaft Deutschland“ gefördert. Das innovative Konzept der „Thüringen Philharmonie Gotha-Eisenach“ ist eines von 31 Projekten zwischen Konstanz und Rostock, die eine prominente Fachjury erwählte.

Mit der genialen Show am vorigen Freitag ist das Experiment aber noch nicht beendet. Für 2019 gibt es neue aufregende, fantastische Ideen – damit auch weiterhin Sehnsucht alle Grenzen überschreitet.

Text: Rainer ASCHENBRENNER
Fotos: Bernd Seydel

 

 

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