„Wir müssen Glück neu erlernen“

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Glück lernen – geht das überhaupt? Aber ja doch! Das sagt Dr. Ha Vinh Tho, langjähriger Direktor des „National Happiness Center“ in Bhutan. Zum Weltglückstag am 20. März verrät er im Interview seine Tipps.

„Vergesst das Bruttoinlandsprodukt – macht das Bruttonationalglück zum neuen Standard.“ Mit diesem Konzept sorgte der Himalaya-Staat Bhutan vor über zehn Jahren weltweit für Furore. Doch: Glück messen – geht das überhaupt? Dr. Ha Vinh Tho (68) hat sich viele Jahre damit beschäftigt, als Leiter des „Gross National Happiness Center“ in Bhutans Hauptstadt Thimphu. Heute lebt er in Genf, schreibt Bücher und gibt Uni-Seminare. Anlässlich des Welt-Glückstags am 20. März beantwortete der „Glücks-Minister“ unsere Fragen.

Mit welcher Maßeinheit lässt sich Glück bestimmen?

Beim Thema „Glück“ haben wir es mit unterschiedlichen Dimensionen zu tun. Das Bruttonationalglück beschäftigt sich selbstverständlich nicht mit persönlichen, kurzlebigen Gefühlen. Schließlich möchte man auch nicht, dass staatliche Institutionen in das hineinreden, was mir Spaß macht oder wie ich meine freie Zeit verbringe.

Doch daneben gibt es eine andere Dimension. Die antiken griechischen Philosophen nannten das „Eudaimonie“, das bedeutet so viel wie „gutes Leben“. Dazu gehören die Rahmenbedingungen der Gesellschaft. Sind sie so, dass sich der einzelne Mensch glücklich entfalten kann? Dies lässt sich mit einem komplexen System an Indikatoren messen. Die Qualität der Erziehung gehört dazu, ebenso wie das Gesundheitssystem, soziale Sicherheit oder das Einkommen. Die Idee des Bruttonationalglücks lautet: Wenn es uns gelingt, eine Harmonie zu schaffen zwischen den verschiedenen Faktoren, dann steigt auch das Glücksempfinden der gesamten Gesellschaft.

Wie kam es zur Gründung des Zentrums für Bruttonationalglück?

Ausgangspunkt dafür war eine Resolution, die Bhutan im Jahr 2011 den Vereinten Nationen vorgelegt hatte. Daraufhin haben die UN vorgeschlagen, dass Bhutan eine Konferenz in New York zum Thema Bruttonationalglück veranstaltet. Um diese Veranstaltung mit gut 800 Teilnehmern vorzubereiten, wurde das Zentrum ursprünglich gegründet. Bhutan bot mir die Leitung an, über sieben Jahre von Anfang 2012 bis 2018 war ich Direktor des Zentrums. Mit der Zeit kamen weitere Aufgaben, insbesondere im Bildungsbereich, hinzu.

Können Sie mehr zu Ihrer Arbeit verraten?

Das Bruttonationalglück wird in Bhutan von mehreren Institutionen gemeinsam bearbeitet. So gibt es eine Planungskommission, die alle drei Jahre eine umfassende Umfrage in der Bevölkerung durchführt. Wie weit ist das Konzept umgesetzt, wo gibt es Fortschritte, was ist noch zu tun? Auf dieser Grundlage setzt die Regierung Prioritäten und entscheidet unter anderem über die Mittelverwendung. Das von mir geleitete Zentrum ist vor allem mit Fragen der Bildung befasst.

Die Arbeit bestand darin, Programme für verschiedene Zielgruppen wie Lehrer, Schüler, Studenten, Politiker, Polizisten usw. aufzulegen, um den Begriff des Bruttonationalglücks auf den verschiedenen Ebenen der Gesellschaft umzusetzen und bei allen ein gemeinsames Verständnis zu schaffen. Ebenso haben wir internationale Projekte realisiert und Forscher aus dem Ausland betreut, die mehr über unser Konzept erfahren wollten.

Wie können andere Länder und Gesellschaften von Ihren Erfahrungen in Bhutan profitieren?

Ich bin mir sicher: Nicht nur Bhutan, sondern die ganze Welt braucht eine Messung des Bruttonationalglücks! Deshalb habe ich meine Arbeit vor Ort beendet und bin nun wieder in Europa tätig. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) als einzige Methode, Fortschritt und Wachstum zu messen, reicht heute nicht mehr aus. Es gibt Maßnahmen, die zwar gut für das BIP sind, aber zum Beispiel negativ für die Umwelt sein können. Zudem werden nicht-finanzielle Transaktionen im BIP gar nicht berücksichtigt. Wenn sich Eltern entscheiden, weniger zu arbeiten, um mehr Zeit für ihre Kinder zu haben, verringert das sogar das Bruttoinlandsprodukt, da das Einkommen sinkt – dabei ist die Entscheidung doch positiv für die Familie und die Gesellschaft.

Wir haben uns sehr stark auf die Erfüllung der materiellen Wünsche konzentriert. Allerdings sind wir dabei übers Ziel hinausgeschossen und haben andere Dinge, die wichtig sind für unser Glück, vernachlässigt. Das Resultat: Wir arbeiten immer mehr, viele von uns fühlen sich gestresst und überfordert. Wir haben zu wenig Zeit für unsere Familie, unsere Hobbys, für uns selbst. Deshalb sollten wir erkennen, dass wir nicht nur materielle Bedürfnisse haben – sondern auch emotionale, psychologische oder spirituelle Bedürfnisse.

Denn das Wachstum von Wirtschaft und Wohlbefinden kann man nicht zwangsläufig gleichsetzen. Auch die Forschung zeigt uns, dass es keine direkte Verbindung gibt zwischen Reichtum und Glücksempfinden, sobald die Grundbedürfnisse erfüllt sind. Hier benötigen wir also neue Konzepte und eine strukturelle Erneuerung. Ein Ansatz dafür ist es, dass wir das Gemeinwohl, das Interesse aller, auch der Natur, in den Mittelpunkt stellen. Außerdem meine ich: Die Wirtschaft sollte im Dienst der Menschen stehen – und nicht die Menschen im Dienst der Wirtschaft.

Aufgrund Ihrer Erfahrungen in Bhutan – was sollten wir in Europa anders machen

Aus der Hirnforschung wissen wir heute, das innere Einstellungen und Werte wie Kooperation, Dankbarkeit, Mitgefühl, Großzügigkeit und Freundlichkeit sehr wichtig sind für unser Glücksempfinden. Doch diese Fähigkeiten werden in unserem Bildungssystem vom Kindergarten bis zur Universität gar nicht geschult. Die sozialen und emotionalen Kompetenzen, die wir für unser Glück brauchen, lassen sich lernen und trainieren – und das sollte wirklich ein wesentlicher Teil unseres Bildungssystems sein. Deshalb arbeite ich viel in Schulen und Universitäten an entsprechenden Konzepten. Gerade in den heutigen Zeiten der Künstlichen Intelligenz, da intellektuelle Aufgaben immer stärker durch Maschinen übernommen werden, wird emotionale Intelligenz noch wichtiger. Eine Maschine kann vielleicht irgendwann das Hirn ersetzen – aber niemals das menschliche Herz!

Kann jeder Glück lernen – und wie fangen wir am besten damit an?

Glück lernen kann jeder – und man ist nie zu alt dafür. Beim Bruttonationalglück konzentrieren wir uns auf drei Ziele:

  • Mit sich selbst in Harmonie zu leben. Schaffen wir es, ein Leben zu führen, das in Einklang steht mit den eigenen Werten?
  • Die Qualität der menschlichen Beziehungen zu pflegen und zu verbessern. Viele Forschungen zeigen uns, wie wichtig es für unser Wohlbefinden ist, dass wir in einen intakten sozialen Zusammenhalt eingebettet sind. Beziehungen muss ich pflegen, das kostet Zeit und Aufmerksamkeit, die ich dafür bewusst investieren sollte.
  • Die Beziehung zur Natur pflegen. Ein Spaziergang im Wald oder am Meer sind sehr wichtig und nahrhaft für unser Glück. Auch die ökologischen Herausforderungen unserer Zeit können wir nur lösen, wenn wir in einer echten Beziehung zur Natur stehen.

Leider leben wir in einer Zeit, die unsere Aufmerksamkeit unglaublich zerstreut. Ständig sind wir abgelenkt, durch das Smartphone, Social Media usw. Deshalb brauchen wir regelmäßige Momente der Verinnerlichung und der Konzentration auf uns selbst.

Kann ein Lotteriegewinn unser Glück steigern?

Es kommt darauf an, was wir mit dem Geld tun. Nur am Strand zu liegen und nicht mehr zu arbeiten, klingt zunächst sehr reizvoll, wird aber irgendwann langweilig. Wir könnten hingegen die finanziellen Mittel für gute Zwecke einsetzen, zum Beispiel für Bildung oder Kultur. Schließlich wissen wir aus der Forschung: Großzügigkeit und Glück gehören eng zusammen. Wenn wir geben und anderen helfen, kommt das Glück zu uns zurück.

Und was macht Sie persönlich glücklich?

Die Familie ist ein wichtiger Glücksfaktor für mich: Seit 49 Jahren bin ich mit derselben Frau verheiratet, wir haben zwei Kinder und fünf Enkel. Ich versuche, genug Zeit für mich zu nehmen und ein gutes Gleichgewicht zu finden. Jeden Tag gehe ich mindestens eine Stunde spazieren. Und vor allem bin ich sehr glücklich, dass ich beruflich das tun kann, was mir wirklich am Herzen liegt.

 

Zur Person

Dr. Ha Vinh Tho war Programmdirektor und Mitbegründer des „Gross National Happiness Centers“ in Bhutan und ist Gründer des ELI „Eurasia Learning Institute for Happiness and Wellbeing“. Zuvor war er Leiter der Aus- und Weiterbildung am IKRK (Internationales Komitee des Roten Kreuz) und Direktor einer Fachhochschule für Sozialpädagogik in der Schweiz. Er promovierte in Psychologie und Pädagogik an der Universität Genf, ist ein internationaler Vortragender und Autor mehrerer Bücher (zuletzt „Der Glücksstandard“). Zudem leitet er einen Zertifikatskurs zum Thema Bruttonationalglück an der Hochschule Osnabrück.

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