Ein Gespräch mit Schauspieler Tom Wlaschiha („Game of Thrones“)

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Vielleicht ist er der bescheidenste deutsche Weltstar: Tom Wlaschiha hat mit Regisseuren wie Steven Spielberg, Roland Emmerich und Ron Howard gedreht, außerdem spielt er die Rolle des mysteriösen „Gesichtslosen“ Jaqen H’ghar in der Hit-Serie „Game of Thrones“ und einen zentralen Charakter in der Actionkrimireihe „Crossing Lines“. Großes Aufheben um seine Person zu machen, ist dem 42-jährigen aber fremd. Wlaschiha wurde im sächsischen Dohna geboren, er ist in der DDR aufgewachsen. Nach seinem Studium an der Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“ in Leipzig stand der Schauspieler u.a. in Dresden und Zürich auf der Bühne, seit 1995 ist er regelmäßig in deutschen TV- und Kinoproduktionen präsent. Es folgten diverse internationale Verpflichtungen für Filme wie „München“, „16 Blocks“ oder „Rush – Alles für den Sieg“. Im Disney-Pixar-Weihnachtsfilm „Arlo & Spot“ leiht Tom Wlaschiha nun einem etwas ängstlichen Styracosaurus die Stimme, dem sogenannten „Tierchensammler“. Ein Gespräch.

Herr Wlaschiha, ein deutscher Schauspieler mit Ihrer Filmografie müsste doch eigentlich in aller Munde sein. Trotzdem geht Ihr Name manch einem noch schwer über die Lippen. Scheuen Sie die Öffentlichkeit?

Nein, überhaupt nicht! Vielleicht liegt es ja daran, dass ich in Deutschland in den letzten Jahren nicht so viel gemacht habe. Mein persönlicher Eindruck ist, dass es mit meinem Bekanntheitsgrad schon bergauf geht. (lacht)

Sagt man bei einem Disney-Angebot sofort zu oder wollten Sie erst die Geschichte und Ihre Figur kennenlernen?

Natürlich sagt man automatisch zu. Wann im Leben bekomme ich schließlich noch einmal die Möglichkeit, einen Dinosaurier zu sprechen? Diese Gelegenheit ist einzigartig. Ich hatte auch noch nie einen Trickfilm synchronisiert und sofort Lust darauf, das auszuprobieren.

Macht es einen Unterschied, ob man sich selbst oder eine animierte Figur synchronisiert?

Ja, natürlich. Normalerweise setzt sich Schauspiel aus 50 Prozent Körpergestik und 50 Prozent Sprache zusammen. Eine animierte Figur kann man natürlich nur über die Sprache erzählen. Deshalb muss man mehr in die Extreme gehen und man kann auch ganz anders modulieren. Das hat mir großen Spaß gemacht.

Warum ist die Faszination, die von den Dinosauriern ausgeht, ungebrochen?

Ich stand als Kind vor einem riesigen Saurierskelett und fühlte mich winzig klein. Und so geht es einem auch noch als Erwachsener. Sich vorzustellen, dass diese riesigen Viecher tatsächlich gelebt haben, ist faszinierend. Und auch wenn ein Meteoriteneinschlag als Grund ihres Aussterbens wahrscheinlich ist, ist doch immer noch ein Rest von Mysterium mit ihrem plötzlichen Verschwinden verbunden.

Sind Sie im Gegensatz zu Ihrer Filmfigur, dem Tierchensammler, eine eher furchtlose Natur?

Ich bin vielleicht ein bisschen weniger ängstlich als der Tierchensammler. Aber im Film werden sich viele Kinder und Erwachsene wiedererkennen. Jeder hat doch im Laufe seines Lebens bestimmte Probleme und Ängste. Es gibt Situationen, in denen man sich einen Schubs geben und ins kalte Wasser springen muss, auch wenn man nicht genau weiß, wie es ausgeht. Dass man da erstmal ängstlich ist, wird jeder nachvollziehen können.

Wovor haben Sie Angst?

Das wird jetzt ein langes Gespräch! (lacht) Spontan erinnere ich mich an meine Zeit am Theater. Da hatte ich immer extremes Lampenfieber. Man ist sich sicher, dass man den Text kann und weiß, wie man spielen muss. Und trotzdem hat man das Gefühl, man geht auf die Bühne ´raus in ein großes, schwarzes Loch und man erinnert sich an gar nichts mehr. Da kann ich mich ziemlich hineinsteigern. Beim Drehen ist das natürlich anders. Wenn man da wirklich mal etwas vergisst, hat man immer noch einen weiteren Take, einen neuen Versuch. Aber es macht ja gerade den Reiz des Theaters aus, dass es unmittelbar ist und man weiß, dass es jetzt darauf ankommt.

Welche Filme und Bücher sind untrennbar mit Ihrer Kindheit verbunden?

Wir hatten ja nicht so wahnsinnig viele Fernsehprogramme. Ich war früher großer Louis De Funès-Fan. Die Olsenbande fällt mir ein. Und es gab auch damals schon einen Dinosaurier-Film, der ziemlich in Vergessenheit geraten ist: „Das Geheimnis der Monsterinsel“. Ich war zehn oder zwölf und der Film war erst ab 14 freigegeben. Alle Freunde aus meiner Schule durften trotzdem hingehen. Nur meine Eltern haben es mir nicht erlaubt. Da war ich wochenlang stinksauer. Aber irgendwann habe ich ihn dann doch noch heimlich angeschaut.

Gibt man bei zwei völlig gleichwertigen Angeboten aus Deutschland oder aus dem Ausland automatisch der internationalen Produktion den Vorrang?

Das kann man so nicht sagen. Es kommt immer auf das Drehbuch an und auf die Leute, mit denen man zusammenarbeiten kann. Und dann natürlich auf die Rolle. Es passiert praktisch nie, dass zwei Angebote genau gleich reizvoll sind. Ich würde nicht per se der internationalen Rolle den Vorrang geben. Wenn ich eine interessantere Rolle in Deutschland spielen kann, dann mache ich das natürlich.

Was lernt man, wenn man Filmemachern wie Steven Spielberg, Bryan Singer oder Mike Leigh über die Schultern schauen darf?

Das ist natürlich faszinierend. Allein schon die Größe dieser Produktionen ist mit einem normalen Film in Deutschland nicht zu vergleichen. Man sieht erst mal, was es bei einer Filmproduktion überhaupt für Möglichkeiten gibt. Bei „Game of Thrones“ entsteht sehr viel in der Post-Produktion. Die technischen Möglichkeiten und die völlig andere Art des Drehens sind sehr beeindruckend.

Waren Sie überrascht, als „Game of Thrones“-Serienfigur die Bücher zu überleben?

Ja. Es hat eine Pause von zwei Jahren gegeben. Meine Figur tritt in den Büchern nicht wieder auf. Da kam der Anruf der Produzenten, man habe mich wieder in die Serie hineingeschrieben, doch sehr überraschend. Natürlich auf freudige Weise.  

Werden Sie auf der Straße durch die Serien häufiger erkannt?

Ab und zu, klar. Das überrascht mich immer wieder. Gerade in „Game of Thrones“ sehe ich ja ganz anders aus, mit Langhaarperücke und in irgendwelche Lumpenklamotten gehüllt. Trotzdem gibt es tatsächlich viele Hardcore-Fans, die einen auf der Straße nur im Vorbeilaufen erkennen. Es hält sich aber alles im Rahmen. Ich bin noch nicht verfolgt worden.

Welcher Filmschaffende, dem Sie begegnet sind, hat Sie als Mensch besonders beeindruckt?

Das lässt sich schwer sagen, ich treffe unheimlich viele nette Kollegen. Und ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Berühmtesten oft die Bescheidensten und Normalsten sind. Und meisten sind es die, die es sich eigentlich nicht leisten können, die wahnsinnig viel Wind um sich machen.

Gab es ein Schlüsselerlebnis, das in Ihnen den Wunsch geweckt hat, Schauspieler zu werden?

Es gab nicht DAS Schlüsselerlebnis, aber ich wusste schon relativ früh, dass ich etwas Künstlerisches machen wollte. Ich habe Klavier gelernt, aber es war ziemlich schnell klar, dass ich nicht gut genug war, um das beruflich zu machen. Ich habe einen Onkel, der Opernsänger ist, das hat mich auch immer fasziniert. Er durfte schon zu DDR-Zeiten zu Gastspielen ins westliche Ausland reisen, in die USA oder nach Italien. Dann kam er zurück und erzählte uns von der großen, weiten Welt. Das hat mich geprägt und in mir den Wunsch geweckt, selbst mal hinter den großen Vorhang zu schauen. Dann hatte ich die Idee mit dem Schauspiel. Ich habe als 15- oder 16-jähriger die Schauspielschule in Leipzig angeschrieben und auch gleich eine Einladung zu einem Voreignungstest bekommen. Das war noch nichts Ernstes, aber von da an bestand eine Verbindung zu der Schule. Später habe ich auch die richtige Eignungsprüfung bestanden und dort studiert.

Hatten Sie einen Mentor, jemanden, dem Sie besonders viel zu verdanken haben?

Der damalige Leiter der Schauspielschule Leipzig, Bernd Guhr, hat sich sehr für mich eingesetzt. Und ganz am Anfang, noch in der Schule, war es meine Deutschlehrerin Frau Mittler, die meine Interessen gefördert hat.

Sind Sie von Ihrem Elternhaus her künstlerisch vorbelastet?

Nein, gar nicht. Nicht über den Hausgebrauch hinaus. Meine Mutter ist Pharmazieingenieur und mein Vater Maschinenbauingenieur. Ich habe meine Eltern nicht um Erlaubnis gefragt, ich habe aus eigenem Antrieb die Schule angeschrieben. Aber sie haben mich immer in allem unterstützt.

Haben Sie noch eine DDR-Identität?

Soweit würde ich nicht gehen. Ich bin dort aufgewachsen. Da ist man in einer bestimmten Art und Weise konditioniert, die ich auch nicht missen möchte. Aber ich identifiziere mich nicht darüber.

Wo leben Sie heute?

In Berlin, schon seit fünfzehn Jahren.

Um auf die Urzeitviecher zurückzukommen: Gibt es Situationen, in denen Sie sich wie ein Dinosaurier fühlen?

(lacht) Ja, mitunter. Wenn ich mit meinem 7-jährigen Patenkind rede, kommt das durchaus öfter vor. Da merkt man schon, dass man bei gewissen Dingen nicht mehr auf dem neuesten Stand ist.

Die Fragen stellte André Wesche.

 

(Beitragsbild von: Disney / Pixar)

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