Wie der Obstwein-Marathon des USV Jena entstand

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Nach dem Fall der Mauer im November 1989 brachte dies als ein wichtiges Ergebnis für die DDR-Bürger die fast unbeschränkte Reisefreiheit mit sich. Im Sport führte es dazu, dass fast zeitgleich eine regelrechte Reisewelle zu bekannten Sportveranstaltungen in der BDR und dem „westliche Ausland“ einsetzte.

So war es auch bei den Ausdauerläufern. Große Marathonläufe, wie Berlin oder New York hatten viele auf ihren Wunschzetteln. Eine Reihe von Laufveranstaltern gewährten den „Ostläufern“ 1990 extra Rabatte oder sogar Startgeldfreiheit. Beim Studium internationaler Laufkalender fiel ein Marathon aus dem bisher bekannten Rahmen, der Medoc-Marathon in Frankreich. Nicht nur, dass das Teilnehmerfeld bei 10.000 limitiert war, sondern das ganz offensichtlich an den Versorgungsstellen auf der Strecke auch Rotwein angeboten wurde.

War der Rennsteiglauf bisher der Lauf mit der umfangreichsten Streckenversorgung vom Tee bis zum Fettbrot, vom Haferschleim bis zu Wienerwürstchen und an der letzten Versorgungsstelle nach ca. 60km sogar auf Wunsch ein Becher Bier, so war ein durchgängiges Weinangebot alle 6-7km doch etwas völlig Neues. Dies stieß auch aus sportwissenschaftlicher Sicht auf Skepsis. Es dauerte dann bis Mitte der 1990er Jahre, als USV-Läufer mit einem Reiseveranstalter bis an den Atlantik fuhren, um diesen besonderen Lauf kennenzulernen. Dabei mussten sie feststellen, dass es sich hier um ein wahres Volksfest handelte, wo ein Großteil der Läuferinnen und Läufer kostümiert kamen und unterwegs tatsächlich in Maßen und ohne auf die Laufzeit zu sehen verschiedene Weinsorten probierte. Entwickelt wurde dieses „Event“ durch namhafte Weingüter der Medoc-Bordeaux-Region als Werbe- und Fremdenverkehrsattraktion.

Das Rezept schien aufzugehen, wie die Teilnehmerzahlen zeigten. Einmal dort gewesen, sprach sich dieser besondere Lauf auch in Jena herum und es wurden weitere „Weinmarathonläufe“ in Frankreich ausfindig gemacht und besucht. So waren kleine Delegationen beim Beaujolais-, beim Burgund- und beim Cahore-Marathon. Ende der 1990er Jahre, als die konzeptionelle Entwicklungsarbeit der USV-Läufer beim Rennsteiglauf nicht mehr gewünscht war und damit Kapazitäten für die Entwicklung neuer Laufideen frei wurden, entstand die Idee einen Thüringer-Wein-Marathon zu entwickeln. Am 18. März 2000 war es dann so weit.

Die Laufgruppe des USV Jena organisierte den ersten Thüringer-Wein-Marathon. Die Strecke führte vom Universitätssportzentrum entlang der Saale und der Ilm an vier Weinbergen vorbei und endete in Bad Sulza an der Toskana Therme. An den Verpflegungsstellen gab es Weinproben vom jeweiligen Weinberg. 19 Läuferinnen und Läufer nicht nur vom USV und ein Husky beteiligten sich an diesem Gruppenlauf. Der Husky zog allerdings Wasser statt Wein vor. Im Vorfeld war dazu eine umfangreiche Aufklärungsarbeit notwendig und es mussten nicht nur die Aktiven, sondern auch die Winzer überzeugt werden. Zum damaligen Zeitpunkt gab es davon nur zwei in Thüringen, einen in Caatschen und einen in Bad Sulza.

Für den Weinberg in Zwätzen, der natürlich auch besucht wurde, hatte der Freizeitwinzer Dr. Hirsch einige Flaschen zur Verfügung gestellt und für Dornburg musste lange mit dem damaligen Schlossgärtner verhandelt werden, bis er aus seinem Privatkeller einige Flaschen herausholte. Insgesamt war die Veranstaltung so erfolgreich, dass eine Fortsetzung sinnvoll erschien. Das Laufgebiet wurde auf Sachsen-Anhalt ausgedehnt, und in den Folgejahren wurden verschiedene Startorte z. B. in Tümpling, gewählt und bis zu den Naumburger Weinbergen gelaufen.

Der damalige Landwirtschaftsminister und die Toskana-Therme unterstützten das Projekt aktiv. Die Winzer waren eher zurückhaltend und erhöhten von Jahr zu Jahr ihre finanziellen Forderungen, weshalb der Thüringer-Weinmarathon nach seiner fünften Auflage trotz steigender Teilnehmerzahlen, am Ende waren über 60 Aktive unterwegs, eingestellt wurde. Mit dem 1. Obstwein-Marathon im Reinstädter Grund am kommenden Samstag wird ein neuer Anlauf genommen, um eine schöne Idee aus Frankreich in unserer Region heimisch zu machen.

Dr. Hans-Georg Kremer

Publiziert: 1. Mai 2011, 11.06 Uhr