André Wesche im Interview mit der Schauspielerin Paula Beer

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Grafik: Gerd Altmann/Pixabay

Stella. Ein Leben – Ein Gespräch mit Hauptdarstellerin Paula Beer

Das Drama „Stella. Ein Leben.” (Kinostart: 25. Januar 2024) erzählt die wahre Geschichte der jungen Jüdin Stella Goldschlag, die von der Gestapo gezwungen wurde, Angehörige ihres Volkes zu verraten. In die diffizile Titelrolle schlüpfte Paula Beer (28), die sich mit der Serie „Bad Banks” und Filmen wie „Werk ohne Autor” oder „Undine” (Silberner Bär der Berlinale und Europäischer Filmpreis für die Beste Hauptdarstellerin 2020) als eine der interessantesten Schauspielerinnen ihrer Generation etabliert hat. Ein Gespräch.

Frau Beer, haben Sie sich besonders intensiv überlegt, ob Sie diese Rolle annehmen sollen?

Als ich das Buch gelesen und gesehen habe, wie gut, detailliert und faktisch genau es mit dieser Figur und der Zeit umgeht, war mir auf jeden Fall schnell klar, dass ich Interesse an diesem Projekt habe. Manche Sachen weiß man erst hinterher: dass das, was zu spielen ist oder womit man sich auseinandersetzen muss, schlimm ist und dass man da in einen Abgrund blickt. Mir war im Vorfeld nicht so detailliert klar, was diese Rolle erfordert und dass meine moralische Sicht und dieser Ekel, den ich vor diesen Taten habe, zu so einem großen Widerstand in mir selbst führen würde. Mir war aber klar, dass ich diese komplexe Figur und auch die Art und Weise, wie sie gezeigt wird, spannend finde.

Welche Aspekte der Figur haben Sie gereizt?

Mich haben vor allem die Ambivalenz der Rolle, diese Vielschichtigkeit und das Komplexe interessiert. Beim Spielen dieser Figur habe ich gelernt und verstanden, wie mächtig unsere Ängste und Abgründe sind. Wenn wir uns nicht mit ihnen auseinandersetzen, können sie sich selbstständig machen. In diesem Film begibt man sich auf eine Gratwanderung. Es ist nicht mehr so leicht, aus einer heutigen Sicht auf diese Zeit zu beurteilen, was richtig und was falsch war. Es ging mir nicht darum, eine neue Sichtweise zu zeigen, sondern die Überlegung anzustoßen, dass es eben nicht so simpel ist. Aus der heutigen Sicht ist es immer ganz leicht zu sagen: „Ja, das war so und so und man hätte dieses und jenes machen können.“ Wenn man sich aber in der Situation befindet, erkennt oder versteht man manche Dinge nicht sofort. Es gibt sehr viele Verstrickungen.

Wie authentisch ist die Geschichte der Stella Goldschlag?

Sie ist sehr genau recherchiert, mit allem, was man über diese Zeit weiß. Natürlich muss es bei Filmen oder Biografien immer eine dramaturgische Raffung geben, so dass man das in anderthalb bis zwei Stunden erzählen kann. Von den Fakten weiß ich aber, wie wichtig es der Produktion von Anfang an war, genau zu arbeiten und sich an die Tatsachen zu halten, da es sich um ein so sensibles Thema handelt.

Der Zuschauer lernt Stella als Frau kennen, deren große Pläne geplatzt sind, die Folter erdulden muss und mit dem Tod ihrer ganzen Familie bedroht wird. Konnten Sie den Weg nachvollziehen, den Sie einschlägt?

Das ist genau die schwierige Frage, die sich generell bei dieser Thematik und Figur stellt: Ob man es am Ende irgendwie verstehen kann. Als Schauspielerin musste ich das in dem Moment verstehen, in dem ich die Figur gespielt habe. Wenn ich mich während des Spielens über die Figur stellen und sagen würde, dass ich das nicht nachvollziehbar, verwerflich oder falsch fände, hätte das nicht funktioniert. Deswegen ist die Frage insofern schwierig, als dass ich es in dem Moment, in dem ich es gespielt habe, einfach nicht bewerten konnte, sondern mich emotional darauf einlassen musste. Trotzdem, wenn ich es jetzt sehe und weiß, wie die Taten ausgehen, finde ich das unfassbar schrecklich. Das ist genau das, was der Film vorhat: Dass man danach eben nicht sagen kann, dass alles, was sie gemacht hat, falsch und nicht nachvollziehbar wäre. Man sieht, was ihr passiert und dass sie Opfer und Täter zugleich ist. Sie hat furchtbare Sachen gemacht und sich für diesen Weg entschieden, hat aber auch furchtbare Dinge ertragen müssen. Der Zuschauer soll spüren, dass es nicht so leicht ist, sich ein Urteil zu bilden oder dass man es vielleicht auch gar nicht kann, weil man selbst nicht betroffen ist.

Irgendwann scheint Stella ihr Tun sogar zu genießen. An welcher Stelle sind ihre Skrupel auf der Strecke geblieben?

Ich weiß nicht mehr genau, in welchem Moment, weil der Dreh so lange her ist und ich mich auch bewusst von Stella distanziere. Irgendwann gab es aber den Punkt, an dem sie die Situation nicht mehr aushält und sich bewusst dazu entscheidet, nicht mehr in den Abgrund zu sehen. Als sie in diesem Sammellager ist und von den anderen beschimpft wird, entsteht in ihr ein starker Wunsch danach, sich endlich besser zu fühlen. Stella möchte Macht zurückerlangen. Macht im Sinne von Selbstbewusstsein und Selbstwert. Sie spaltet das einfach von sich ab, anders erträgt man das auf Dauer nicht. In diesem Moment kippt es und man sieht auch von außen, dass ihr das Spaß macht oder dass sie darin irgendetwas findet. Das verdreht Komplexe dieser Geschichte ist, dass die Zeit, in der Stella permanent mit ihrer Todesangst konfrontiert war, die Einzige war, in der sie Sicherheit gefunden hat. Vielleicht hat sie deswegen darin eine Lust, Macht oder Spaß gefunden. Ich denke aber, dass sie das nie losgelassen hat. Im Film sieht man ihren ersten Suizidversuch, den sie überlebt hat. Sie hat sich später mit 72 Jahren ertränkt. Es wird auch gezeigt, wie zurückgezogen sie gelebt hat und wie einsam sie war. Solche Taten lassen einen Menschen nicht mehr los, das ist generell nicht aushaltbar. Hätte sie das jeden Tag bewusst in sich getragen, wäre sie wohl schon früher daran zugrunde gegangen.

Waren die Folterszenen psychisch und physisch besonders herausfordernd?

Es ist auf jeden Fall körperlich anders, als eine Szene mit Dialog im Bus. Schreien und physische Interaktion sind einfach etwas anderes, sie ermüden einen körperlich schneller. Wir spielen natürlich. Ich komme aus den emotional heftigen Situationen meiner Figur schnell wieder raus und kann das sehr klar trennen, aber es macht natürlich etwas mit einem, wenn man eine Pistole an den Kopf gehalten bekommt. Ich würde nicht sagen, dass das eine andere Herausforderung ist, weil solche Szenen während des Drehens sehr technisch sind. Auch diese ganzen Stuntszenen macht man Stückchen für Stückchen. Teilweise war das Stuntdouble dabei, teilweise habe ich die Sachen selbst gemacht. Dadurch ist es vielleicht nicht in dem Sinne herausfordernd, wie es am Ende im Film wirken mag, aber es ist wie ein Workout: Anstrengend.

Ist es für Sie ein natürlicher Vorgang, vor einer Menge zu singen, oder mussten Sie sich überwinden?

Für mich war das kein natürlicher Vorgang, weil ich das bis dato noch nicht gemacht habe. Ich musste vor einer größeren Gruppe singen, weil das ein ganz wichtiger Teil dieser Figur war. Stella war Jazzsängerin und wollte in Amerika Karriere machen. Zeugen haben darüber gesprochen, was für eine klare Sopranstimme sie hatte, wie sie gewirkt hat und wie verzaubert die Leute von ihr waren. Aktionen beschreiben Menschen teilweise viel treffender als die Worte, die sie wählen. Deswegen waren die Gesangs- und Tanzszenen für diese Figur so wichtig, wodurch auch der Anspruch an mich selbst entstand, das gut hinzubekommen. Ich hatte von Anfang an eine sehr gute Betreuung durch die Gesangslehrerin, Choreografin, Mitmusikern und auch durch die Band. Das waren zur Hälfte junge Jazzmusiker und ich dachte bei der ersten Probe, dass die das auf jeden Fall nochmal anders einordnen können. Davor hatte ich Respekt. Aber alles, was mit Tanz und Gesang zu tun hatte, hat mir am meisten Freude gebracht. Das sind die leichtesten Momente im Film und die einzigen, in denen es um eine Lebensfreude in Stella geht. Diese Szenen sind in einem Zusammen entstanden. Nicht ich alleine mit Stella, ich war immer im Arm dieser Band und anderer Menschen. Bei diesem Dreh hat mir alles, was an zwischenmenschlichen Verbindungen da war, wahnsinnig Spaß gemacht.

Stella übt Ihren Auftritt zu Beginn vor dem Spiegel. Tun Sie das auch?

Das Problem mit Spiegeln ist, dass man sich selbst anschaut und bewertet. Das finde ich nicht hilfreich. Die Szene zeigt ganz deutlich, dass Stella eine narzisstisch schwierig aufgestellte Persönlichkeit hat, die das extrem braucht. Sie muss sich dessen bewusst sein, wie sie wirkt und in sich selbst etwas sehen, was sie nicht fühlt. Deswegen finde ich das für diese Figur wunderbar, für mich als Schauspielerin nicht.

Für die Szenen der alten Stella hat man Sie via Computeranimation altern lassen. Sehen Sie für Ihren Berufsstand Gefahren durch die künstliche Intelligenz, vor denen Ihre amerikanischen Kollegen mit dem Streik warnen?

Ich finde das ein spannendes Thema, weil es zeigt, wie schnell die Digitalisierung vonstattengeht und dass wir uns bisher wenig damit auseinandergesetzt haben, wie wir als Gesellschaft funktionieren wollen. Das fängt schon damit an, dass es gar keine Regeln für den Umgang mit seinem Smartphone gibt. Ist es okay, wenn es beim Essen auf dem Tisch liegt oder nicht? Der Einsatz von KI offenbart jetzt, dass wir uns entscheiden müssen, in was für einer Art Gesellschaft wir leben wollen und wie zum Beispiel mit Kunst umgegangen wird. Angst habe ich davor nicht. Ich finde es vor allem spannend, weil es sehr klar zeigen wird, was der Gesellschaft wichtig ist und was Menschen bereit sind dafür zu tun oder aufzugeben.

Mit welchen Gefühlen beobachten Sie das Aufkeimen rechten Gedankenguts in Deutschland und Europa?

Deswegen finde ich die Erzählweise bei „Stella“ so spannend. Sie zeigt einfach, wie gefährlich unsere Ängste und Abgründe sind. Ich kann es einfach nicht verstehen, wenn wir Menschen nicht aus den Fehlern lernen, die frühere Generationen gemacht haben. Es ist einfach erschreckend, was momentan in Deutschland und weltweit passiert. Zu merken, was für Ängste die Menschen haben, sich aber nicht damit auseinandersetzen, sondern das woanders hinzuschieben. Das perfide Spannende an radikaleren, politischen Ideen ist, dass sie es immer schaffen, eine Gemeinschaft zu bilden. Das zeigt, womit man sich gesellschaftlich auseinandersetzen muss. Menschen fühlen sich abgehangen und allein. Die Lösung ist kein Gegeneinander, sondern immer ein Miteinander. Ich finde es einfach wahnsinnig traurig, zu sehen, dass aus einer Angst heraus das zutiefst Menschliche verloren geht.

Wenn Sie Stella Goldschlag eine Frage stellen könnten, welche wäre das?

Ich finde das schwierig zu beantworten, weil ich mich so intensiv damit auseinandergesetzt habe, wie wir diese Figur im Film zeigen. Ich habe mir viele Fragen über die Figur Stella gestellt, um sie verstehen und spielen zu können. Das hat aber nichts mit meiner Sicht auf Stella Goldschlag zu tun. Ich hätte viele Fragen, bin mir aber nicht sicher, ob ich die Antworten wissen wollen würde.

Wie haben Sie die Frage „Was hättest Du getan?”, die auf dem Filmplakat steht und auf die es natürlich keine Antwort geben kann, wenigstens einigermaßen für sich beantwortet?

Wie Sie schon gesagt haben, kann man sie gar nicht beantworten. Wir haben alle eine heroische Sicht von uns. Wenn wir tatsächlich in die Bredouille kommen würden, verhielten wir uns vielleicht ganz anders als wir es uns wünschen würden. Es geht um die Auseinandersetzung damit, dass man eben nicht besser ist als andere, sondern dass man in genau solche Situationen kommen und sich verhalten kann, wie man es sich niemals hätte vorstellen können. Welche Züge an einem zum Vorschein kommen, mit denen man nicht gerechnet hätte. Das ist genau das Wichtige: zu merken, dass wir in der Lage sind, unsere Fehler zu wiederholen. Wir beweisen es als Gesellschaft jeden Tag aufs Neue. Wäre die Antwort ein klares: „Ich hätte mich anders verhalten”, hätte man diesen Film nicht machen müssen.

Die Fragen stellte André Wesche.

Der Film startet am Donnerstag, den 25. Januar 2024 in den deutschen Kinos.
Weitere Informationen sind unter
https://www.cineplex.de/suche/gotha/?q=stella.+Ein+Leben nachlesbar.

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