Pfarrer Werner Sylten in der Gothaer Versöhnungskirche anlässlich seines 125. Geburtstages gedacht

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Foto: Lutz Ebhardt: v.l.nr.: Marlies Mikolajczak, Enkelin Gesine Kölbel, Oberbürgermeister Knut Kreuch und Pfarrerin Uta Liebe

Zahlreiche Teilnehmer folgten am Donnerstagabend der Einladung von Pfarrerin Uta Liebe und Oberbürgermeister Knut Kreuch in die Gothaer Versöhnungskirche, um am Tage seines 125. Geburtstags und im Beisein seiner Enkelin Gesine Kölbel, dem 1942 ermordeten Pfarrer der Bekennenden Kirche, Werner Sylten, zu gedenken.

Werner Sylten wurde in Hergiswil (Schweiz) als Sohn von Emma Bertrand und dem Chemiker Dr. Alfred Sylten im Jahr 1893 geboren. Er verbrachte seine Schulzeit an wechselnden Orten, zunächst in Berlin, dann in Friedeberg am Queis und ab 1907 am humanistischen Gymnasium in Lohr am Main. Dort legte er 1913 auch sein Abitur ab. Danach studierte er Theologie an der Protestantischen Hochschule in Marburg sowie Nationalökonomie und Sozialpädagogik in Berlin.

Für die evangelische Kirche arbeitete Werner Sylten zunächst in Göttingen und Hildesheim und übernahm 1925 die Leitung eines Mädchenheims in Bad Köstritz in Thüringen, das er mit fortschrittlichen pädagogischen Methoden modernisierte. Nach der Machtübernahme der Nazis 1933 schloss sich Sylten, der unter ihnen als sogenannter „Halbjude“ galt, der regimekritischen Bekennenden Kirche an und geriet in schwere Konflikte mit der von den „Deutschen Christen“ dominierten Thüringer Kirchenleitung. Ein Hetzartikel im „Völkischen Beobachter“ und eine Intrige von staatlichen und kirchlichen Stellen kosteten ihn 1936 sein Pfarramt.
Als von den Nürnberger Gesetzen Betroffener erhielt er fortan keine reguläre Pfarrstelle mehr. Die Lutherische Bekenntnisgemeinschaft berief ihn im Mai 1936 zum hauptamtlichen Geschäftsführer ihres Büros in Gotha, wo er bis zu dessen Schließung und seiner Ausweisung aus Thüringen, am 21. März 1938, tätig war.

Im Anschluss wurde er Berater von Pfarrer Heinrich Grüber in Berlin. Als enger Mitarbeiter sowie Stellvertreter Grübers war er dort maßgeblich daran beteiligt, zahlreichen rasseverfolgten Christen das Leben zu retten. Durch ihren unentwegten Einsatz zwischen 1938 und 1940 konnten vermutlich 1138 zum Christentum konvertierte Juden und deren Angehörige auswandern.

Am 27. Februar 1941 wurde Sylten verhaftet, und wegen eines anonymen Flugblattes über das Elend christlicher Juden in Österreich zunächst im Polizeigefängnis am Berliner Alexanderplatz drei Monate lang festgehalten und im Mai 1941 in das KZ Dachau verschleppt. Dort musste er Zwangsarbeit auf der sogenannten „Plantage“ verrichten. Dabei erkrankte Sylten im Sommer 1942 an einem schweren Sonnenbrand und die Einlieferung in das Krankenrevier wurde ihm zum Verhängnis. Im Rahmen der Aktion „Sonderbehandlung 14f13“, bei der arbeitsunfähige Häftlinge als „lebensunwert“ umgebracht wurden, geriet Werner Sylten nach kurzer Aufschiebung der Aussonderung in einen der gefürchteten „Invalidentransporte“ nach Schloss Hartheim bei Linz, wo er am 12. August mit Gas ermordet wurde. Werner Syltens Angehörigen wurde jedoch mitgeteilt, er sei am 26. August 1942 an den Folgen einer Hirnhautentzündung gestorben. Sie erhielten eine Urne mit unklarem Inhalt, die im November 1942 in Berlin-Köpenick beigesetzt wurde.

Zur Erinnerung an Werner Sylten wurden Straßen in Bad Köstritz, Gotha und Berlin sowie ein Kirchengemeindezentrum in Eisenach nach ihm benannt. In Gotha wurde 1991 ein Teil der Juri-Gagarin-Straße dieser ehrenvolle Name gegeben. Außerdem erinnern Denkmäler bzw. Gedenktafeln in Berlin-Wendenschloss, in der früheren Tötungsanstalt Schloss Hartheim bei Linz und im Domkapitel zu Brandenburg an ihn. In Gotha wurde im Beisein von Landesbischof Dr. Moritz Mitzenheim am 22. Oktober 1961 eine Gedenktafel an seiner Wirkungsstätte in der Gartenstraße 29 angebracht, mit der auf das Wirken von Werner Sylten hingewiesen wurde. Für seine Verdienste bei der Rettung von Menschen während des Nationalsozialismus wurde er von der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem am 16. Oktober 1979 als Gerechter unter den Völkern geehrt.

Vor seinem damaligen Wohnhaus Ostendorfstraße 19 in der Villenkolonie Wendenschloss wurde am 12. Dezember 2006 ein „Stolperstein“ verlegt. Ebenso erinnert seit dem 6. November 2012 ein weiterer „Stolperstein“ vor seinem ehemaligen Wohnhaus in Gotha, Bachstraße 14 und seit dem 8. September 2014 ein dritter am ehemaligen Mädchenheim in Bad Köstritz an ihn, in dem heute die nach ihm benannte Stiftung ihren Sitz hat.

Die Gothaer Gedenktafel sollte nach dem Abriss des Gebäudes in der Gartenstraße 29 eigentlich am dort geplanten Neubau der Bildungsstätte der KFZ-Innung wieder angebracht werden, aber gebaut wurde nicht. Dafür wurde die Tafel sorgfältig aufbewahrt. Der Steinmetzbetrieb des Bestattungsinstituts Gotha hat sie aufgefrischt und nun wurde sie am 125. Geburtstag an der Versöhnungskirche in der Werner-Sylten-Straße angebracht. Zusätzlich erklärt eine weitere Tafel deren Geschichte und die darauf angegebenen Daten. Damals war noch nicht bekannt, dass seine Mörder Todestag und Ort falsch angegeben hatten. Eine Korrektur erfolgte erst viele Jahre später.

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