Die Kultur-Gallier aus Wallerhu oder: Das Gleis3eck wird reanimiert

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Das Häuflein Unentwegter in einem kleinen thüringischen Städtchen namens Waltershausen zeigt Corona den dicken Daumen. Foto: Daniel Faustmann/Oscar am Freitag

Waltershausen (red/df/ra, 20. Mai). Von Corona gebeutelt, liegt die gesamte Veranstaltungsbranche darnieder. Die ganze Branche? Nein, denn ein Häuflein Unentwegter in einem kleinen thüringischen Städtchen namens Wallerhu will gerade jetzt einen Neustart wagen und das Freizeitzentrum (FZZ – EffZettZett) Gleis3eck wiederbeleben.

„Wir wollen ein Signal setzen und Mut machen. Wir können nicht nur sitzen und warten“, sagt Maik Schulz von der MSB Gastro- und Veranstaltungs GmbH: „Dieses Signal geht nun von Waltershausen aus. Ab 1. Juli soll im Freizeitzentrum Gleis3eck das Wort ,Kultur‘  wieder großgeschrieben werden.“

Schulz gehört zum Häuflein Unentwegter wie auch Michael Willuhn (spoon.projekt Erfurt), der einst in Waltershausens legendärer Kulturfabrik – kurz KuFa – das Zepter schwang. Mit dabei ist Björn Amling. Der gebürtige Waltershäuser – besser bekannt als DJ Louis Garcia –legte schon in Moskau auf. Ein gefragter Musiker und Solokünstler und ebensolch erfolgreicher Bandleader von „Annred“ ist Vinzenz Heinze. Und schließlich wird es Michael Benkel und sein Team sein, die zu Kunst und Kultur den Genuss beisteuern, die gastronomische Betreuung sichern.

Mit im Boot ist natürlich die Stadt als Vermieter des Gleis3ecks. „Ich weiß, dass Kultur kostet, aber ich sehe den Gewinn für die Stadt“, beschreibt Waltershausens Bürgermeister Michael Brychcy (CDU) den Anteil der Stadt an diesem Projekt.

Gemeinsam streben alle an, dass das Gleis3eck ein Veranstaltungsort wird, der über kurz oder lang sich in Mittelthüringen einen Ruf erarbeitet. „Grundlage dafür sind feste Termine“, umreißt Michael Willuhn das Konzept für die Veranstaltungsplanung: Freitags und  Samstags gibt es Disko-Veranstaltung, jeden Sonntag Live-Musik, Kleinkunst, Kabarett, Buchlesungen. All das stellt sich Vinzenz Heinze als festen Bestandteil vor, wobei vorwiegend lokalen Künstlern aus Thüringen eine Bühne geboten werde.

Alles soll im Monatstakt geplant und den Leuten vorab präsentiert sein: „Du weißt nicht, wohin Du sollst? Im Gleis3eck wird immer etwas geboten…“

Vom (Standort-)Vorteil ist da die Thüringer Waldbahn, die keine 100 m vom Eingang entfernt hält. Und ginge es nach Bürgermeister Brychcy, soll sie demnächst im Halbstundentakt Waltershausen und Gotha verbinden: „Ich muss nur noch den Landrat davon überzeugen, der für den ÖPNV verantwortlich ist“, lächelt er verschmitzt.

Gastronomie gibt es Dienstag bis Sonntag. Die Bowlingbahn, die bisher nur sporadisch geöffnet hat, bekommt feste Öffnungszeiten. Familien- und Firmenfeiern werden wieder möglich sein. Zwischen Schwimmbad und dem Freizeitzentrum lädt bald eine Beach-Bar ein. Ab 2022 wollen die Ehrgeizigen die Bergbühne in Waltershausens Ortsteil Fischbach bespielen. Bürgermeister Brychcy würde dort gern Udo Lindenberg, Pink Floyd und Rammstein sehen…

Auch die journalistischen und politischen Veranstaltungen, die bis September letzten Jahres im Gothaer Schlachthof stattfanden, finden einen neuen Veranstaltungsort im EffZettZett.

Neue Wege beschreitet man also in Waltershausen. Vieles ist natürlich von der pandemischen und der wirtschaftlichen Entwicklung abhängig. Deshalb ist die  Zusammenarbeit des Teams erst einmal bis Ende 2022 befristet.

Der Pachtvertrag enthält ein Sonderkündigungsrecht* für 2024. Deshalb, damit nach der nächsten Bürgermeister-Wahl der Sieger/die Siegerin freie Hand hat, die Zusammenarbeit beizubehalten oder aufzulösen. „Diese Transparenz ist uns wichtig“, betont Maik Schulz diesen Passus des Vertrages. Der hat aber auch einen „Virus-Paragrafen“: Der besagt, dass für den Fall einer verordneten Schließung – wie aktuell durch Corona – die Mietzahlungen ausgesetzt werden. Das gibt den Veranstaltern und Künstlern Sicherheit.

Diese Konstellation wie in Waltershausen wäre zu anderen Zeiten nicht möglich gewesen: Michael Benkel und Maik Schulz waren bis zur Corona-Pandemie im Pub „The Londoner“ in Gotha eingebunden, Vinzenz Heinze auf Veranstaltungen bundesweit gefragt und unterwegs wie DJ Louis Garcia weltweit und auf dem Clubschiff AIDA.

Corona hat nun die Karten neu gemischt und rückt das lokale Engagement vieler Künstler, Schriftstellern und Musiker in den Vordergrund. „Ich habe Anfragen von Autoren für Buchlesungen, die vor Corona wahrscheinlich nicht einmal gewusst haben, wo Waltershausen liegt“ meint Michael Brychcy dazu.

Alte Veranstaltungsstrukturen sind weggebrochen, nun müssen neue geschaffen werden.

Das aus dem Altgriechischen stammende Wort „Krise“ meint nicht nur Negatives. Es bedeutet auch, dass eine Entscheidung gefordert ist, die eine Chance auf etwas Besseres bietet.

Das Häuflein Unentwegter im kleinen Waltershausen will eben deshalb Großes wagen – genau jetzt diese Chance nutzen.

*Anm. der Redaktion: In einer älteren Version des Textes war die Rede davon, dass der Pachtvertrag 2024 endet. Das war falsch: Es gibt allerdings eben das Sonderkündigungsrecht, wie nun korrigiert. 

Fliesenstudio Arnold

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