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Gotha. Das südliche Ende der Friedrichstraße zwischen Justus-Perthes-Straße und der Kreuzung am Marstall ist seit Wochen Baustelle.

Anfang Mai kam eine weitere hinzu. Eine, die viel Aufmerksamkeit bekommen wird – vor allem der älteren Gothaer.

Gebaut wird nämlich an und im Haus Nr. 14 – der Villa Kunreuther. Besser bekannt vermutlich ist sie als einstiger Klub der Kulturschaffenden „Hermann Haack“.

Das Haus ist geschichtsbeladen: Ursprünglich war es das Haus des Landbaumeisters Wilhelm Kuhn und wurde von ihm in den Jahren 1835/36 erbaut.

1903 kaufte Rechtsanwalt Dr. Heinrich Kunreuther (1864-1925) das Haus, der es durch den Architekten Klepzig 1904 umbauen ließ. In diesem Zustand war das Haus bis zum heutigen Tag.

Die Kanzlei des später zum „Geheimen Hofrat“ ernannten Kunreuther gehörte zu den angesehensten Rechtsanwaltsbüros in Gotha, beriet die herzogliche Familie in Rechtsfragen und war zu Beginn der 1890er Jahre an der Gründung der ersten Gothaer Wohnungsbaugenossenschaft (WBG) beteiligt.

1925 starb er, hatte zuvor die Praxis seinem Schwiegersohn, dem Juristen Dr. Günther Gottschalk, überlassen.

Der wurde nach 1933 gezwungen, seine Praxis zu schließen und während des Krieges durch die Organisation Todt dienstverpflichtet.

Stolpersteine erinnern

Am 20. September 1942 wurden Gottschalks Schwiegermutter Anna Marie Kunreuther und seine Frau Marie Luise ins Ghetto Theresienstadt deportiert. Anna Marie starb dort am 13. Februar 1943. Marie Luise wurde von Theresienstadt in das KZ Auschwitz gebracht und starb im Dezember 1944.

Nach Kriegsende wurde Günther Gottschalk neben Oskar Gründler, Hermann Henselmann, Hugo Meister u. a. Mitglied des am 3. Mai in Gotha konstituierten „Antifaschistischen Komitees“ und einen Tag später zum neuen Oberbürgermeister der Stadt Gotha ernannt.

Doch schon im Dezember 1945 trat er von diesem Amt zurück, um wieder als Anwalt zu arbeiten.

Er heiratete 1946 ein zweites Mal und starb am 30. September 1947.

An die Verschleppung von Anna Kunreuther und Marie Luise Gottschalk erinnern zwei Stolpersteine vor dem Gebäude. Gottschalks Tochter Gabriele, der er die Villa schon 1926 übertragen hatte, verließ nach Gründung der DDR das Land Richtung Westen.

1952 übernahm die Stadt Gotha die Villa und übergab sie zur Nutzung dem „Klub der Kulturschaffenden“, der sie bis 1990 nutzte. Danach wurde das Gebäude restituiert, stand 30 Jahre leer und verfielt.

Nun hat es Michael Leepin erworben. Was der Bauingenieur mit dem fast vollständig verfallenden Gebäude vorhat, erzählt er im Interview mit „Oscar am Freitag“-TV:

(3. Juni: korrigierte Version des Textes vom 20. Mai aufgrund neuer Quellenlage zur Herkunft der Villa, insbesondere durch die freundliche Unterstützung durch Jens Geutebrück)

Quellen:
– Festschrift „110 Jahre WBG“
– Matthias Wenzel/Mark Escherich: Villen in Gotha. Band 2, Rhino-Verlag, Arnstadt/Weimar, 2000, ISBN 3-932081-40-4,
Wikipedia
– Jens Geutebrück: www.gotha-wiki.org

 

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